Jugend in Anklam I - Schule und Malerei

Anklam war nun die nächste Etappe. Brown-Boveri konnte keinen verheirateten Ingenieur beschäftigen, so zog die Familie nach Anklam, der Heimat des Vaters, wo er sich noch einmal selbstständig machte. Dieser Wechsel war nicht nur für die Eltern schwer, auch mir fiel die Veränderung schwer: Aus Schlesien nach Pommern, aus einer Schule, die ich in der Erinnerung heute noch in hellem Sonneschein sehe, in den dunklen Klassenraum der alten Schule am Steintor, wo der Lehrer sich mit dem Stock über die Bänke gehend und prügelnd einer lauten Schülerschar gegenüber Respekt zu verschaffen suchte. Doch belastender war dass die Auswirkungen von Inflation und Weltwirtschaftskrise auch unsre Familie hart trafen. Im harten Konkurrenzkampf konnte der Vater schlecht bestehen. Du bist zu gutmütig, sagte ihm nicht nur die Mutter, auch seine Brüder. So florierte das Geschäft ganz und gar nicht. Und wenn einmal ein großer Auftrag vorlag, so brachte er bei der rasenden Geldentwertung nur Verlust ein. Butter, so wurde erzählt, wäre schließlich der Lohn für Arbeit von Wochen gewesen, so dass schließlich nur gegen Naturalien gearbeitet wurde, an eine Sack Erbsen erinnere ich mich noch.

Nur die Ankerwickelei (Reparatur der Elektromotoren) war eine unangefochtene Domäne des väterlichen Betriebes. Doch weil die großen Motoren der Bauern und Müller nicht sehr oft - oder nicht so oft - repariert werden mussten, war bei und das Geld eigentlich immer knapp, das Konto bei der Sparkasse überzogen, Gläubiger nicht mehr willig und die Schuldner hartnäckig. Rechnungen blieben in der Regel lange unbeglichen; da erinnere ich mich an ein Geschehen, das fast ein echtes Unglück war: Ich sollte noch am Sonnabend das Geld von einem säumigen Zahler holen, bekam es auch und verlor - wie es geschehen, weiß ich heute noch nicht - einen 20-Markschein. Das war schlimm; der Monteur wartete schon auf seinen Wochenlohn, der Lehrling wollte sein Lehrlingsgeld und die Mutter brauchte dringend das Wirtschaftsgeld, das sowieso nur dazu reichte, den billigsten Reis (voller Mäusedreck, die billigsten Haferflocken (voller Spelze) zu kaufen. Gewiss hielten wir Hühner, hatten den Garten an der Friedländer-Chaussee, aber wir waren immer 7 oder gar 8 Menschen, die satt werden sollten (ich war eigentlich immer nicht recht satt), anscheinend vom Aussehen doch etwas unterernährt, so dass ich von der Schule aus, als Quintaner; während der Sommerferien auf dem Stadtgut in Gellendin sein durfte. Früh morgens wanderte ich dorthin und nach dem Abendbrot wider nach Hause. Es war eine schöne Zeit, alles Interessierte mich, und als ich eines Morgens die Kühe im feuchten Klee stehen sah, wusste ich wie gefährlich das für die Herde war und lief, so schnell ich konnte, dies zu melden, und war stolz als daraufhin schon aufgedunsene Tiere noch gerettet werden konnten. Gern saß ich bei einem alten Landarbeiter, der ein ebenfalls altes Pferd beaufsichtigte, das den Göpel in Bewegung hielt.

In den Ferien durften wir auch oft bei Onkel Ewald, dem Fleischermeister in der Burgstraße sein, Ruth als Kindermädchen und ich als "freier Mitarbeiter" im Stall, wo das Pferd stand, in der Werkstatt beim Wurstmachen und beim Einkauf des Schlachtviehs, das mit dem Pferdewagen oft von weither herangeschafft wurde. Dass er mich auch zum Schlachthaus mitnahm, war vielleicht nicht richtig; in Erinnerung ist mir allerdings, wie Männer böse wurden, als ein Kollege das Tier nicht schmerzlos betäuben und schlachten konnte. Sie warfen ihn buchstäblich beiseite. Diese Ferienerlebnisse: in Gelleindin, wo ich bemühte Plattdeutsch zu lernen, beim Onkel, der mir auch mal das Pferd anvertraute, wenn der Wagen in der Remise an der Peene abgestellt worden war; wobei ich einmal fast zu Schaden gekommen wäre, als das Pferd im Trab auch durch die enge niedrige Haustür zum Stall strebte und ich noch drauf saß, aber auch das Zeichnen, für das man mir Anerkennung zollte und nicht zuletzt die Pfadfinderei halfen mir die Schule ertragen, die ich lange als Quälerei empfand.

Die Umschulung hatte nicht geklappt, das Schulsystem in Schlesien und Pommern war nicht einheitlich. Während in Anklam schon die lateinische Schrift in der Schule eingeführt war, war es in Breslau noch die deutsche gewesen. So begann nach kurzer Schulzeit in der Stadtschule am Steintor meine Gymnasialzeit mit einer schweren Hypothek für den Lateinunterricht, dem ja am Humanistischen Gymnasium besondere Beachtung geschenkt wurde. Weil ich nun einerseits zu schüchtern, andrerseits auch zu stolz war, dies einzugestehen, kam ich Latein auf keinen grünen Zweig, was schließlich dazu führte, dass man mich in der U3 sitzen bleiben ließ. Zeitlich war das zwar kein Verlust, weil ich schon nach 3 Grundschuljahren aufs Gymnasium gekommen war, aber es war doch schlimm, weil dadurch u.a. auch die Schulgeldermäßigung gefährdet war. Auch kränkte und schockierte mich in Anklam die pädagogische Methode, mit der die Lehrer nicht nur in der Stadtschule, sondern auch auf dem Gymnasium zur Durchsetzung ihrer Autorität es mit dem "aliquid cum baculo" hielten, was ich von Breslau her nicht kannte. Noch unser Griechischlehrer glaubte dem antiken Leitwort folgen zu müssen: ,;O me dareis anthropos ou paideuetai", er gebrauchte fleißig ein Stöckchen, mit dem er auf die offene Hand schlug, wenn jemand störte oder vorsagte, und wehe, wenn jemand die Hand zurückzog, dann schlug er windmühlenartig auf den "Feigling", so nannte er der Übeltäter, ein, so dass seine Manschetten oft in den Klassenraum flogen. Übrigens hat er sich für die Stadtgeschichte verdient gemacht und Wesentliches zur Geschichte der Klöster (Stolpe und Augustinerkloster) veröffentlicht. Als ich meine Examenspredigt in der Marienkirche hielt, saß er unter der Kanzel.

Was mir die Schule erträglich machte, war das Zeichnen, das mir auch Lob und Anerkennung brachte, jedenfalls bis dahin, als ein neuer Zeichenlehrer kam, der mir kein "gut" mehr gab. So aber fing es an, von den Breslauer Studien habe ich schon erzählt. Es war wohl schon in der Sexta, als ich andern gleich - oder besser - etwas auf die große Wandtafel zeichnete.

Es war natürlich ein Pferd, das meine Klassengenossen bestaunten und mich hinderten, es schnell vor dem Eintreten des Lehrers abzuwischen. Der staunte auch und nach und nach musste die ganze Lehrerschaft, wohl auch die ganze Schule dies "Kunstwerk" betrachten. Nun kurzum ich glänzte als Zeichentalent, bis, ja es war wohl schon U II der neue Zeichenlehrer mir nur eine "Drei" gab, woraufhin ich es wagte ihn zu fragen: Warum? Darauf sagte er - in der Absicht mich zu blamieren: Gehen Sie in die Aula! Setzen sie zwei Stühle so aufeinander, wie man es macht beim Reinigen des Raumes. Stapelstühle waren noch nicht üblich. Wenn Sie es fertig bekommen, diese Stühle exakt abzuzeichnen, dann bekommen Sie sogar eine "Eins"! Ja, ich bekam sie und dazu seine Freundschaft und Förderung.

Ich durfte einen Kunstgewerbekursus am Abend besuchen und einen Lehrgang im Porträtzeichnen bei ihm absolvieren. Und ich bekam bald von ihm die Erlaubnis, den Zeichenunterricht am Sonnabend zu schwänzen: Sie zeichnen ja auch sonst und im Unterricht tun Sie es für die andern. Um mein Glück voll und ganz zu machen: Auch der Musiklehrer verzichtete am Sonnabend auf meine "Mitarbeit", weil ich in seinen Augen ein "Brummer" war. Ich hatte nun reichlich Zeit, mich auf die Wochenendunternehmung der, Deutschen Freischar (Pfadfinder) vorzubereiten. Nach und nach waren die Älteren zur Uni abgewandert, und ich zum Führer der Anklamer "Jomswikinger" avanciert, wie wir uns nannten. Die Gruppe der Jugendbewegung am Gymnasium war ein Zweites, was mir die Schule erträglich machte.


6 / 13