Studium

Das Zeichnen weiterhin meine Freude war, sei auch erwähnt, besonders Porträts entstanden laufend. Dann nahte das Abi. Was sollte, was wollte ich werden?

Ingenieur wie der Vater? Dafür brachten wir beide, Helmut und ich, wohl Voraussetzungen mit, aber das Schicksal unseres Vaters schreckte uns ab. Bei seinen großen Kenntnissen und Fähigkeiten als Ingenieur hatte er sich, durch die allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse gezwungen, als selbständiger Handwerksmeister durchschlagen müssen. Also nur das nicht, die Verhältnisse sahen nicht rosiger aus. Zeichenlehrer-Kunststudium, dazu riet der Zeichenlehrer, aber auch hier: Nein. Zeichnen macht ja Spaß, ist keine Arbeit und die Aussichten? Und das Studium, wovon sollte es bezahlt werden? Geschichte und Kunstgeschichte? : Gern, aber auch hier, woher die Mittel zum Studium? Und da war dann noch Theologie. Pastoren wurden gesucht, für ein kleines Stipendium wollte der Superintendent Jungmichel sorgen. Aber da waren nun nach dem guten Konfirmandenunterricht trotzdem noch allerlei Glaubensfragen offen geblieben. Kannst du trotzdem, so fragte ich mich. Aber ja, sagte ich mir, gerade deshalb sollst du Theologie studieren, hier geht es ja doch um die wichtigsten Dinge und Grundlagen für ein Leben. So entschied ich mich zu diesem Studium auf "Wagnis". Realisierbar erschien es auch, wenn ich mich für ein Studium nur in Greifswald und als Fahrstudent entschied. So ließ ich mich zum Sommersemester 1930 in Greifswald immatrikulieren und wurde Mitglied der Hochschulgilde St. Georg, der schon Freunde aus der "Freischar" angehörten. Wichtig war mir da das Zusammensein mit Menschen verschiedenen Glaubens, verschiedener Fakultäten, aber alle einig im Suchen nach neuen Lebensformen, nach neuen, Zielen im Geiste der Jugendbewegung.

Äußerlich lebten wir in den bündischen Formen, d.h. in Kleidung (kurze Hose, Hemd), im Verhalten zu Alkohol und Tabak und zum andern Geschlecht. Wandern, Singen, Austausch unserer Fachprobleme. In Teeabenden diskutierten wir oft mit Gästen bis in den Morgen hinein, der uns meist zu schön zum Schlafen war. Nach einem Bad in Wiek war dann noch diese oder jene Vorlesung dran, die ich unbedingt hören musste, weil ich ja die Fleißprüfung am Semesterende ablegen musste, um Gebührenerlass oder Freitisch zu bekommen.

Wenn keine Seminare waren, fuhr ich in der Regel nach Hause, um einige Privatstunden zu geben (für die Monatskarte der Bahn und etwas Taschengeld).

In den Semesterferien war ich zu Hause, arbeitete wohl auch mal als Hilfsmonteur beim Vater, kümmerte mich um die Freischargruppe, der ich Paddelboote baute, war Kindergottesdiensthelfer und machte auch einmal eine Radtour mit einem jungen Ingenieur (Giertz aus Pelsin) durch Mecklenburg, die Lüneburger-Heide, Schleswigholstein. 1931/32 organisierte die Gilde einen freiwilligen Arbeitsdienst in Klein Zastrow, wo wir mit arbeitslosen Jugendlichen aus dem Ruhrgebiet Äcker drainierten, ehe das Gut an Siedler vergeben wurde. Ich ließ mir damals nicht träumen, dass ich dort zwei Jahrzehnte später treue Gemeinde in SED-Zeiten haben würde.

Die Theologische Fakultät hatte damals namhafte Lehrer. Besonders angetan war ich von Joachim Jeremias NT, der mich einmal zum Mittagessen einlud und sich wunderte, dass ich als halber Schlesier das Gericht, das er bestellt hatte, nicht kannte. Es hatte den Namen "Schlesisches Himmelreich" und bestand - soweit ich mich zu erinnern glaube - aus Mehlklössen mit Pflaumen und Kassler. AT hörte ich bei Baumgärtel, bei dem ich eine Fleißprüfung an seinem Krankenbett machte. Er hatte sich beim Absteigen vom Fahrrad verletzt. Als Kirchengeschichtler verehrt wurde Wolfgang Beyer, der als Sanitätssoldat gefallen ist. Bei Rudolf Hermann hört ich Dogmatik, der mir ein Semester Studium in Königsberg ermöglichte. Das Studium dort ist mir in mehrfacher Hinsicht in sehr lebendiger Erinnerung. Im Nacht-D-Zug nach Königsberg stellte ich beim Blick ins Nebenabteil fest, wie man auch im Zug schlafen kann. Die Beine hoch in die Ecke gestellt schliefen da drei Japaner.

Dann die Fahrt durch den Korridor (eine für die Zugverbindung zwischen Pommern und Ostpreußen genehmigte Verbindung) Die Fenster mussten geschlossen bleiben, polnische Polizei patrouillierte im Gang. Und dann schließlich um 6 Uhr früh die Ankunft in Königsberg. Wohin so früh, die Anschrift vom Lutherheim und Iwandt hatte ich wohl, aber wohin? Es war kalt, ich übernächtigt, aber draußen, auf dem fast leeren Bahnhofsplatz, begegnete ich noch größerer "Not". Da standen blasse frierende Kinder und sprachen mich an: Herrche, gäbse mir a Pfannich! Und dann nach vielem Hin- und Herlaufen das Zimmer in der Richardstraße, eigentlich nur eine Abstellkammer mit einem Bett und einem Waschgestell, die die verbitterten abgehärmten Menschen zur Aufbesserung ihrer Arbeitslosenunterstützung vermieteten.

Meine "Wirtsleute" erhofften alles von Hitler; er und seine SA waren mir damals schon nicht geheuer. Mich stieß die gewalttätige Art ab.

Ein Stück Heimat war mir auch hier die Gilde, die im "Dohna", einem der alten Festungstürme, ihr Heim hatte. Zu den Freunden der Gilde gehörte u. a. Professor v. Arseniew, der Orthodoxe Theologe. Gern diskutierten wir mit ihm und ließen uns einführen in obstkirchliches Christentum. Wertvoll waren mir Vorlesungen und Seminare bei Schniewind und Uckeley. Um etwas von Problemen der Wirtschaft kennen zu lernen, belegte ich eine Vorlesung in dieser Disziplin. Zu den Aktivitäten der Gilde gehörte unter anderem die freiwillige geheime Ausbildung bei der Reichswehr, weil man fürchtete, dass Polen in einer Nacht- und Nebelaktion das Abstimmungsergebnis in Masuren, das haushoch für Deutschland ausgefallen war, korrigieren möchte.

Weihnachten verlebte ich auf einem Gut südlich von Königsberg (Perkuiken) wo die junge Pächterfamilie sich erboten hatte, einen Studenten, der der Kosten wegen nicht nach Hause fahren konnte, gastlich aufzunehmen. Es waren schöne Tage bei von der Ropps, die sich gerade über die Geburt ihres ersten Kindes freuten (eine Zeichnung von dem Kind habe ich noch). Hier hatte ich auch das seltene Glück, Elchen in freier Wildbahn zu begegnen: "In dem Wäldchen gibt es welche, aber sie werden kaum Glück haben!" Aber als ich nur wenige Schritte auf einem schmalen Weg vorsichtig hinein gegangen war da stand ein Riesentier vor mir, das sich langsam in den Wald zurückzog und seine Kühe mitnahm, die ich jetzt erst bemerkte.

Da sie nicht wie Rehe etwa flüchteten, konnte ich mich in vorsichtigem Nachfolgen noch eine Weile an ihnen freuen. Dass ich Königsberg an den Wochenenden bis in die letzten Winkel erkundete und dabei lieb gewann, sei erwähnt. Zwölf Jahre später wurde ich im großen Gefangenentrupp durch die Trümmer der einst so schönen Stadt zum Ponarter-Bahnhof getrieben, zur Registrierung, wie man uns sagte. Wir hatten ja erst nach der Kapitulation die Waffen niedergelegt. Das dauerte dann für mich drei Jahre.

Zurück nach Greifwald: Die letzten Semester, die letzten. Seminare und 1933 der Schock, dass man die Verbindungen - ohne sie zu fragen - in die SA überführte und damit auflöste. Zum 1. Examen 1934 hatte ich mich frühzeitig gemeldet, eine Studienverlängerung konnte ich mir nicht leisten. Die schriftlichen Arbeiten hatte ich fertig (Predigt, Katechese, wiss. Arbeit), da wurde ich krank, Nervenzusammenbruch nannte man es. Ich konnte nicht schlafen, Essen war eine Pflichtübung, was ich las, konnte ich nicht behalten. Mit andern Worten, eine Vorbereitung auf die mündliche Prüfung war nicht mehr möglich. Absagen aber wollte ich nicht und führ nach Stettin, das Ergebnis, Dogmatik bei Köpp, nicht bestanden, aber in Ethik (ja verwandte Disziplin) eine "1". Die kirchlichen Oberen hatten Verständnis für meine Lage. Es war einfach zuviel gewesen, was ich mir zugemutet hatte, Studium von Anklam aus, nur ein Semester hatte ich im Studienhaus wohnen können, in Anklam Privatunterricht, Aktivitäten mit der Pfadfindergruppe, denen ich Paddelboote gebaut hatte. Man nahm mich als Vikar an (bei Sup. Jungmichel) und schickte mich als Prädikant nach Leopoldshagen, wo ich mich erholen sollte. Allerdings jeden Sonntag musste eine neue Predigt sein!


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