Gott hat seine Hand über mir - Erlebnisse zum Kriegsende

Was kam auf mich zu?

Das Blatt im Kriegsgeschehen hatte sich gewendet, es ging kaum noch voraus, es galt die Front zu halten. Und das war oft bei der Zahlenmäßigen Überlegenheit des Gegners schwer. Die 28. Jägerdivision, bei der ich war, wurde oft zu Hilfe gerufen, was oft dazu führte, dass wir eingeschlossen waren, wenn bei den Nachbarn dem Feind ein Einbruch gelungen war.

So mussten wir uns u. a. am Ilmensee durch eine großes Sumpf- und Moorgebiet zurückkämpfen, dass so stark von Partisanen besetzt war, dass es diesen, als unsere Marschkolonne abriss, gelang eine Baumsperre von 100 m zu legen. Dass unter diesen Umständen für mich weder an Diät noch an eine einigermaßen geeignete, d.h. der kranken Leber entsprechende Unterkunft in den Pausen zu denken war, braucht nicht betont zu werden. Auch als wir im Mittelabschnitt bei einem solchen Einsatz eingekesselt worden waren, zwar durch den Einsatz unseres Generals der Gefangenschaft entgingen, weil er eine Panzerdivision veranlasst hatte, uns einen Korridor zu schaffen, durch den wir unter Zurücklassen aller Fahrzeuge usw. mehr als 30km ohne Pause zurückmarschieren konnten, war das für mich, zumal ich wieder Fieber hatte, eine Strapaze. Das galt natürlich für die letzten Kämpfe in Ostpreußen in besonderer Weise, wo wir ja aus einem Kessel in einen andern gerieten und hautnah den feindlichen Waffen, Panzern, Tieffliegern und Artillerie ausgesetzt waren. Was ich damals erlebt habe, wird mir immer in "guter" Erinnerung bleiben.

Zum Beispiel, wie gute Menschen mir helfen wollten, Gott aber einen besseren Plan für mich hatte. Bei Balga, in der Dunkelheit angekommen, hatte ich sofort befohlen, dass jeder Mann sich eine Schutzgrube ausheben sollte, so lang wie er, nicht breiter als 1 Meter und mindestens auch 1 Meter tief, weil ich wusste, dass wir sobald es hell werden würde, von sowjetischen Flugzeugen angegriffen werden würden. Auch für mich ließ ich ein solches ausheben. Wie richtig das war, sollte sich bald zeigen, als wir, der Hauptfeldwebel, der Schreiber und ich uns kurz hinausgewagt hatten, um Dringendes zu besprechen. Unbemerkt von uns hatte uns ein Flugzeug schon im Visier; ich sah ein Aufblitzen am Himmel, auf mein Wink hin reagierten die beiden andern um Bruchteile von Sekunden zu spät und wurden verletzt. Ein Freiwilliger, übrigens ein Russe, brachte sie in rasender Fahrt auf einem Panjewagen zum Feldlazarett in Balga, von wo sie wohl am folgenden Tag auf ein Lazarettschiff gebracht wurden. Wie ich später erfuhr, waren sie in ein Heimatlazarett gekommen und ihnen die Gefangenschaft erspart geblieben.

Doch nun zu mir. Bald nach diesem Zwischenfall kam von Loch zu Loch springend ein Melder von der Division, die im Steilufer ihren Gefechtsstand hatte mit dem Befehl, ich solle mich dort in Balga melden. Ich war alles anders als begeistert von diesem Befehl, doch Befehl ist Befehl. Kaum dort angekommen erlebte ich das, was Frauen und Kinder in den großen Städten oft Nacht für Nacht erlebten, das Rauschen der Bomben, das Bangen, trifft es uns? Wem hat es Leid oder gar Tod gebracht. Wir waren verschont geblieben, doch Bunker unter uns und über uns waren getroffen worden. Und dann erfuhr ich, dass nichts Besonderes vorlag. Der General hatte es gut mit mir gemeint, denn beim Div. Stab gefangen zu werden bot eine größere Chance als Kranker zu überleben. Beinahe wäre es nun doch mein Verderben gewesen, Menschenplanen ist nun einmal unvollkommen, doch dies "Gutes wollen" hat Gott - so war es mir ganz deutlich - benutzt, um mir das Leben zu erhalten. Denn kaum sei ich fort gewesen, so erfuhr ich am nächsten Tag sei mein "Schutzloch" von den Bordwaffen eines Flugzeuges voll getroffen worden.

Und dann Peise, auch das habe ich nicht vergessen. Wieder wollte man mir helfen, aber es wäre nicht gut ausgegangen, und ein andrer wollte mit Böses, das aber rettete mich. In Balga hatten nur die Mannschaften von Marinefähren fortgebracht werden können. Die Pferde sollten vorher erschossen werden, was jedoch nicht mehr getan werden musste. Weil wir sie nur unvollkommen schützen konnten, waren sie alle dem feindlichen Beschuss zum Opfer gefallen. Es gab also keine bespannten Mun-Kolonnen mehr, ich war zum Feldersatzbataillon gekommen, wo mir in der Nacht bei abgeblendeter Taschenlampe eine Inf. Kompanie übergeben wurde, von der ich keinen Menschen kannte, mit dem Befehl eine Stellung zu halten bis gegen Morgen die Nachbarkompanie durch meine Stellung hindurch abgezogen sein würde. Im Munitionsbunker, die Uhr zur Sprengung tickte schon, wartete ich mit Hauptfeldwebel und Melder auf diesen Augenblick. Als mir das Zurückgehen der Nachbarkompanie gemeldet worden war, überzeugte ich mich mit den Zugführern m. Komp. Davon und als niemand mehr kam, gab auch ich den Befehl zum Rückzug ans Ufer, wo sich alle im Morgengrauen eingruben. Weil die Löcher aber sofort sich mit Wasser füllten, setzten wir uns auf die Stahlhelme. Als ich dann, es wurde langsam hell, Ausschau nach Bekannten hielt, rief mich der Divisionskommandeur an: "Becker kommen sie, legen Sie sich zu uns, es laufen Kapitulationsverhandlungen." Doch fast im selben Augenblick schnauzte mich ein junger Hauptmann an: "Warum sind sie nicht bei ihrer Kompanie und warum haben sie zu früh die Stellung geräumt?" und fuchtelte dabei mit seiner Pistole herum. Ich dagegen: "Wo ist denn meine Kompanie? Sie wissen ja selbst, mir ist sie in der Nacht bei abgeblendeter Taschenlampe übergeben worden, ich kenne keinen einzigen Mann und was das Andre angeht, so ist das eine Unterstellung, fragen sie den Feldwebel!" Ich tastete auch nach meiner Pistole. Sollte ich mich von diesem "Endsieger" noch umbringen lassen? Da bestätigte wieder fast im selben Augenblick ein Hauptmann, dass ich korrekt gehandelt hatte. Darauf der junge Hauptmann: "Dort in der Nähe des Wassers liegt ihre Kompanie." Nun gut dachte ich - mit einem Blick mich vom General verabschiedend - es ist ja gleich, wo ich bei der Kapitulation liege. Und ich begab mich dort hin, grub mir auch ein Loch und wartete.

Da aber begann meine Rettung. Der gute Wille des Div. Kommandeurs hätte mich vermutlich das Leben gekostet. Wie ich später im Gefangenlager erfuhr, hatten die dort in Gefangenschaft geratenen Soldaten 40 km im Eilmarsch ohne Pause zurücklegen müssen und jeder, der nicht mithalten konnte, wäre erschossen worden. Das wäre auch mein Schicksal gewesen, denn ich war durch die Strapazen geschwächt und hatte wieder Fieber. Der dagegen, der mir übel wollte, hatte mich an die Stelle gebracht, von der aus ich bald danach der Gefangenschaft entrinnen konnte.

Dazu in Kürze: Auf der anscheinend menschenleeren Wiese tauchten plötzlich Köpfe auf, die auf die See blickten. Noch nur schwach zu erkennen näherten sich kleine flache Marinefähren, zwei wie sich herausstellte, auf die hin nun die Soldaten zuströmten. Auch ich war aus dem Loch gestiegen, traf auf die beiden Divisionspfarrer. Zu Dritt überlegten wir, was wir zu tun hätten. Weil auf dieser Fähre, die jetzt angelegt hatte, nur etwa 100 Mann, dicht an dicht stehend abtransportiert werden könnten, auf einer zweiten auch nicht mehr, kamen wir zu dem Schluss, dass die Pfarrer bei dem weitaus größeren Teil der Truppe bleiben müssten, ich mich aber, wenn möglich, der Gefangennahme entziehen müsste. Das aber schien zunächst auch nicht möglich, weil diese erste Fähre inzwischen abgelegt hatte, kurz bevor ich sie erreichen konnte.

Doch was geschah? Kaum war sie aus dem Landschatten heraus, wurde sie vom Packgeschütz des Feindes getroffen und ihr Heck war leer gefegt, dort aber hätte auch ich gestanden. Währenddessen hatte die zweite Fähre angelegt, auf der auch ich noch einen Platz gefunden hatte. Großartig reagierte nun der junge Kommandant unseres Schiffes, er nebelte sofort das havarierte ein, setzte uns auf einer kleinen Insel ab, holte die noch schwimmende Fähre und die noch darauf befindlichen Soldaten nach Pillau. Schließlich brachte er auch uns dorthin, wo ich nach einigem Suchen den 1B der Division fand. Dies Suchen war nicht ungefährlich, weniger des Artilleriebeschusses wegen, dem wir ja schon lange. Immer wieder einmal ausgesetzt waren, als der Gefahr wegen, die vom "Heldenklau" ausging. Das heißt, jeder, der seine Zugehörigkeit zu einer Truppe nicht beweisen konnte, wurde entweder sofort einer schnell zusammengestellten Kompanie zugewiesen oder im schlimmen Fall als Deserteur gerichtet. Ich hatte also den 1B, den Oberstleutnant v. Wangenheim, erreicht und wurde sogleich kommissarisch Kommandeur der Divisionsnachschubtruppen. Mir unterstanden einige pferdebespannte Munitionskolonnen, was dazu führte, dass ich am 9. Mai 1945 noch einmal - zum letzten mal - ein Pferd besteigen musste bzw. durfte. Ich war zum Divisionsstab befohlen worden. Um dort hinzugelangen, wurde mir ein Pferd gebracht, das Satteldruck hatte, ich musste also in den Sattel springen, was dem Tier sicher Schmerz bereitet hatte. Mir wurde mitgeteilt, dass der Krieg beendet sei und die Waffen zu ruhen hätten. "Endlich" so dachten wohl die meisten von uns. Was aber würde mit uns geschehen, wir waren ja keine Kriegsgefangenen! "Skoro damoi" sagten die Russen, "nur registrieren", das aber dauerte für mich drei Jahre; für meine Freunde noch ein Jahr länger.

Noch ein paar Tage vorher hatte mir der Oberstleutnant einen Platz auf einem Schiff Richtung Heimat angeboten, aber ich konnte es nicht annehmen, weil es nur für mich und nicht für die mir Untergebenen galt.


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