Zwischen Studium und Kriegsbeginn

Meine erste Pfarre. Wie das anfing, das sehe ich noch sehr deutlich bildhaft vor mir. Ein strahlender Sommertag. Sup. Jungmichel hatte mich mit einem Mietsauto nach Leopoldshagen gebracht, das sich so verspätet hatte, dass er mir nur kurz sagen konnte, bei wem ich mich melden sollte, um dann so schnell wie möglich zurückzufahren, um einen Termin nicht zu versäumen. Aber da stand ich nun auf der breiten Dorfstraße, mutterseelenallein und niemand zu sehen, den ich nach dem Weg zum Kantor Krüger fragen könnte. Aber da im Schatten standen ein paar Kinder, frag die, sagte ich mir.

Und ich fragte sie: Sagt mal, wo wohnt Lehrer Krüger? Keine Antwort! Was ist mit den Kindern? So dumm sehen sie doch nicht aus? Da kam mir der Gedanke, versuch es mit Platt! "Kinnings, secht mie eis wo wohnt euer Köster? Da kam Leben in die Kinder und es sprudelte aus ihnen heraus: " Kam se ma fixing, wie willn se dat wiesen." So war das also noch 1934 in Leopoldshagen: Die Muttersprache war Platt, und Hochdeutsch die erste Fremdsprache Bei Küster Krüger erfuhr ich dann alles, was ich wissen musste, auch dass ich bei Frau Liermann wohnen könnte, das Pfarrhaus war ja abgebrannt. Im Laufe des Gesprächs, das ich dann mit ihr hatte, sagte sie mir: Herr Vikar, die Leute sagen: "De nie paster reädt platt." Nanu dachte ich, das Dorf schien leer, alle Leute im Heu und dennoch so schnell funktionierte die Weitergabe von Neuigkeiten - und das ohne Telefon! Und dann begann eine schöne Zeit. Das Platt, das ich in Gellendin gelernt hatte, hatte mir die Tür zu den sonst so verschlossenen Leopoldhagenern geöffnet. Weil ich aus Anklam war und ihr Platt sprach, war ich einer von ihnen und wenn dann von mir die Rede war, dann hieß es: Uns lütt paster. Nun, ich freute mich natürlich darüber, denn der Mensch hat es gern, wenn man ihm mit Zuneigung begegnet. Ich erholte mich auch nach und nach. wenn mir auch hin und wieder einmal schwarz vor den Augen wurde und ich mich einmal -sehr unliturgisch - bei der Liturgie an den Altar lehnen musste.

Ob aus Neugier - die Gottesdienste waren erstaunlich gut besucht. Mit den Honoratioren des Dorfes kam ich gut aus, das waren neben den Ältesten die drei Lehrer und der Förster. Meine 14 Konfirmanden waren so brav, wie eigentlich kaum zu übertreffen, was mir allerdings am Tage der Konfirmation fast schlecht bekommen wäre. Ich hatte leichtsinnigerweise versprochen, sie alle an diesem Tage noch zu besuchen, weil mich alle eingeladen hatten. Wie schwer das bestehen war, kann man sich denken. Um Mitternacht war ich fertig! Meine Gesundheit hatte sich so gefestigt, dass ich auch den 1. Mai gut überstand, an dem ich doch mich sehen lassen möchte bei der Nachfeier im Saal. Vom Tisch der Ältesten und Bauern, musste ich noch am Tisch einiger Büdner mich niederlassen. "Oder sind wir Ihnen nicht gut genug?"

Weil man da natürlich nicht Limonade oder Cola, die es noch nicht gab, trank, war das nun eine wirkliche Gefahr für mich. Würde ich noch aufrecht nach Hause gehen können. Ich hatte mich aber schon erstaunlich gut erholt und schaffte es, worüber sich einige nicht schlecht wunderten. Meine Leopoldshagener hatten allerdings unwissend noch eine weitere Gefahr für mich bereitgehabt. Wie ich schon erwähnte, waren alle Verbindungen an der Uni in die SA überführt worden, so war ich auch nach L. gemeldet worden. Vom meist sonntäglichen Dienst konnte ich mich freimachen unter Berufung auf meinen Pfarrdienst. Aber so sagten die jungen Leute des Dorfes, mit denen ich ein Vertrauensverhältnis behalten wollte: Dann könnten Sie doch in der Woche an einem Abend mit uns Sport treiben. Sport, das hieß damals aber Wehrsport. Das gefiel den jungen Leuten so gut, dass sie mich ohne zu fragen, sie wollten mir ja was Gutes tun, über den Scharführer in Bugewitz zum "Parteianwärter" vorschlugen. Das war nun eine dumme Geschichte! Aber wie Opa Berker wollte ich nicht PG werden, obwohl einige meiner Freunde meinten, sie könnten als PG, vertrauend auf entsprechende Äußerungen, Gutes stärken oder bewirken. Das ich nie PG werden würde, war mir auch klar, denn schon in L. hatte der Landjäger den Auftrag auf mich "Aufzupassen" wie er mir vertraulich mitteilte. Trotz allem, ich wäre gern in L. geblieben, wo man mir in so großem Maße Vertrauen entgegen brachte, wie es ich in einem Fall, den ich noch erzählen möchte (ich habe es auch aus einem andern Grund oft getan) erlebt hatte.

Wer Leopoldshagen kennt, weiß, dass es ein sehr langes Dorf ist mit breiter Dorfstraße, auf der einen Seite mehr als 30 Bauern, auf der andern Seite Büdner. So blieben Zwistigkeiten nicht aus, zwischen Bauern und Handwerkern, zwischen einem Dorfende und dem andern usw.

In einem solchem Streitfall erzählt mir nun der eine dies, der andre zog mich auch ins Vertrauen und ich hörte es anders. Wie sollte ich reagieren, immer nur "Ja, Ja" sagen ging doch auch nicht. So fragte ich die andere geistliche Autorität des Dorfes, den Hauptlehrer und Küster Krüger um Rat, der mir jedoch nur sagen konnte: Ich weiß davon gar nichts. Was nun? Da fragte ich den Ältesten Hagemeister und saqte: "Hagemeister, wo is dat, de einen sengn so, de ander secht so, Köster Kröger hew ich all fragt, man he seh: ich weiß nichts davon." Da lachte er und sagte: "Je, den vertelln wie dat nich, de is ja n utländer". Ausländer, aber wieso denn, er stammte aus dem Pyritzer Kreis und war schon 20 Jahre Hauptlehrer und Küster im Dorf.

Ich wäre gern in L. geblieben, doch abgesehen davon, dass L. nicht wieder besetzt werden sollte, ich musste zum Predigerseminar.

Die Kirchenpolitische Situation, wie sah sie aus, wie erlebte ich sie? Nach so langer Zeit darüber noch etwas sagen, kann leicht wie eine Rechtfertigung aussehen. Aber es ist wohl so: Unsre, der Kandidaten, Stellungnahme Für oder Wider, Bk oder DC hing sicher in vielen Fällen auch davon ab, welche Pastoren (Vikarsväter) uns zusagten. Mein Vikarsvater war Superintendent Jungmichel, er war mir das Vorbild eines guten Pastors, er war mir väterlich zugetan.

Im unerquicklichen Streit der Parteien, der bis in die Gemeinden hinein zu Spaltungen führte, hatten er, Sup v. Scheen und Andere zu brüderlicher Zusammenarbeit auf dem Boden des Lutherischen Bekenntnisses aufgerufen. Das entsprechende Papier hatte auch ich unterschrieben, so kam als Predigerseminar nur das des Konsistoriums in Kückenmühl-Stettin in Frage, das Lic. Nordmann leitete. Weil wir alle schon als Prädikanten gewirkt hatten, konnte in einem halben Jahr darauf aufbauend gearbeitet und ergänzt werden, was uns an Kenntnissen noch fehlte (Verwaltung, Kirchenrecht, Posaunenarbeit) Es wurde wissenschaftlich gearbeitet, Kindergottesdienst, Konfirmandenunterricht erteilt und in der Woche in der Nordkapelle der Jakobi-Kirche Gottesdienst gehalten (natürlich jeweils danach im Seminar kritisch beurteilt). Brüderhaus und Anstalt Kückenmühl. Am Sonntag gingen wir meist geschlossen zu Brendtorf (BK) in den Gottesdienst.

Jedenfalls wir Drei: Edgar Wolter, Walter Rellerhof und ich, die wir gute Freunde geworden waren. Am Gottesdienst bei Rendtorf nahm auch oft der greise Feldmarschall v. Mackemsen mit seiner Verwandten teil, der nördlich von Stettin wohnte. Er erschien in voller Uniform, um zu zeigen, dass ein "guter Deutscher" auch ein guter Christ sein kann. Es war zu dieser Zeit schon offenkundig, dass die Partei nicht dieser oder jener Kirche Kampf angesagt hatte, sondern ganz klar dem christlichen Glauben. Meine Wissenschaftliche Arbeit und meine Predigt in der Epiphaniaszeit haben die Plünderung meiner Wohnung in Usedom überstanden.

Als wir dann nach Beendigung der Seminarzeit auf Pfarrstellen verteilt wurden, wurde ich auf meinen Wunsch hin nach Jakobshagen als Prädikant geschickt, d. h. nach Hinterpommern, dessen Kirchlichkeit gerühmt wurde, und das ich auch kennen lernen wollte. Aber seltsam, man traute mir mehr zu als ich selbst. Ich sollte also zu Sup. Russe, dem nach kurzer Zeit jeweils die Vikare weggelaufen waren. Man sagte mir das auch im Konsistorium und fügte hinzu: "Sagen sie gegebenenfalls Herrn Sup. Russe, sie wären nicht sein Vikar, sondern als Prädikant zur Versorgung der 2. Pfarrstelle nach Jakobshagen beordert worden." Sup. Russe war PG, predigte aber soweit ich es feststellen konnte gut und keineswegs nach schlechter DC-Theologie. Der Statur nach Napoleon ähnlich regierte er auch dem Imperator gleich den Kirchenkreis. So kam es denn auch mit mir zu einer Auseinandersetzung. Er verbot mir, Besuche im Bezirk der 2. Pfarrstelle zu machen. Da nahm ich alle Kraft zusammen, bemühte mich ruhig zu bleiben und sagte ihm: "Dies Verbot nähme ich nicht hin, mir wäre vom Konsistorium die seelsorgerliche Betreuung der 2. Pfarrstelle übertragen." Was ich noch hinzugefügt habe weiß ich nun nicht mehr.

Von da an ging es gut. Und wenn einmal nicht alles so lief, sagte ich mir: Du brauchst ja nur ein halbes Jahr hier bleiben, ohne Sup. Russe wäre ich auch gern länger geblieben.

Wenn ich an Jakobshagen, Saatzig, Tornow und Kempendorf zurückdenke - das waren die Kirchen des Kirchspiels in denen am Sonntag von uns beiden gepredigt wurde (jeder in zwei Kirchen) - dann sehe ich nur Tage voller Sonne. Unterricht und Gottesdienste waren eine Freude. bei den Besuchen erlebte ich viel Entgegenkommen, weil der Sup. bei Vielen nicht beliebt war. Mir gegenüber wohnte der junge, auch noch unverheiratete Tierarzt, wir freundeten uns an und wenn ich Zeit hatte, in den Sommerferien ergab sich das oft, fuhr ich mit ihm zu einem Kalb, das nicht ohne ärztliche Hilfe kommen wollte oder einem kranken Pferd.

Und einmal, an meinem Geburtstag mussten wir die Kaffeetafel bei ihm stehen lassen, um zu einer Kranken Kuh zu fahren, deren Zustand so bedenklich war, dass wir einige Stunden bei ihr bleiben mussten. Jakobshagen war kirchlich Hinterpommern wie es im Buch steht oder stand: Jeden Sonntag volle Kirchen, in den Dörfern mindestens eine Person aus jedem Haus. Und das Schönste, die Menschen hatten Vertrauen zu mir. So geschah es denn auch einmal, es war schon später Abend, da kam die erwachsene Tochter der einen jüdischen Familie - es gab 2 jüdische Familien, die schon seit Generationen in der Stadt wohnten - zu mir und fragte im Namen ihrer Familien, was sie denn nun tun sollten, denn die Nachricht von Diskriminierungen und Verfolgungen an anderen Orten war auch im stillen Jakobshagen bekannt geworden. "in Jakobshagen hier würde ihnen doch niemand etwas tun?" "Ja" sagte ich, "aber es kommen andre!" Und ich riet dringend, wenn sie die Möglichkeit hätten, das Land zu verlassen, es auch zu tun. In den nächsten Tagen waren sie fort. Hoffentlich hatten sie meinen Rat befolgt. Das es sehr schlimm werden könnte, darauf hatte mich mein Freund Max Heinrich Flos aus Stettin nach dem was ihm zu Ohren gekommen war, hingewiesen. Er stand schon vor dem 2. Examen und hatte vor für eine gewisse Zeit als Pfarrer nach Brasilien zu gehen (ich wollte ihm eigentlich folgen).

Mein Ziel aber war jetzt zunächst ein Pfarramt im unkirchlichen Vorpommern. Meinem Wunsch wurde auch entsprochen, doch vorher feierte ich noch das Stadtjubiläum mit. Zum Andenken und als Dank schenkte mir der Rektor der Schule, der eine umfangreiche Festschrift hat drucken lassen ein Exemplar, weil ich eine Zeichnung der Kirche beigesteuert hatte, die sich der engen Straße wegen schlecht fotografieren ließ (jetzt ist es anders; der Kirchenälteste Lipke in Dersekow schenkte mir ein Foto, das er anlässlich einer Reise in die alte Heimat gemacht hatte - machen konnte, weil die Hauser gegenüber nicht mehr stehen).

Auf meinen Wunsch hin schickte mich also die Behörde zum 1. Oktober 36 nach Vorpommern und zwar zur seelsorgerlichen Betreuung der Pfarre Dargitz mit 8 Ortschaften mit insgesamt über 3000 Seelen (Patznik allein über 2000). Im Pfarrhaus wohnte noch der 70-jährige Emeritus mit seiner Familie, so dass mir nur ein kalter Raum zur Verfügung stand, den er sich allerdings verpflichtet hatte, in der kalten Zeit heizen zu lassen, was jedoch den Raum erst von der Mittagszeit an bewohnbar machte.

Ich machte aus der Not eine Tugend und verlegte die anstehenden Besuche im nahen Schönwalde und Sandkrug auf den Vormittag, wobei ich es so einrichtete, dass ich je nachdem welchen Weg ich nahm, einmal in Schönwalde, der Domäne gegen 10 Uhr Besuche machen konnte oder in Sandkrug, dem Büdnerdorf. Wiedereinmal überlegte ich: So oder so, dass wurde mir ganz deutlich - diesen und nicht den andern Weg musst du gehen, und erfuhr kurz darauf, dass mich jemand dringend erwartet hätte. Ich sah das nicht als einen Zufall an, sondern es war mir wichtig als ein Zeichen dafür, dass Gott mich brauchen wollte.

Es war sehr viel im Kirchspiel zu tun, viele Amtshandlungen, besonders Beerdigungen, die ich als "Casualia", als Gelegenheiten ansah, nicht um über mangelnde Beteiligung am Gottesdienst zu klagen, sondern, um den Betroffenen in ihre Situation hinein Evangelium zu verkündigen. Das hat mir die Türen zu vielen Familien geöffnet. Es war bei aller Reserve der Kirche gegenüber, besonders bei der Arbeiterschaft, doch noch kirchliche Sitte da, also musste Konfirmation noch sein, und selbstverständlich Konfirmandenunterricht. Hier aber hatte ich ganz zuerst eine harte Probe in Jatznick. zu bestehen. Der Vorgänger war mit der großen Gruppe, etwa 45 Kinder, nicht fertig geworden. So betrat ich nun auch die Küsterschule, in der ich schon im Flur begrüßt wurde von einer johlenden Konfirmandenklasse, die sich auch nach meinem Eintritt in den Klassenraum nicht beruhigte. Es wurde weiter gestritten, gelacht und bewusst meine Gegenwart ignoriert. Ich sah mir das ein Augenblick an und glaubte dann den "Häuptling" erkannt zu haben, auf den ich dann entschlossen zuging, ihn barsch fragte, wie heißt Du? Wenn du nicht sofort aufhörst, bekommst du ein paar ... " Das war bestimmt pädagogisch anfechtbar. Aber egal, auf einen körperlichen Kampf mit mir wollte er es doch nicht ankommen lassen, obwohl er ein kräftiger Kerl war.

Dieser Einstieg in Jatznick führte dann zu einer so schönen Zusammenarbeit mit der Gruppe, dass ich noch gern daran zurückdenke. Ich hatte so viel zu tun, war in so viele Häuser gekommen, dass mir "besondere Erlebnisse" nicht mehr gegenwärtig sind. Nur an sehr feine Zusammenarbeit mit dem Hauptlehrer und dem kriegsverletzten Gemeindesekretär erinnere ich mich. Letzterer war mit der Bitte an mich herangetreten für die gemeindeeigene Leichenhalle einen Altartisch zu entwerfen. In den andern Dörfern ist mir die freundliche, ja herzliche Art, mit der die Pächterfamlie in Schönwalde mir gewogen war, in guter Erinnerung. Auch die Gespräche, auf der Windmühle auf halben Weg nach Stolzenburg mit dem intelligenten und kritischen Meister. Die Pfarre Dargitz war ganz und gar keine normale Landpfarre. Bauerndörfer waren lediglich Stolzenburf und Dargitz. Sandförde und Sandkrug waren Büdnerdörfer; Schönwalde Domäne und das große Straßendorf Jatznick bewohnten sowohl Bauern, als auch Büdner und Arbeiter der Fabriken, beim Bahnhof Jatznick auch Forstleute und Eisenbahner. Mit all diesen Gruppen bekam ich Kontakt und musste mich der Herausforderung stellen, diese so verschiedenen Menschen in ihrer Herkunft und ihrer Situation zu verstehen. Abgesehen von den ersten Besuchen in allen Häusern zu Beginn meiner Tätigkeit, die ja nur kurz sein konnte, hatte ich durch die Amtshandlungen (Beerdigungen, Haustaufen, Krankenabendmahl) laut Amtskalender 35 Familien in diesem Halbjahr besucht. Nach Weihnachten zwang mich eine Angina zu einer Pause, die ich in Anklam auskurierte, denn in Dargitz war das nicht möglich (siehe Wohnverhältnisse). Auch in Dargitz wäre ich gern geblieben zumal große Teile der Gemeinde es wünschte, aber es war klar: Vorbereitung zum 2. Examen war dort nicht möglich. So bat ich, mich für diese Zeit auf eine kleine Gemeinde zu setzen.

Das war Plönzig, Kreis Pyritz. Hier waren nur drei Dörfer zu versorgen und in zwei Kirchen zu predigen. Wohnung im Pfarrhaus war schlecht möglich, weil der Emeritus schon ausgezogen war. Die Gemeinde mietete mir ein Zimmer beim Briefträger, es lag im Obergeschoss des kleinen Häuschens, nebenan wohnte der Junglehrer, mit dem ich mich gut verstand. Auch die Wirtsleute waren freundliche Leute. Beide sehr ordentlich, hatten sie als sparsame Leute auch eine kleine Viehwirtschaft, wie üblich hielten sie auch zwei Schweine, an denen er mir nun zeigte, wie intelligente Tiere es wären. So warteten sie auf ihrer sauberen Pritsche, während er das Futter in den Trog tat, bis er sie rief, das war mir damals sehr eindrucksvoll, später erfuhr ich, dass es ja auch Zirkusnummern mit Schweinen gibt.

Dieser ordentliche Mann gab mir eines Tages, weil ich dringend ins Nebendorf musste, mit sichtbarem Widerstreben sein Leichmotorrad, das ich ihm beinahe doch nur lädiert hätte zurückgeben können. Ich war nämlich dort im Dorf von der Kuhherde überrascht worden, die von der Weide kommend plötzlich die ganze Dorfstraße füllte. Plönzig war eine Idylle, ich hatte eine Gemeinde, die mich angenommen hatte; der Gottesdienstbesuch war gut und wenn ich Familien besuchte, hatte ich den Eindruck, dass man sich wirklich freute. Ungewollt machte ich einer jungen Bauersfrau eine Freude, als sie erfuhr, dass ich aus Vorpommern war und platt sprach.

Ich hatte mein Tun und dennoch Zeit genug für die Examensvorbereitung. Auch wenn der Patron v. Wedemeier seine Hauptwohnung nicht in P. hatte, so war er und besonders seine Tochter Marita fast regelmäßig im Gottesdienst. Am 15. September war ich dann zum Examen in Stettin, das ich mit "im Ganzen gut' bestand. Nach einer Woche Urlaub in Anklam, wurde ich dann in der Schlosskirche von Stettin ordiniert, und zwar am 28. September für den "Provinzial Verein für Innere Mission", d.h. für einen volksmissionarischen Einsatz im kommenden Winter. Jochen Fuchs und ich waren dafür als Männer der Jugendbewegung für geeignet erachtet worden. So wurden wir winterfest eingekleidet: Stiefel, Stiefelhose, regenfester Mantel und Ski-Mütze. Doch ehe der Einsatz am 13. Oktober in Stettin mit einer gründlichen Vorbereitung begann, war ich schon am 25. Sept. noch einmal nach Plönzig zurückgekehrt, habe noch an den Sonntagen in allen Kirchen gepredigt und Konfirmandenunterricht gegeben und seltsamerweise am l0. Okt. noch bei der Familie Becker in Rosenfelde ein Kind getauft.

Die kirchlichen Wochen, die wir in vakanten Pfarren in Vor- und Hinterpommern abhielten waren apologetisch ausgerichtet gegen die offen zutage tretende Propaganda der Partei. Die ersten Wochen konnten ohne Störung durchgeführt werden. Auf Rügen wurden wir gehindert und mussten den Pfarrbezirk Rappin verlassen, Die erste Woche war in Kronheide, südlich von Stettin, in der letzten Oktoberwoche (ab 25. Okt. 1937). Zum, Abschlussgottesdienst kam der Posaunenchor der Diakone und Pf. Besch der Leiter der ganzen Aktion. Für den Schriftentisch, den wir im Koffer mitführten, sorgte Dr. Rautenberg. Unsre letzte Woche war in Lühmannsdorf Kreis Greifswald und endete am 27. März. Zum 1. April 38 wurden Jochen Fuchs und ich als Hilfsprediger in die Pfarren Werder und Altenhagen Kirchenkreis Altentreptow eingewiesen.


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