Wulf fährt mich nach Leeste - die Vorgeschichte dieser Zeilen

Ich hatte die Medower besucht, am Tag vorher in Greifswald mich etwas angestrengt. Gerade fertig mit Ott nach Anklam zu fahren, überfiel mich dies "Unwohlsein", so dass wir nicht ins Museum, sondern zum Krankenhaus fuhren, wo nach den üblichen Untersuchungen, der Befund einen "angina pectoris" Anfall vermuten ließ. Nach Hause mit der Bahn! Auf keinen Fall, sagte die Ärztin, am Besten ist es, es fährt sie jemand mit dem Auto zurück!

Nun es half nichts, ich musste schon einwilligen und dann erschien Wulf mit Robert, seinem großen (17) Sohn als "Copilot" für die Rückfahrt.

Wir saßen bequem, auch Wulf, der sich immer nur im Trabi recht unbequem hinter das Lenkrad quetschen konnte. Es war mir nun sehr recht und ich war dankbar, dass Wulf sich bereit erklärt hatte. Recht war mir auch, dass ich die Gelegenheit wahrnehmen konnte, einmal mit meinem Enkelsohn zu plaudern, er saß schräg hinter mir. Seit einiger Zeit machte er den Eltern etwas Kummer. Die Schule wollte ihm nicht schmecken, auch sympathisierte er mit den "Skinheads" jedenfalls im äußeren Haarschnitt, Stiefel usw. Sicher nichts Besonderes für sein Alter, aber ... .

Nun, vielleicht nimmt er von seinem Großvater einen Rat an? Robert, Du bist jetzt auf dem Gymnasium in T. Wie läuft es den da so? Wenn ich an meine Gymnasialzeit zurückdenke, habe ich nicht gerade die besten Erinnerungen, ein groß' Teil unsrer Lehrer damals waren ganz schlechte Pädagogen, heute mag es ja besser sein, oder? Na, ich merke, Dir ist die Schule auch kein ungetrübtes Vergnügen. Aber Robert, dat helpt ja nich, man möt dörch! Man möchte ja etwas werden, etwas tun, damit die Welt besser wird. Wir Alten haben bei so manchem wissenschaftlichen und technischen Fortschritt doch auf entscheidenden Gebieten versagt. Aber, wenn man etwas nun besser machen will, dann muss man zunächst einmal gewisse Spielregeln anerkennen, d.h. die Schule annehmen, und ganz banal gesagt, den Schein anstreben der weiterhilft, also Abi u.a. Denk mal: Chrischi ist ja Ärztin, sie möchte ihren Facharzt bei dem Arzt machen, der neue Methoden anwendet, das hat sie im Praktikum bei ihm schon anwenden dürfen, aber sie wäre nicht einmal auf die Bewerberliste gekommen, wenn sie auf die Frage, ob sie ihren Dr. hätte, mit nein hätte antworten müssen. Gewiss vermittelt eine Doktorarbeit Spezialkenntnisse, aber ein besserer Arzt wird man kaum durch die Promotion. Und noch ein Gesichtspunkt! Und noch einer aus unsrer Familie hat einmal gesagt: als Facharbeiter verdiene ich später meist mehr und habe weniger Ärger, aber ich möchte mir doch nicht von einem dumm kommen lassen müssen, nur weil der sich "Ingenieur" nennen darf; deshalb will ich nun doch studieren, zumal ich mir den Studienplatz sauer genug verdient habe.

Also, überleg mal und sag es dir immer wieder einmal, ob es sich nicht lohnt, die Schule zu ertragen! Es gibt ja auch Lehrer und Fächer die man mag, Lehrer, die junge Menschen verstehen und die einem dann auch etwas bedeuten. So war es zu meiner Zeit auch schon, Gott sei Dank! Hier hielt ich erst einmal inne und versuchte, festzustellen, wo wir uns inzwischen befanden. Güstrow kann hier nicht weit sein, dachte und sagte ich. Den Umweg dahin zu machen, lohnte sich jedoch sicher nicht, denn wir würden ihn kaum antreffen; das ist ja die Kehrseite bei Leuten, die sich engagieren, so wie er. Er war immer begeistert von den Aufgaben, die sich stellten, hatte es auch verkraftet, dass er nicht studieren durfte, was er wollte. Das er überhaupt ohne große Widerstände studieren konnte, verdankte er - ich weiß nicht, ob du es weißt - der an sich traurigen Tatsache, dass sein Vater noch ohne einen Beruf zuhaben gefallen war, so dass der Sohn als "Arbeiterkind " angesehen wurde.

Übrigens waren Axel und Lutz mal wieder bei euch? Sie haben die Schule auch durchgestanden - Ja doch die waren mal da - Doch was nun, war es richtig, was ich gesagt habe, oder auch, dass ich überhaupt dies Gespräch versucht hatte? Schon oft hatte ich das Gefühl, die Jüngeren wollen uns Alte gar nicht hören, doch, siehe da, der Enkelsohn wollte noch hören, wollte fragen.


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