Jugend in Anklam II - Pfadfinder

Die "bündische Jugend" in Anklam, was war das? Die Älteren hatten wohl noch eine Wandervogelgruppe am Gymnasium gehabt, dann waren da die Corpspfadfinder gewesen (boy-scouts), dann - das galt wohl, als ich dazu kam - war es eine Gruppe der Ringpfadfinder und schließlich die Deutsche Freischar, Bund der Wandervögel und Pfadfinder. 1920 war, soweit ich es übersehe, die ganze Schule unter der Leitung von Dr. Eichhof eine Gruppe der Corps-Pfadfinder; es gab aber auch noch Angehörige der Wandervogel. Beide Gruppen standen lange in Konkurrenz zu einander, zumal die der Corpspfadfinder stark zusammengeschmolzen waren. Nach mancherlei Bemühungen kam es zeitweise zu einer lockeren Zusammenarbeit.

Als ich 1922 dazu kam, nannte sich die Gruppe der ehemaligen Wandervögel B. D. R. Siedlung Anklam. Es waren also Ringpfadfinder, die mich "keilten" Das heißt eines, Tages fragte einer der Söhne des Rektor Bollnow, ob ich am Nachmittag nicht mitkommen wollte, wenn sie nach Menzlin durch die Wiesen gingen. Es machte mir Spaß und ich ging wohl regelmäßig mit, wenn die Gruppe auf Fahrt ging, d.h. nach Relzow oder zum Hohen Stein oder zur "Grünen Wiese oder nach Johannishof u.a. Natürlich ging es nach Norden zu immer durch die Wiesen, was erlebnisreich in vieler Hinsicht war. Da waren die Gräben, die zu überwinden waren, da waren Torflöcher, da gab es nasse Füße und auch mancherlei zu entdecken.

Eines Tages musste ich die Wölflingsprüfung ablegen und bekam feierlich das Wölflingszeichen verliehen. Vielleicht ist es nicht uninteressant, was man in der Prüfung erbringen musste. Zuerst natürlich hatte man sich die Grundsätze des Pfadfindertums zu Eigen zu machen, die im Heftchen von Fritz Krüger wie folgt niedergeschrieben wurden:

-

-

-

-
-
Pfadfindertum ist uns tatfreudiger Wille zum Helfen und ernstes Streben, stets hilfsbereit zu sein, ohne Furcht vor Strafe, ohne Hoffnung auf Lohn.
Pfadfindertum ist uns Ringen nach Wahrhaftigkeit, Wissen und Können, Kampf gegen Falschheit und entnervenden Genuss.
Pfadfindertum ist uns Ringen nach einem gestählten Leib, in Schönheit, Kraft und Gesundheit und einem festen Willen, der diesen Leib beherrscht.
Pfadfindertum ist uns Gehorsam dem erwählten Führer, treue Liebe dem Freund und Achtung fremder Meinung.
Pfadfindertum ist unsere allumfassende Liebe, Liebe zu Volk und Land, Bekenntnis zum Deutschtum.

Sie fing an mit der Sage von Wieland, die ich erzählen musste, dann sollten Otto (Schalke) und ich Karten lesen und mehrere Fragen beantworten. [Und die Morsezeichen winken kam jetzt). Nun sollten wir springen, weit 1 1/2 Körperlänge und 1/2. hoch Körperlänge. (aus dem Stand).

Die Pfadfindergruppe war weitgehend ein "Nebenschule" Sie vermittelte uns Vieles, was das Gymnasium uns nicht oder nur unvollkommen gab auf den Fahrten am Wochenende: Pflanzen und Tiere beobachten und kennen lernen, den Himmel betrachten, Sternbilder bestimmen, nach der Karte zu wandern. Auf "Stadtfahrten" wurde uns die Geschichte der Stadt nahe gebracht, auch erwarben wir Grundkenntnisse der Baustilkunde an den damals noch reichlich vorhandenen Giebelhäusern, von der Gotik bis zur Gegenwart.

Unsre Überschüssigen Kräfte setzten wir nicht nur bei allerlei Spielen, Reiterkämpfen, Prellen, Stein (Große Brocken) zuwerfen u. a. ein, sondern auch, wenn es galt für alte Leute Brennholz und anderes Heizmaterial im Handwagen herbeizuschaffen. Man wagte sich auch an die Aufführung von Hebbels Nibelungen. In der Aula des Gymnasiums erntete es viel Applaus. In der Weihnachtszeit wurde in den Heimen gesungen, und im Krankenhaus so auch am Heiligen Abend und am Weihnachtstag in der Nikolaikirche. Selbstverständlich Weihnachtslieder, auch bei unseren Heimabenden. Die Älteren lernten und übten Verbände anlegen und Künstliche Beatmung.

Für mich persönlich wichtig war es, dass ich in Hermann Bollnow (Prof. f. Geschichte) einen älteren Freund, einen Mentor hatte, zu dem ich, mit allen Fragen kommen konnte, die junge Menschen umtreiben. Dabei wurde mir nun auch die Diziplin, der er sich verschrieben hatte, die Geschichte vertraut und wichtig. So hatte ich auch Freude am Geschichtsunterricht von Dr. Bruinier, leider konnte er sich wenig Respekt verschaffen, so dass sein Vortrag oft im Toben der Klasse unterging.

Interesse an der Vorgeschichte wurde in der Gruppe geweckt, auch bei den Wölflingen, nachdem Bruder Helmut die "Wikingerfibel" in Menzlin gefunden hatte, die in der Fachwelt Aufsehen erregte: zwischen Slawischer Keramik eine Wikingerfibel!


7 / 13