Ruhestand in Anklam

Mit Gerhard Masphuhl und seiner Familie verband uns eine Gute Freundschaft. Ich hatte ihn zum Superintendent vorgeschlagen als Superintendent Wilm die Superintendentur Greifswald-Land abgegeben wollte und mich dafür vorgeschlagen hatte, was ich ausschlug, weil ich mir die seelisch-körperlichen Anstrengungen, mit den politischen Behörden verhandeln zu müssen, nicht zutraute und ich zuviel Angriffsmöglichkeiten (geschieden und ehem. Offizier) geboten hätte. Solange Gerhard Masphuhl amtierte, insbesondere zur Zeit seiner Erkrankung, hielt ich am Amt des stellvertretenden Sup. Fest, während ich das Amt des Kindergottesdienstbeauftragten der Landeskirche niederlegte, als in Dersekow Kindergottesdienst nicht mehr möglich war (etwa 1960). Bis dahin habe ich bei den Tagungen, die in Berlin stattfanden, bei Werner Schlenskas Familie gewohnt, der als Orthopäde zuerst in der Charité und später in Westberlin in eigener Praxis tätig war. Bei seinem Sohn Reinhard wurde ich Pate. Auch mein Mandat in der Landessynode (1958-69) hatte ich später aufgegeben "aus gesundheitlichen Gründen", so offiziell, aber auch, weil ich die immer mehr den staatlichen Methoden sich angleichenden Verfahrensformen nicht für richtig hielt und es deshalb zu einer "Auseinandersetzung" mit dem Bischof gekommen war.

Und da war da noch die Geschichte mit dem Mann aus Rostock, Gerda sagte er sähe wie ein Pastor aus, der sich erkundigte, ob wir noch Schwierigkeiten hätten. Und in der Tat, wir hatten Schwierigkeiten als er zum ersten Mal auftauchte und ich ihn am Kaffeetisch im Gespräch mit eurer Mutter antraf. Da war die Sache mit Lindemann, dem Altkommunisten, der mir gedroht und mich angezeigt hatte, da war möglicherweise auch die Absage der EOS für Ottfried und die Schwierigkeiten bei der Christenlehre. So traf ich ihn noch mehrmals am Kaffeetisch an. Ich brachte das Gespräch meist auf die grundsätzlichen Fragen, Christlicher Glaube & ¬Sozialismus, und sagte wohl einmal, gegen wahren Sozialismus wäre nichts einzuwenden, doch der real existierende habe ein falsches Menschenbild. Und dann machte es mich einmal stutzig, dass er von der Landessynode etwas hören wollte, worauf ich ihm sagte, nun das wissen sie doch, ihr Mann ist ja dabei: Obwohl es für mich feststand - aus den Erfahrungen in Sowjetischer Kriegsgefangenschaft - dass überall Spitzel waren (die kasaika im Waldlazarett) auch ich wusste, dass ich seit meiner Registrierung in Ludwigslust überwacht wurde, auch einmal Fr. Klassengenossin, deren Bruder bei der Stasi war, ihr gesagt hatte, ich weiß, dass dein Vater Hauptmann war. Kurzum, obwohl ich misstrauisch war, hatte ich den netten Mann aus Rostock nicht für einen Stasi-Mann gehalten. Als er aber nach meinen Ausscheiden aus der Landessynode nicht mehr erschien war es mir klar und ich frage mich heute noch: Was hat er aus unsern Gesprächen am Kaffeetisch gemacht und wer hat dich nun weiterhin bespitzelt. Gleich zu Beginn dieser Besuche hatte ich Masphuhl davon erzählt, aber als ich es beim Konsistorium tat, reagierte man gar nicht darauf, was mir komisch vorkam.

Doch als ich dann 65 geworden war, hielt ich es für geboten, meine Emeritierung einzuleiten, im Wissen, dass eine Emeritenwohnung schwer zu bekommen sein würde, weil sie auch für die Kinder in der Ausbildung passend sein musste. Eine Übersiedlung in den Westen aber kam nicht in Frage, weil wir unter damaligen Verhältnissen, uns von einem Teil unserer Kinder hätten trennen müssen. Da wurde in meinem Elternhaus die vermietete Wohnung frei. Auf Anraten meiner Geschwister beantragte ich für mich die Freigabe dieser Wohnung als Miteigentümer und kinderreich beim Wohnungsamt in Anklam. In einer mündlichen Verhandlung wurde der Antrag barsch zurückgewiesen. "Ob ich es denn verantworten könnte, dass eine Familie, die in einer schlechten Wohnung wohne, zu schaden käme", so hielt mir der Vertreter des Wohnungsamtes Anklam vor. Weil ich aber meinen Antrag in Abschrift, nicht nur dem Konsistorium, sondern auch dem Rat des Bezirks zur Kenntnis gegeben hatte, war auch eine Vertreterin dieser Behörde zugegen, die mir dann riet: "Bleiben Sie dran!" Was mir wie Hohn klang (aber wie sich heraus stellte, gut gemeint war) Ich mir damals nur dachte, oder gar erwiderte: "Wenn einer in eine Wohnung eingezogen ist, so geht er doch nicht sobald wieder raus, jedenfalls kann ich solange nicht warten." Es zog dann der Anführer der Kampfgruppen in die Wohnung. Ich meldete das dem Konsistorium und versuchte es noch einmal, die Vertreterin aus Neubrandenburg schien uns ja wohlgesinnt zu sein. Und das "Wunder" geschah, nach etwa einem Jahr wurde die Wohnung uns freigegeben; ob wir es Plath zu verdanken hatten?

Dann der Umzug! Das war nun nicht nur der eigentliche Umzug mit Spediteur usw., was einigermaßen laufen sollte. Aufwendig waren die Vorarbeiten. Es sollte eine Garage für den Trabi gebaut, die alten Kachelöfen durch Außenwandgasöfen ersetzt werden. Einen durften wir erwerben, für zwei weitere wurde uns die Zulassung zugesagt, wenn sie über Genex kämen, d.h. vom Westen mit DM bezahlt würden. Wieder halfen meine Freunde (Röcker, Fricke, Farenbacher, Letz, Häußler). Die Montage der Öfen aber schien in absehbarer Zeit nicht möglich, weil die erforderlichen Verbindungsstücke für die Rohrleitung bei der Firma in Anklam nicht zur Verfügung standen; auch der Leiter der Firma, ein kirchlicher Mann - ohne "Vitamin-B" ging sowieso nichts - durfte die vorhandenen Stücke für "Privat" nicht verarbeiten. So startete die Familie eine Suchaktion bei bekannten Klempnern zwischen Gützkow und Luckow.

Als ich dann am 16. September mit dem PKW Weckgläser und anderes schon nach Anklam schaffen wollte, geriet ich vor Greifswald in einen Platzregen, von einem entgegenkommenden LKW sah ich etwas auf mich zu fliegen. Automatisch nahm ich den Fuß vom Gas, so traf der Gegenstand das Auto nur in Motorhöhe und prallte weg. Im immer noch strömenden Regen konnte ich den Gegenstand nicht finden, auch die Polizei, die ich von einer Baracke in der Nähe aus angerufen hatte, fand ihn nicht. Es schien zunächst nur ein Blechschaden zu sein, aber ich kam nicht mehr nach Dersekow zurück. der Motor musste erneuert werden. Meister Grade half mir das "corpus delicti" zu finden. Es war der Sprengring des LKW-Hinterrades. Für lange Zeit war ich nun ohne Auto, doch Irmfried half aus. Am 5. Okt. war dann der Umzug, am 16. Okt. fuhr ich noch einmal nach Dersekow zur Pfarramtsübergabe. Doch Friedegard durfte noch geraume Zeit mit ihrer Familie im Pfarrhaus oben wohnen, so dass uns Dersekow noch nicht ganz "gewesen" war.

Dann war Anklam für 13 Jahre unser Zuhause und doch nur bedingt. Der Anklamer Konvent nahm mich überaus freundlich auf. Viele kannten mich noch, alle freuten sich, dass ich bereit war, zu helfen. So wurde ich wieder Kreisarchivpfleger des Kirchenkreises sicherte in dieser Funktion die Archive von Teterin und Blesewitz, den beiden Pfarren, die nicht mehr besetzt werden sollten, entdeckte die kostbare Lutherausgabe auf dem Dachboden in Spantekow; trug die Synodalbücherei wieder zusammen, die zerstreut auf dem Dachboden des Marienpfarrhauses lag und ordnete sie wieder; ordnete das Synodalarchiv, übernahm die Beantwortung der Kirchenbuchanfragen sowie die Regie der Kirchenöffnungen und Führungen, als Martin Afhelt, der Sohn des Pf. A. nach Beendigung seines Theologie-Studiums diese Arbeit, die er begonnen hatte, nicht mehr weiter tun konnte. Für diese wichtige Arbeit verfasste ich einen Kirchenführer, den ich mit Linolschnitten versah, und den Kantor Grosch bei Rauchmann drucken ließ. "Für innerkirchlichen Dienstgebrauch" entstanden weitere Heftchen-, über die Arkadenmalerei in Marien und Nikolai, über die Pfarrkirchen im Kirchenkreis über die Anklamer Kirchen u.a., die an Chor und Mitarbeiter verteilt wurden.

Die Kirchenöffnungen erfreuten sich großer Beliebtheit, viele Urlauber, die in Anklam eine Pause einlegten, kamen in die Marienkirche, darunter auch Ausländer und besonders Menschen aus der Tschechoslowakei, für die Jarda, Hartmuts Freund, ein ev. Pfarrer, den "Kirchenführer" ins Tschechische übersetzt hatte. Weil ich seit meiner Studienzeit mich für Kirchengeschichte interessiert hatte - auch später Mitglied der Arbeitsgemeinschaft war - fiel mir natürlich zu den jeweiligen Gedenktagen die Aufgabe zu, Referate zu halten und Ausstellungen zu organisieren (Adelung, Bugenhagen, Hugenotten, jüdische Gemeinde, Kirchenkampf, Stadtjubiläum). Das blieb nicht unbekannt, so dass auch die Gruppe der Baudenkmalpfleger mich zur Mitarbeit aufforderte; ich tat das gern, konnte ich doch an der richtigen Stelle Belange der Kirche vertreten.

Dass ich mich weiterhin für die Bodendenkmalspflege stark machte, sei erwähnt. Wenn man mir zunächst nur widerwillig Zugang zum Archiv des Heimatmuseums erlaubte, änderte sich das, als der neue Leiter Dr. Wassermann festgestellt hatte, dass ich schon als Schüler dabei war, als das Museum gegründet worden war. Hier wurde daraufhin, besonders wieder als Herr Morgenstern die Leitung übernommen hatte, um Mitarbeit gebeten, der ich mich nicht versagte. Kleine Arbeiten zur Stadt- und Kirchengeschichte kamen dann auch in den Heimatkalender. Kurzum, Anklam war eine Zeit, in der ich ohne Hetze Kenntnisse und Begabung einbringen konnte, so dass ich mit Dankbarkeit an diese Periode zurückdenke, zumal ich als Pastor weitgehend Dienst tat. So hab ich in Vakanzvertretung auf dem Land und in der Stadt bis 1984 mindestens 110 Gottesdienste halten können, was mir nur recht war, hatte ich mir im Stillen doch immer wieder einmal vorgeworfen, nicht bis zum 70. Lebensjahr durchgehalten zu haben.


14 / 14