Archive ziehen ihn magisch an

Gerhard Becker forscht mit 89 Jahren noch immer gern in Kirchengebäuden

Weyhe-Leeste "Ich kann es nicht lassen", sagt Gerhard Becker über sich selbst und meint damit das Stöbern in Archiven, das Unter-die-Lupe-nehmen von kirchlichen Baudenkmalen.

Der 89-jährige Pastor im Ruhestand ist 1989, noch vor der Wende, aus der damaligen DDR nach Leeste gekommen. Hier hat er seitdem manchen Anstoß gegeben, so auch dazu, das verwitterte Gedenkkreuz für Georg Ludolph Mestwerdt (von 1820 bis 1845 Pastor in Leeste) wieder herzurichten.

Geschichte, Kunst, Naturwissenschaften - dafür hat sich Gerhard Becker schon als junger Mann interessiert. Auf allen Gebieten war er "sehr begabt", wie selbst gefertigte Zeichnungen, Malereien und Skulpturen im Wohnzimmer mit dem beladenen Schreibtisch beweisen.

Doch der 1910 in Stettin geborene Sohn eines Elektroingenieurs, der in Anklam Abitur machte, entschied sich für das Theologiestudium: "Der Glaube als Grund unter den Füßen ist etwas ganz wichtiges", erkannte für sich schon früh.

Weil nach dem Ersten Weltkrieg großer Pastorenmangel herrschte, bekam Gerhard Becker bereits 1934 als Vikar eine Pfarrstelle im Kreis Anklam, wo er "alles zu machen" hatte. Dort gab es viel Zank im Dorf, doch der junge Vikar konnte platt sprechen und wurde bald liebevoll "uns lütt Pasting" genannt - auch eine kleine Anspielung auf seine Körpergröße. Nach dem Predigerseminar und weiteren Pfarrstellen in Hinter- und Vorpommern seit 1935 sowie der Ordination 1937 widmete sich Becker der Volksmission, bekam eine Pfarrstelle in Altenhagen, bevor er 1938 eingezogen wurde. Pastor und Soldat war er während des Krieges, in dem er sich eine Gelbsucht auf der Krim holte, deren Auswirkungen ihn sein Leben lang begleiteten. 1945 geriet er in russische Kriegsgefangenschaft. Doch auch dort vergaß er nicht, dass er Pastor ist und hielt Gottesdienste. Der Leberschaden und die Ruhr brachten ihn ins Lazarett: "Dort habe ich gemerkt, wie die Menschen versuchten, den Glauben zu behalten." Man hatte mit den Russen etwas gemeinsam: Auch sie wussten nichts von ihren Angehörigen.

Als Gerhard Becker 1948 zurückkehrte, war seine Pfarrstelle besetzt, und es zog ihn wieder in die Nähe von Anklam. 1950 heiratet er seine Frau Gerda, geborene Lode mit der er jüngst Goldene Hochzeit feierte. 1954 schließlich bekam er die Pfarrstelle in einem Vorort von Greifswald, wo er bis zu seinem Ruhestand 1976 wirkte. Als stellvertretender Superintendent war er im Bauausschuss des Kirchenkreises aktiv und hatte die Aufgabe, in Greifswald, Anklam und Rügen den gesamten Kirchenbestand aufzulisten.

Die Aufgabe als Pastor in der DDR war nicht leicht: Vier Gottesdienststellen gab es in seiner Gemeinde, davon eine Kirche und eine Kapelle. Ein Raum auf einem Gut wurde von Staats wegen gestrichen, einmal wurde dem Pastor sogar verboten, in ein Dorf zu gehen. Auch der Druck auf Eltern, deren Kinder konfirmiert werden sollten, wurde immer stärker. Dem Kantor, von Beruf Lehrer, wurde die kirchliche Aufgabe ebenfalls untersagt, so dass Ehefrau Gerda einsprang. Elektrische Leitungen in der Kirche verlegte Gerhard Becker bei Bedarf selbst. "Die Partnergemeinde in Schleswig-Holstein schickte, wenn möglich, benötigtes Material", so Becker, der mit seiner Familie von 600 Mark Grundgehalt und Kindergeld lebte: "Kleiden konnte man sich davon nicht". Der Garten mit Obst, Gemüse, Hühnern, Bienen, einem Milchschaf und Flugenten war "ganz wichtig" für die Familie mit sieben Kindern.

Als Gerhard Becker in den 70er Jahren mit 67 Jahren in den Ruhestand ging, nahm er seinen Kollegen die Baupflege der Nikolaikirche in Anklam ab und widmete sich der Archivarbeit. "Es gab sogar Anfragen aus Amerika zur Ahnenforschung", berichtet das Mitglied des Pommerschen Geschichtsvereins. Die Kinder hielten das Ehepaar in der DDR, das dann 1989 doch den bald genehmigten Antrag auf Ausreise stellte. Die Wende hatte Becker damals "nicht für möglich gehalten, das war ein Wunder".

Nach Leeste kamen die Eheleute Becker, weil eine Tochter bereits in der Nähe wohnte (heute Bruchhausen-Vilsen). Und hier gab es für den neugierigen Ruheständler viel zu entdecken: Das kirchliche Archiv interessierte ihn und: Wie alt sind Kirche oder Kirchturm? beispielsweise. Aktuell würde er gern dem Altarbild näher auf den Grund gehen. Zurzeit beschäftigt sich Gerhard Becker auch mit Triangulation, dem Prinzip von Harmonie und Schönheit im Bauen und Gestalten.

Dazu möchte er "etwas verfassen", das er eigentlich bei den nächsten Familientagen in Halle vorlegen wollte, zu denen im Mai die sieben Kinder im Alter von 39 bis 49 Jahren mit Familien (22 Enkelkinder) zusammenkommen. Die Zeit bis dahin wird ihm zu knapp, sagt er. Doch vielleicht kann er sich zu seinem 90. Geburtstag im September selbst ein Geschenk machen.


Kornelia Hattermann, Weser-Kurier 19.03.2000


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