Pfarrer und Soldat

Nach Beendigung der Hilfsdienstzeit sollten wir dann auch, wenn wir es wollten, eingeführt werden. Ich aber wollte, als sich die Bewerbung um ein Pfarrdienst in Brasilien, als für mich nicht geeignet erwiesen hatte, auf Zeit Militärpfarrer werden, hatte auch in Stettin in der Garnisonkirche schon gepredigt und die Zusage auf baldige Berufung bekommen, auf die ich im Sommer 38 wartete. Aber als ich persönlich in Berlin nachfragte, erfuhr ich, dass die Partei meine Berufung vereitelt hatte. Haben Sie etwas mit Ihrem Ortsgruppenleiter? So fragte mich Bischof Dohrmann. Und ich antwortete: Nun, wir lieben uns nicht. Ja, das ist es! Ob und wann ich mich nun um meine Einführung in Altenhagen, das mir inzwischen lieb geworden war, bemüht habe, weiß ich nicht. Kaum hatte ich meine neue Gemeinde Haus für Haus besucht, da wurde ich jäh aus der Arbeit durch eine Einberufung zum Militär herausgerissen. Der Jahrgang 1910 wurde kurzfristig ausgebildet. Das bedeutete für mich in der Zeit vom 11. Juli bis zum 14. August, eine Fahrt im Truppentransporter von Rostock nach Pillau und dann Truppenübungsplatz Stablack in Ostpreußen, diesmal nicht "hinhaltende Verteidigung", sondern "Angriff auf feste Stellung". Ein Feldgottesdienst war allerdings auch dabei.

Doch dann konnte die Pfarramtstätigkeit wieder aufgenommen werden, aber jetzt nicht nur die seelsorgerliche Seite, sondern auch allerlei Verwaltungskram: Pacht, Mieten, Etat und dazu Steuerlisten verschiedenster Art aufstellen, Grundsteuer, Einkommensteuer u.a. Angenehm war dagegen die Beschäftigung mit dem schönen Garten, wo ich ernten konnte, wo ich nicht gesät hatte. Spargel, Erdbeeren und Obst konnte ich sogar noch verkaufen, was meinem kargen Hilfspredigergehalt gut tat. Von vielen Seiten erfuhr ich Unterstützung; da war nebenan der Pfarrpächter, bei dem ich Milch und Butter kaufte, der zwar zu Dienstfahrten mit dem Kutschwagen, den ich vom Vorgänger geerbt hatte verpflichtet war, es aber auch mit seinem Auto tat (ich selber sparte erst auf einen Volkswagen); da war die Frau des Maurers, bei der ich einen Mittagstisch hatte, da war Frl. Schöttler, die mir die Wäsche besorgte; da war in Tützpatz der Lehrer Fuchs, christlicher Mann, der wirklich Religionsunterricht gab und nicht wie sein Kollege in Altenhagen, der das Organistenamt um des Geldes wegen behielt, auch Religionsunterricht erteilte, aber die Stunden benutzte um nationalsozialistische Glaubenslehre zu predigen. Es waren noch viele Andere, nur diese seien genannt. Zu vergessen sei allerdings auf keinen Fall das Ehepaar von Heyden-Linden in Tützpatz. Er war Patron der Pfarre und nahm dies Amt sehr ernst, was gerade damals sehr wichtig war. Hier wurde ich auch zu Tisch gebeten, wenn ich nach dem Gottesdienst in Tützpatz am Nachmittag noch in Pripsleben zu predigen hatte.

Selbstverständlich stellte er mir dann auch die Kutsche zur Fahrt dahin und von dort nach Hause zur Verfügung, wenn es nicht mein guter Ältester Malte. tat. Tützpatz war gewiss noch alte Zeit. Der Gutsbesitzer fühlte sich noch verantwortlich für seine Leute, er war der "gnädige Herr". Die Frau, die "gnädige Frau" kümmerte sich um das leibliche Wohl der Frauen im Dorf. Diese patriarchalischen Verhältnisse prägten das Bild des Dorfes, in dem die Tagelöhner - anders als anderswo - seit Generationen bodenständig geblieben waren, wie ich es in den Kirchenbüchern belegt fand. Persönlich anspruchslos und bescheiden unterhielten Heyden-Lindens das schöne Schloss, den nicht minder wertvollen Park, ja das ganze Dorf. Adel verpflichtet! Auf Etikette wurde geachtet und wie es zu sein pflegte - der Diener achtete am strengsten darauf. Ich muss jetzt noch schmunzeln, wenn ich daran denke, wie ich ihn ohne es zu wollen, einmal in Verlegenheit gebracht habe.

Ich hatte im Dorf Besuche gemachte und wollte dann noch eine Frau sprechen, die in der Schlossküche arbeitete und schließlich noch den Patron in einer wichtigen Sache sprechen. So hatte ich auch den Weg nun mir zurechtgelegt, ging vom Nebeneingang in die Küche im Untergeschoß und dann die Treppe hinauf in das Vestibül, wo ich hoffte, den Diener zu treffen, damit er mich anmelde. Ich traf ihn auch: "Aber Herr Pastor, Sie dürfen doch nicht den Nebeneingang benutzen!" Und noch ein Döntjes, also nichts Besonderes, aber es zeigt, wie man in diesen Kreisen noch dachte. Ich war 1940 Leutnant geworden, bald danach hatte ich Urlaub, den ich selbstverständlich in Altenhagen verbrachte, um anstehende Amtshandlungen zu vollziehen, die Nachbarn mussten ja vertreten. Da fragte mich eines Tages Frau von Heyden-Linden fast schüchtern, ob sie mich nicht jetzt "Herr Leutnant", nennen sollten. Ich hebe darauf gelacht und wohl gesagt ein Pastor wäre doch noch mehr als ein Leutnant. Wann ich zum letzten Mal Urlaub in Altenhagen machen konnte, weiß ich nicht mehr. Der Krieg endete nicht so schnell, wie wir hofften, so hatte das Konsistorium einen Diakon ins Pfarrhaus gesetzt, der nicht gut mit meiner persönlichen Habe umging. Dass sich niemand dagegen stark gemacht hatte, hat mich natürlich geärgert. Andererseits meinen Entschluss erleichtert, mich um eine Stadtpfarre zu bewerben, weil die Ärzte mir meiner erkrankten Leber wegen dringend dazu rieten. Mir wurde Usedom angeboten, wo mich nach der Probepredigt der Ältestenrat wählte.

Dass alle mir wohlgesinnten Leute mich verheiraten wollten war klar, denn nach damals noch ganz fester Über-zeugung war ein Pfarrhaus ohne Pfarrfrau unmöglich. Alle mir offerierten Kandidatinnen waren gewiss voll geeignet gute Pfarrfrauen zu werden, auch wohl treue Gefährtinnen, aber schon, dass man sie mir "aufschwatzen" wollte, gefiel mir nicht. Das war sicher dumm von mir, denn als ich dann selbst wählte, ging es nicht gut. Nach meinem Kururlaub 1943 - die Leber war immer noch krank - lernte ich im Zug Anneliese Wasow kennen, ein frisches, allerdings noch sehr junges Mädchen, die mir sofort gefiel. Sie war die Tochter eines Gutsverwalters. Gewiss kamen mir auch Bedenken: Zu jung, mitten im Krieg, du krank. Doch sagte ich mir: Der Krieg kann noch lange dauern, du bist alt genug, und wenn du nicht wieder kommst, lebt wenigstens ein Kind von dir. So heirateten wir am 6. August 44.

Weil ich in Usedom gewählt worden war, ist Anneliese dann auch bald dort ins Pfarrhaus gezogen. Nun muss kurz erklärt werden, was es mit der kranken Leber auf sich hatte. Schaden nach Alkoholmissbrauch kam ja - siehe Jugendbewegung - nicht in Frage. Der Grund war vielmehr, dass eine "Hepatitis epidemica" nicht erkannt und rechtzeitig behandelt wurde. im Sommer 1942 auf der Krimm fühlte ich mich ziemlich plötzlich schwach, auch das Koppel drückte auf der rechten Seite, Stiche nach unten ließen mich an eine Blinddarmreizung denken, was der Arzt jedoch ausschloss, aber meinte, es könnte vielleicht ein Zahn die Ursache sein, den dann jedoch der Zahnarzt im Krankenhaus in Simforopol nur mit großer Schwierigkeit entfernen konnte und schließlich als gesund erkannte. Was nun? Etwas gelb war ich allerdings, doch führte man dies auf das Atebrin zurück, was wir gegen Malaria einnahmen. Dies alles war im Juni, im August wurden wir nach Norden verlegt. Auch nach einem Urlaub im Oktober fühlte ich mich ständig matt, konnte kaum schlafen und das Essen schmeckte mir nicht, so dass eines Tages der Chef mit mir zum Divisionsarzt fuhr, der zum Glück Internist war und die richtige Diagnose stellte. So kam ich sofort am 26. Nov. ins Lazarett in Nikolskoje, wurde im Lazaretzug am 23. Dezember verladen nach Tapiau verlegt und kam von dort zur Behandlung nach Posen ins Diakonnissenkrankenhaus. Als GVH (Garnisonverwendungsfähig Heimat) wurde ich zum Ersatztruppenteil nach Guben entlassen. Dort gefiel es mir aber gar nicht, so dass ich bat, das GVH in GVF (Garnisonverwendungsfähig Feld) zu ändern, denn ich wäre ja beim Stab, einen Arzt in der Nähe und Diät wäre auch möglich. So wurde ich wieder zur Truppe entlassen, ahnte allerdings nicht, was mir nun künftig bevorstand.

Zunächst aber konnte ich auf der Fahrt dorthin, in Libau meinen Bruder Helmut für einige Stunden sprechen, der dort bei der Marine Flak war. Dies Zusammensein hat mir viel bedeutet, und ich sehe es noch immer als eine gütige Fügung an. Er fiel noch bei Triest am 2. Mai 1945.


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