Der Kirche verbunden
Ehemaliger Pastor Gerhard Becker starb mit 95 Jahren

LEESTE (yk) – Er galt als der wohl beste Kenner der Leester Kirchenhistorie: Gerhard Becker. Der Ex-Pastor aus der ehemaligen DDR starb am Dienstag, 3. Januar, im Alter von 95 Jahren.
Ein Jahr vor der Wende kam Becker nach Leeste, nachdem bereits seine Kinder aus ideologischen Gründen dem Honecker-Staat den Rücken gekehrt hatten.
In Leeste suchte und fand Becker schnell Kontakt zur evangelischen Kirchengemeinde. Die Geschichte der Marienkirche faszinierte Becker von Anfang an. Er stürzte sich regelrecht in die Forschungsarbeiten, und „grub“ die teilweise unbekannte Geschichte des Gotteshauses aus, die in zahlreichen Veröffentlichungen dieser Zeitung einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.
Für seine Arbeit durchforstete er nicht nur das – zugegeben lückenhafte – Archiv der Leester Kirchengemeinde, das Staatsarchiv in Hannover wurde für den bescheidenen ehemaligen Seelsorger ein zweites Zuhause.
Durch Beckers Arbeit erfuhr die Kirchengemeinde Dinge, die selbst in Leeste nicht bekannt waren. Es reichte vom Taufbecken über den Turm, die Glocken bis hin zu den alten, fast verwitterten Grabsteinen neben der Kirche, die teilweise mehrere Jahrhunderte als sind. Auch ihre Historie legte Becker, so weit es nach so langer Zeit noch möglich war, offen.
Im Arbeitszimmer seiner Wohnung am Ortfeld in Leeste stapeln sich die Aktenordner mit ausführlichen Berichten zur Geschichte der Kirche, gespickt mit Details bis hin zur Entlohnung der Seelsorger, dem Zuschuss der Leester Bauernschaft zum Unterhalt der Kirche und vieles andere mehr. Seine unermüdliche Arbeit brachte Becker Lob und Anerkennung ein. Leider kam es noch nicht zur Veröffentlichung der erarbeiteten Daten in Buch- oder Broschürenform für die interessierte Öffentlichkeit.
Becker hatte in der schweren Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zwar auch aus innerer Überzeugung Theologie studiert, ausschlaggebend war aber auch die Tatsache, dass er dieses Studium mit Hilfe eines Stipendiums absolvieren konnte, da die Mittel im Elternhaus für die normale Finanzierung eines Studiums zu knapp waren.
Schon während und nach dem Studium war Becker stark in der kirchlichen Jugendarbeit engagiert, was ihn nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft 1948 und seiner über 20 Jahre währenden Tätigkeit in einer Pfarrstelle bei Greifswald zunehmend in Konflikt zu den DDR-Machthabern brachte.
Nachdem ihm nach seiner Pensionierung die Dienstwohnung gekündigt worden war, ihm aber gleichzeitig von den Behörden immer weder ideologische Steine in den Weg gelegt wurden, entschloss Becker sich zur Ausreise in den Westen, die ihm schließlich gewährt wurde.
Über Brinkum und Bruchhausen-Vilsen, wo Kinder von Becker leben, die vor dem Vater bereits die DDR verlassen hatten, kam er nach Leeste.
Beckers Aussegnung ist am kommenden Freitag 13 Uhr, in „seiner“ Leester Kirche. Die Beisetzung der Urne ist auf Wunsch des Verstorbenen in der alten Wirkungsstätte Dersekow bei Greifswald.


Kreis-Zeitung / Stieher Weyheer Zeitung 10.01.2006


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