Und dann war es doch Gefangenschaft!

Nach und nach erfuhren wir, dass all unser Bemühen, die Sowjetarmee von der Heimat fernzuhalten, schon lange sinnlos war, weil man schon längst die neuen Grenzen festgesetzt hatte. Es war auch ohne Belang, dass wir erst nach der Kapitulation in die Hände der Gegner gefallen waren. Auch schon lange waren wir "zur Wiedergutmachung" als Arbeitssklaven den Sowjets zugesprochen worden. Allerdings bemühte man sich den Grundsätzen der Genfer Konvention entsprechend zu handeln.

Schon auf der fahrt zum Gefangenlager begann das dreijährige Seminar: "Sowjetpraxis" und "Vom Wesen des russischen Menschen". So möchte ich einmal das nennen, was ich in den Jahren der Gefangenschaft sehen, erleben und begreifen lernte. Wichtiger und größer aber war und blieb bis heute das Geschenk brüderlicher Freundschaft mit Männern, die gleich mir damals erfuhren, dass Gott die nicht fallen lässt, die sich an ihn halten.


Die Fahrt ins Gefangenenlager.

Bis ins Einzelne kann ich nicht mehr sagen, wie es sich damit verhielt. Aber einige Szenen stehen mit jetzt beim Nachdenken wieder rechts genau vor Augen. Schon von unsern Einheiten getrennt, ein Marschblock aus lauter Offizieren, geführt von einem sowjetischen Gefreiten, Richtung Osten. Da versuchte noch einmal in die Kolonne eindringend ein Soldat jemanden von seiner Uhr und seinen Stiefel evtl. zu "befreien' - zur Zeremonie des ersten lockeren sich Begegnen gehörte das ja (ich hatte daher schon meinen Trainingsanzug über die Uniform angezogen, so dass Uhr und Stiefel nicht mehr zu sehen waren). Dieser Soldat aber hatte den tödlichen Fehler, gemacht, zu diesem Zweck in die Kolonne einzudringen. Der Gefreite sah es, stellte ihn zur Rede und schoss ihn nieder.

Und bald darauf eine zweite Szene: Weil man uns schnell zum Verladebahnhof transportieren wollte hatte man uns auf LKW verladen, doch war es keine reine Gefangenenkolonne, sondern dazwischen fuhren auch sowjetische Truppen, und das noch wilder als sonst, weil "wöna kaput". Da fuhr unser Fahrzeug auf das vor uns auf, nur leicht, aber einem Soldaten, der dort halb außenbords saß, wurde ein Unterschenkel so schwer getroffen, dass es hin und her pendelte. Aber keiner kümmerte sich um den Verletzten. So hart gingen sie mit einander um! Da musste ich daran denken, dass uns bei Dnepropetrowsk Menschen erzählt hatten, dass man den Staudamm des großen Wasserkraftwerks gesprengt hätte ohne die Bevölkerung zu verständigen, geschweige denn zu evakuieren. Und das, was uns an gräulichen Taten sowjetischer Soldaten, an Bewohnern ostpreußischer Dörfer verübt, berichtet wurde, wenn wir das Dorf zurückeroberten, gehörte dann irgendwie auch dazu. Vielleicht erklärt die jahrhunderte lange Versklavung durch immer wieder noch grausamere menschenverachtende Herren dies Tun. So war gewiss für die Russen der Transport in Viehwagen, ohne eine Möglichkeit sich zu entleeren, nur einmal am Tag hielt der Zug auf freier Strecke, nichts Schlimmes. Und das wir nach der Ankunft in Morschansk nagelneue Leinenbezüge empfingen, um sie als Strohsäcke benutzen zu können, geradezu eine noble Geste. Das die Strohmiete weitgehend durchnässt war, nun "nitschewo".

Weil Kohlsuppe ganz und gar nichts für mich war, versuchte ich gegen eine Taschenuhr etwas Geeigneteres zu bekommen. Da bot mir ein Russe Zwieback an, worauf ich natürlich sofort zusagte und dann doch einigermaßen enttäuscht war, als sich russischer Zwieback als steinhartes Schwarzbrot entpuppte. Und dann der Marsch zum Lager außerhalb der Stadt "po piath" (zu fünft , es lässt sich leichter zählen), am Straßenrand, die Bewohner der anliegenden Häuser, meist Frauen, die uns mit sichtbarem Mitgefühl betrachteten und etwas Neid, wegen der schönen Bezüge. Auf sandiger Höhe das Lager mit doppeltem Zaun und Wachtürmen, niedrige Holzbaracken, auch die Dächer aus Brettern. Der Appellplatz fast leer, einige Elendsgestalten von alten Gefangenen, die mit uns Kontakt aufnehmen wollten, wurden fortgescheucht. Dann wieder umständliches abzählen und erneutes Durchsuchen von Gepäck und Person, und schließlich einweisen in die Baracken. Langer Mittelgang etwa 1,5 m breit, rechts und links in 2, auch drei Etagen Pritschen aus Rundholz. Gut, dass wir die Strohsäcke hatten. Mitbewohner, wie wir bald feststellten, waren außer Wanzen, Flöhen und Läusen auch kapitale Ratten. Zunächst brauchten wir nicht zu arbeiten, wir begannen auch bald mit Gottesdiensten, es waren etwa 30 ev. und 2 kath., auch wohl 2 Orthodoxe Theologen im Lager. Vorträge und Arbeitsgemeinschaften auf vielen nur denkbaren Fachgebieten bildeten sich. Viel Zeit kostete auch die Anschaffung des Allernötigsten, eines Essgeschirrs (Oskar-Meier-Büchse) und eines Brotmesser zum Beispiel. Um von den Wanzen möglichst unbehelligt zu bleiben, nähte ich mir meine Decke zusammen, so dass sie ein Schlafsack wurde. Auch musste ein leichter Beutel her für die Brotration, der dann an einem Bindfaden an der Decke befestigt werden musste, bzw. an der Unterseite der oberen Pritsche. So war das Brot einigermaßen vor den Ratten sicher, die, während wir schliefen, oft genug über uns hinweghuschten.

Soviel davon, dann aber wurde uns eines Tages eröffnet, dass wir mit Ausnahme der Stabsoffiziere (ab Major) arbeiten müssten zur "Wiedergutmachung" und von da an auch alle Rangabzeichen und Orden abzulegen hätten (hier bin ich mir nicht sicher, denn wir wurden weiterhin mit unserm Rang geführt, ja auch entlassen).

Das Hauptarbeitsobjekt für das Lager war wohl die Gasleitung von Saratow nach Moskau. Hier habe ich im Sommer 1945 auch einige Zeit mitgearbeitet. Abends musste oft noch das ganze Lager auf benachbarte Felder, um dort Tomaten und Kohlpflanzen zu begießen; es war ein heißer Sommer ohne wirkliche Regenperioden, nur gegen Abend gab es oft ein kurzes Gewitter. Im Lager selbst gab es allerlei Werkstätten (Schneider, Tischler), die weitgehend für die sowjetischen Offiziere arbeiteten; sogar eine Art Atelier, in dem Maler nach Postkarten Ölbilder für die Russen herstellten. Plätze in diesen Werkstätten waren natürlich sehr begehrt, wurden aber von dem Stamm eisern verteidigt, so dass es "Glücksfall" war, als ich zum Winter hin in die Schneiderei kam, vermutlich weil mein Gesundheitszustand bedenklich schien und ein Freund nachgeholfen hatte.

Da die russische Diagnose der Po-Beschau - wir mussten nackend uns den Ärztinnen stellen und je nachdem die Gesäßmuskeln noch vorhanden waren wurde die Arbeitsfähigkeit festgesetzt - nichts brachte, quälte ich mich mit ständiger Mattigkeit und begann Pfeife zu rauchen und sagte mir, es ist ja gleich, ob dir so oder so schlecht wird. Doch tat ich das nur sparsam, denn der größte Teil des Tabaks, den wir zugeteilt bekamen, vertauschte ich gegen Weißbrot, denn das Mischbrot bekam mir nicht gut. Auch konnte ich die tägliche Kohlsuppe nicht vertragen, so dass meine Ernährung sehr einseitig war. Ich versuchte daher, wenn wir auf den Weg zur Arbeit in die Nähe des Basar kamen, ein paar Tomaten zu kaufen.

An einen Zwischenfall bei diesem Vorhaben erinnere ich mich noch sehr genau. Unser Bewacher, ein alter nervöser Mann, verbot mir den Kauf, obwohl wir mitten durch den Markt gingen. Wäre es ein Soldat gewesen, der uns bewachte, hätte der es ohne weiteres gestattet. Ich war also irritiert, und als nun noch ein junger Kerl wie triumphierend einen weit größeren Rubelschein hochhob und auf mich deutete mit meinem kleinen Schein in der Hand, da sagte ich mir: "Siehe, da wirst du noch verspottet. Aber, was willst du, du bist nun einmal ein pleni (Gefangener)." und trottete in der Gruppe den Kopf gesenkt weiter. Da plötzlich war der junge Mensch wieder da, drängte sich zu mir durch und schüttete eine große Menge Tomaten mir in den Bausch des Russenhemdes, wollte auch mein Geld nicht und verschwand freundlich lachend. Solidarität unter den Armen oder besser Entrechteten wurde uns ständig zuteil. Uns gegen über waren sie offen und halfen uns oft in rührender Weise. Auch dort in Mitschurinsk im Eisenbahnausbesserungswerk arbeiteten neben uns junge Mädchen. Als wir sie fragten, wie sie denn hierher kämen, diese schwere und gefährliche Arbeit tun zu müssen, da erzählten sie uns: Nun da wäre ein LKW ins Dorf gekommnen und Uniformierte hätten alle jungen Mädchen, die gerade auf der Straße waren, gegriffen und hierher gebracht; sie wären auch in einem Lager. Eins dieser Mädchen hatte irgendwie ein paar Äpfel erwischt und ganz spontan gab sie mir auch einen. Auch die Posten waren meist kumpelhaft freundlich. Wenn das Zauberwort "kurit nada" gefallen war, d.h. einer nach etwa 45 Minuten die Rauchpause anforderte, dann geschah es nicht selten, dass der Soldat dem, der keinen Tabak bei sich hatte, von seinem Machorka abgab.

Oder noch viel eindrücklicher ist mir in Erinnerung die Begegnen mit den russischen Frauen, als wir auf einem Waldkommando waren. Wir waren weit gefahren, weit und breit nur Wald, an Flucht war nicht zu denken, obschon die Posten verschwunden waren, um Beeren zu suchen und in der Mittagshitze zu schlafen. Wir hatten unsre Arbeit geschafft; Holz fürs Lager zusammen getragen, waren auch müde und durstig! Aber wo war hier Wasser? Da entdeckten wir am Rande einer Lichtung ein paar Häuser und davor Frauen. Wir gingen zu der ärmlichen Ansiedlung und baten um etwas Wasser. Sie brachten es uns, auch sogar etwas Milch und Sonnenblumen zum Knappern, alles schweigend, und dann fragten sie uns, wie geht es euch, werdet ihr satt, habt ihr Nachricht von euren Angehörigen? Und als wir sie fragten, da sagten sie, sie hätten schon lange keine Nachricht mehr vom Mann und den Söhnen. Warum sie uns so gut wären? Vielleicht tut auch unsern Männern jemand Gutes, das bedrückte uns sehr, denn wir hatten schon erfahren, wie schlecht es russische Kriegsgefangene hatten, und eine sagte leise "um Christi willen". Und als sie erfuhren, dass ich Pastor sei erfuhren wir, was es heißt: Eins sein im Glauben an Ihn.

Das Lager Morschansk war ein Arbeitslager, wenn auch nicht ausschließlich. Wie ich schon erwähnte, brauchten die Stabsoffiziere nicht zu arbeiten, einige taten es feiwillig, sogar in der Latrinenbrigade, um eine höhere Lebensmittelzuteilung zu bekommen. Als Arbeitslager stand es in der jahrhundertealte Tradition der russischen Zwangsarbeitslager mit deren Grausamkeit und Menschenverachtung, gewiss zu unserer Zeit schon sehr gemildert, aber wir bekamen noch genug davon zu spüren; auch lernten wir die uralten Praktiken kennen, die in der Sklaverei dennoch zu beachtlichen Leistungen geführt hatten. Wir mussten nun auch in der Gefangenschaft mit Staunen und Bewunderung feststellen, dass auch mit den primitiven Mitteln aus uralter Zeit Probleme zu lösen seien - gewiss unter Missbrauch menschlicher Gesundheit -, wo wir meinen, hier muss Technik her. So hatten uns die Bauern, soweit sie nicht evakuiert worden waren, erzählt, wie die Sowjetische Armee sie gezwungen hatte zur Zeit der Schneeschmelze, als die Erdstraßen noch unbefahrbar waren, Tonnen mit Benzin und Öl bis zum nächsten Dorf zu rollen, von wo wieder die gesamte Bevölkerung es ebenso tun musste. So hatte also die Sowjetische Armee den Nachschub des Treibstoffs durchgeführt, während die deutschen Truppen im Schlamm versanken oder bis zum Abtrocknen der Straßen warten mussten. So bestand nun auch, als wir am Deich arbeiteten die ganze Technik in jeweils 2 Stangen auf die in der Mitte drei oder vier Bretter von ca. 60 -70 cm Länge genagelt wurden. So schleppten wir zu zweit die Erde vom Ort des Aushubs bis zum entstehenden Deich.

Sklavenarbeit aber geht nicht ohne Peitsche; die Peitsche damals waren die 50 Gramm Brot, die wir nur als Extraration bekamen, wenn uns bescheinigt wurde, dass wir das Soll erfüllt hätten. Das Soll aber wurde ständig heraufgesetzt (in der DDR war das dann ja nicht anders). Als das Soll am Deich nun nicht zu erfüllen war gingen wir zu dem Offizier, der die Aufsicht hatte. Er war uns wohl gesinnt: "Ach was, ich sehe ihr arbeitet. Soll wird nicht gearbeitet, Soll wird geschrieben. Ihr bekommt euer Brot."

So deutlich hatte das uns noch keiner gesagt, aber das zwischen gemeldeter Arbeit und geleistet eine Lücke klaffen musste wussten wir, seitdem uns einer erzählt hatte, wie es in der Gießerei zuging, wenn die Norm nach der Schicht abgerechnet wurde. Nach der Zählung verschwand dort oft ein Gussstück unter dem Formsand und kam der nächsten Schicht dann zugute.

Aber das, Soll galt ja nicht nur für uns und alle in irgendeiner Fabrik oder Kolchose. Es galt eines Tages auch für das Lager, das unbedingt zum 1. Mai eine Kulturbaracke haben sollte. Und in der Tat es wurde zügig dran gearbeitet und zum 1. Mai konnte der Rohbau als fertig gemeldet werden. Dabei aber blieb es nun; fertig gebaut wurde nicht und wenn irgendwo Material fehlte, so hieß es: "dawai Kulturbarak". Das heißt nun nicht, dass man nichts von Kultur wissen wollte. Die Chöre im Lager, der deutsche und der japanische, wurden von der Lagerleitung gefördert. Die Japaner, etwa auch 4000 Offiziere aus Garnisonen in Korea brachten viel mit, u. a. eine deutsche Augustinausgabe, die für uns Theologen von Interesse war. Aber auch ihre feste Haltung den Russen gegenüber imponierte uns, so weigerten sie sich von der Lagerleitung eingesetzte Vorgesetzte anzuerkennen, sondern gehorchten allein ihren militärischen, lächelnd setzten sie die viertelstündige Pause durch, obwohl sehr zurückhaltend schlossen einige feste Freundschaft mit Leuten von uns; so besteht eine solche noch mit Albrecht Röcker. Unter Kultur lief bei der Lagerleitung vermutlich auch alles, was an Vorträgen von Fachleuten gehalten wurde, möglicherweise auch unsere Gottesdienste. Die Predigten mussten vorher zur Genehmigung eingereicht werden, was in der Regel geschah. Fritz Garnbacher allerdings notierte in seinem Tagebuch, dass am 15. Sept. der Gottesdienst von Gerhard krause verboten wurde. Grund: Die Gliederung in "völkische Wiedergeburt" u. 2 . Lied: "Wach auf, Wach auf, du deutsches Land", an dem sich ja heute noch Leute stoßen, weil sie es falsch interpretieren. Wie sollten es die Russen damals richtig verstehen, nicht national, sondern religiös. Von diesem Kommando in Mitschurinsk, das lt. Fritz F. mit meinem "Rausfliegen aus der Schneiderei" am 29. Juli begann und am 25. Oktober endete, ist mir noch die Szene in Erinnerung, die mir in der Folge, etwa 9 Monate Aufenthalt im Lazarett einbrachte.

Wir hatten uns an einem Sonntag geweigert zu arbeiten, wir vier aus M. Die drei jüngeren, weil sie sich auf irgendwelche Offiziersrechte beriefen, die mir zwar nicht stichhaltig schienen, so dass ich betonte: als Pfarrer und Christ arbeite ich nicht am Sonntag. Die Reaktion der andern Seite war die, dass man uns unter Stößen mit dem Gewehrkolben in einen von der intensiven Sonnenbestrahlung überhitzten Raum sperrte. Der Schweiß lief uns in Strömen vom Körper, wir verlangten Wasser, das uns schließlich in einem weißem Emailleeimer brachte. Es war glasklar und schien einwandfrei zu sein, war es aber nicht, wie ich in der darauf folgenden Zeit bald merkte. Ob die Tatsache, dass ich den schönen Weizen, den wir bei einem Ernteeinsatz - er lag ungeschützt auf bloßer Erde - uns genommen hatten, unverdaut wieder von mir gab etwas damit zu tun hatte, weiß ich nicht. Aber dass ich Durchfall bekam und ein "Prolapsus ani" schließlich von der erschrockenen Ärztin dann nach der Rückkehr festgestellt wurde, hatte etwas mit der Ruhr zu tun, die mich nach einem Monat Lagerlazarett, dann für längere Zeit ins Waldlazarett brachte.

Für viele verband sich der Name "Waldlazarett" mit der Hoffnung auf baldige Heimkehr; das wünschten mir nun auch meine Freunde, aber es hat damit noch gute Weile gehabt. Auch für die beiden andern Pastoren im Waldlazarett ging ihre Rechnung nicht auf. Sie hatten versucht, sich arbeitsunfähig zu hungern, was dem einen die Ärzte übel nahmen. Er ist sehr viel später als wir erst nach Hause gekommen, aber vermutlich aus anderem Grund.

Der andre erkrankte an Lungentuberkulose. Wir andern (Pastoren und Mitglieder der Bibelkreise) versuchten ihm zu helfen, indem wir ihm täglich Milch zukommen ließen, für deren Erwerb wir alles verkauften, was sich zu Geld machen ließ oder als Tauschobjekt dienen konnte. Ich gab die schöne Pelzweste hin, die mir Albrecht Röcker geschenkt hatte, weil ich viel fror; er war auch eine Zeitlang im Waldlazarett wegen einer Knöchelverletzung.

Und dann geschah etwas, es war Adventszeit, was wir nicht erwartet hatten, in einem sowjetischen Militärlazarett. Obwohl mir schon bei der Arbeit am Deich, Kinder versichert hatten: "Wir nicht Kommunisten, wir Christen.", als wir auf der andern Seite des Flusses ein Brautpaar zur einzigen Kirche gehen sahen, war auch ich überrascht, dass auffallend oft Schwestern unser Zimmer betraten, manchmal still wieder hinausgingen, dann aber auch sich etwas zuflüsterten, wobei uns klar wurde, worum es ihnen ging: Sie wollten das Transparent sehen, das ich um die kleine Öllampe herum gemacht hatte. Mit Hilfe meiner Buntstifte und einiger Blatt transparenten Medizinpapier, hatte ich für uns die drei Szenen: Geburt, Hirten und Weise dargestellte.

Als ich das machte, hatte ich nicht geahnt, dass diese kleine Weihnachtspredigt auch die jungen russischen - Mädchen erreichen würde, eine nannten die anderen "schesch korowa" (sechs Kühe), sie war eine Bauerntochter, im riesigen Sowjetreich hatten sich offensichtlich, wohl hinter Moor und Wald noch Kulaken halten können. Übrigens Predigen! Sonntags hatte ich mir immer in meinem kleinen Neuen Testament, das ich durch alle Filzungen gerettet hatte, den Predigttext des Tages aufgesucht und gelesen. Das blieb den andern nicht verborgen, die mich schließlich baten, es doch laut zu tun, so habe ich dann Sonntag für Sonntag Gottesdienst gehalten, zu dem auch aus andern Stuben der eine oder andere kam. Die Ärzte sagten nichts dazu; auch vom Chefarzt hörten wir kein nein. Er war Jude, ließ uns aber nicht entgelten was an Juden übles getan wurde; sagte wohl auf die Frage warum: "Ich weiß zu unterscheiden, im Übrigen ich habe in Heidelberg studiert." Die russischen Ärzte waren sichtbar bemüht, nicht nur äußerlich korrekt, sondern sie setzten sich mit ganzer Person für die ihnen anvertrauten Kranken ein, auf die Gefahr persönlicher Nachteile hin. So besorgten sie Medikamente aus der Stadtapotheke, was verboten war, und bemühten sich um Diätverpflegung. Mit großer Dankbarkeit denken viele, nicht nur ich, an Fr. Olga Schulkowa, die Stationsärztin der Inneren, Ihr Assistenzarzt war, soweit ich mich mich erinnere, Dr. Wex, ein Chirurg aus Stettin. Kurzum, Ärzte und Schwestern taten was sie konnten, und das unter Verhältnissen, die man sich, wenn man nicht Ähnliches erlebt hat, kaum vorstellen kann. Ich lag auf der Inneren, in einem Raum mit 19 Anderen. Rechts und links von einem sehr schmalen Gang befand sich je eine Bretterpritsche, auf der 10 Kranke liegen sollten, doch war ein gleichzeitiges Liegen aller auf dem Rücken nicht möglich; nur in der Seitenlage war für alle Platz. Sehr bald hatten wir uns alle Hüftknochen und Steiß aufgelegen, so dass eine ungeschickte Bewegung des Nachbarn Schmerzen bereitete. Ich erinnere mich, dass wir deshalb baten, einen Sterbenskranken wieder aus unserm Zimmer zu nehmen, weil er sich ständig hin und her warf, und als ich am Sonntag unsre Andacht hielt, in großer Angst meinte, es sei seine Beerdigungsrede. Auch wir andern hatten Depressionen zu überwinden, versuchten dies aber, indem wir uns beschäftigten oder einander mitteilten, wie unser Leben vor dem Krieg gewesen sei und was wir nach der Heimkehr zu tun gedächten. Da war der Bauer, der uns Ratschläge für eine Kleintierhaltung gab (Gänse und Kaninchen); vom Rennreiter erfuhren wir, wie er eine gewisse Diät streng einhalten musste, um fit und nicht zu schwer zu werden; dem Prinz von Ahrenberg hörten wir gern zu, wenn er, ein wenig begüterter Spross eines fürstlichen Hauses, vom Leben und Treiben seiner Kaste berichtete. Er war der weitaus Älteste unter uns und gesundheitlich schlecht dran. Wir bedauerten ihn, denn schon etliche male hatte er am Tor gestanden (Abmarsch nach hause) und immer wieder in letzter Minute hören müssen: "nasad" (zurück). Warum wusste er nicht, wahrscheinlich war er für die Sowjets seines "Standes" wegen wertvoll. Und dann war da für kurze Zeit ein junger Leutnant auf unsrer Stube, der von seinem Vetter in Mailand erzählte, einem Bankkaufmann, da klingelte es bei mir und ich fragte: "Heißt er etwa Kurt Range? Ja, sagte er, woher wissen sie das?" Nun, dieser junge Offizier war also ein Vetter von Kurt Range, mit dem ich mich gut verstand, der ein Neffe von Tante Hedwig im Stift war. Gravierender war aber das Fehlen von guten Medikamenten. So bestand eine Behandlung meiner Ruhr lange Zeit nur in der Ernährung mit Reis, aber das führte zu keinem Erfolg. Erst als im Frühsommer 47 ungarische Ärzte ins Lager gekommen und Sulfonamide mitgebracht hatten, konnte einer Behandlung meiner Ruhr damit erwogen werden. Weil ich inzwischen auf der Schippe stand, wie man sich damals ausdrückte, d.h. nach 6 Monaten Durchfall nur noch, Haut und Knochen war, nahm ich das Risiko in Kauf, der Sulfonamitstoß könnte im Blick auf meine kranke Leber für mich tödlich sein. Es ging gut, der Durchfall hörte auf, ich begann mich zu erholen. An baldige Heimreise war allerdings nicht zu denken, es hatte sich doch zu sehr herumgesprochen, in welch elendem Zustand Männer aus sowjetischer Gefangenschaft heimkehrten. So sollte ich mich erst erholen, wurde "3" (krank bzw. halbarbeitsfähig) eingestuft ins Lager zurückgebracht. Noch einmal also war ein russischer Winter zu überstehen. An Einzelheiten erinnere ich mich kaum, nur dass ich einmal im Lager als Posten beim Verpflegungsbunker eingesetzt worden war. Es war ein harter Winter. Schon nach zwei Stunden, in denen man ja hin und her ging, waren wir bei der Ablösung nicht im Stande den Pelzmantel allein auszuziehen, den wir noch über der Wattekleidung trugen, so steif waren unsre Hände trotz dicker Handschuhe. Es waren oft unter 30 Grad. Im neuen Jahr aber war es dann doch so weit. Ein Heimkehrertransport aus Sibirien sollte ganz plötzlich durch 300-400 "Dreier" aus Morschansk aufgefüllt werden. Glücklicherweise war ich nicht zu einem Außenkommando abgestellt, als die Zusammenstellung mit den üblichen Prozeduren vor sich ging. Am 26. März - nach einer Tauwetterperiode hatte es noch einmal stark gefroren - schlitterten wir buchstäblich bei 28 Grad minus zum Bahnhof, auf dem Kopf den Strohsack, in der Hand die wenige Habe, die uns eine letzte "Filzung" gelassen hatte, und konnten nach der üblichen Verzögerung die Viehwaggons beziehen, die man mit je einem Kanonenofen ausgestattet hatte. Allerdings mussten wir uns Brennmaterial erst "besorgen". Relativ schnell waren wir dann in Frankfurt/Oder, wo wir aus dem sowjetischen Lager ins deutsche überstellt wurde. Bei Aushändigung des Entlassungsdokuments hatte man uns alles Gute gewünscht und erklärt, wir seien nun voll rehabilitiert, weil wir ja "wieder gut gemacht" hätten. Aber so ganz stimmte das mit der Rehabilitation deutscherseits doch nicht. Während die ehemaligen Mannschaftsdienstgrade sofort nach Hause fahren durften, musste ich erst nach Ludwigslust fahren, um mich da registrieren zu lassen und kam bei den damaligem Bahnverbindungen am nächsten Tag über Rostock-Stralsund nur bis Greifswald, wo ich auf dem Bahnhof in der "Rote Kreuz-Baracke" schlafen durfte, sodass ich wohl erst am 2. Ostertag in Anklam war.

Wenn ich an die Zeit der Gefangenschaft zurückdenke, so habe ich immer gesagt: Ich möchte es nicht noch mal erleben, aber missen möchte ich diese Zeit auch nicht.


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