Kreissynode 1962

Der Familiengottesdienst ein neuer Weg?

Liebe Brüder und Schwestern, dies ist das Thema das Kirchen leitung und Konsistorium den Kreissynoden in diesem Jahr gestellt hat. Bei allem Respekt vor unseren Kirchlichen Obrigkeiten muss Ich damit beginnen zu fragen: Wer hat denn dieses Thema so formuliert, nämlich mit diesem Fragezeichen am Schluss? Aufsatzthemen und Examensarbeiten hätten ja wohl oft dieses unangenehme Zeichen aber ich kann doch nicht annehmen, dass das Konsistorium mich und alle die Pastoren, die sich gleich mir haben dazu erweichen lassen, dies Thema zu behandeln, noch einmal prüfen will. Auch, ist es mir doch sehr zweifelhaft, ob dieses Fragezeichen wirklich ernst gemeint ist. Denn wie sollen wir kleinen Leute, Pastoren und Älteste besser wissen als ein hohes Konsistorium oder eine hohe Kirchenleitung, was ein Familiengottesdienst ist und ob er ein neuer Weg kirchlicher Praxis sein kann.

Ohne dieses Fragezeichen wäre das Thema auch noch schwierig genug, denn - das möchte ich gleich zu Anfang sagen - es gibt noch keinen, der eindeutig sagen kann, was ein Familien gottesdienst ist, man kann auch noch kein Buch darüber befragen. Und wie ist es mit dem neuen Weg? haben wir in der Kirche überhaupt neue Wege zu suchen? Sollte uns nicht vielmehr nur die Besinnung auf den Einen not tun, der allein der Weg ist!

Liebe Freunde, das ist mir immer wieder durch den Kopf gegangen und um so häufiger, je näher dieser Tag kam. Bei meiner Umschau nach Hielfe fiel mir nun eine Notiz ein, die ich in der Christenlehre, einer Zeitschrift für den katechetischen Dienst gelesen hatte und als ich die Stelle wiedergefunden hatte, wurde mir die Themenstellung begreiflicher, denn hören Sie was da steht: Christenlehre 1959 Heft 7 S.205 Neue Wege in der kirchlichen Arbeit - Familiengottesdienste

Da berichtet also Pfarrer Eichenberg aus Breitenbrunn im Erzgebirge was ihn veranlasst hat Familiengottesdienste zu halten, ich stelle es noch einmal heraus 1. es soll in bestimmten Abständen - alle 6 Wochen- einmal die ganze Familie den gleichen Gottesdienst miteinander feiern und 2. es soll den Umstand Rechnung getragen werden, dass der heutige Mensch ein "schauender Mensch" ist, also durch Bilder ansprechbar.

Zum Andern schildert er kurz,wie er solche Gottesdienste durchgeführt hat, ich wiederhole noch einmal: Liturgie zu Anfang wie üblich, aber nur eine Lesung - die langsam geschieht, so dass währenddessen Kinder auf dem Altarplatz das Gelesene mit Gewändern, aber ohne zu sprechen darstellen. Dann Lied der Kurrende. Hauptlied im Wechsel Kinder - Eltern - Kurrende. Dann Predigt über den gleichen Text, bei der auf vor dem Altar verbliebene Gestände oder Zeichen hingewiesen wird (z.B. viererlei Acker).

Zum Schluss spricht er von dem Erfolg solcher Gottesdienste. Er sagt: "Wir haben die große Freude, dass zu den Familiengottesdiensten wirklich Väter und Mütter mit ihren Kindern zur Kirche kommen, dass diese Gottesdienste immer sehr gut besucht sind und dass das Gesehene und. Gehörte in Erinnerung bleibt"

Familiengottesdienst ein neuer Weg? Nun, wer wollte nach, dem eben Gehörten nein sagen. Das ist doch auch unser Anliegen und Wunsch, dass die Mütter und auch die Väter mit den Kindern, den Kindern der Christenlehre, den Konfirmanden, zum Gottesdienst kommen möchten. Und das ist ja auch richtig, dass das nur Gehörte zuleicht vorbeirauscht und das kennen wir ja alle schon, dass im Wechsel gesungen wird, dass Chor oder Kinder ein Lied singen. Sollte man es nicht doch auch einmal versuchen trotz aller Mühe und trotz mancher Bedenken gegen den Theatergottesdienst wie ihn einmal eine Frau, aber nicht abfällig, genannt hat! Liebe Brüder und Schwestern! Es ist auf solche Anfinge und Berichte hin, wie wir eben einen gehört haben, hin und her zu weiteren Versuchen gekommen. Sie wissen vielleicht auch, dass das Seminar für kirchlichen Dienst in Dersekow einen gut vorbereiteten und von der Gemeinde sehr günstig auf genommen Gottesdienst gehalten hat. Das hat u.a. dazu geführt, dass ich davon Kenntnis bekam, dass die Kirchenkanzlei der EKD sich mit dem Problem Familiengottesiienst beschäftigt und zur Klärung des Problems Erfahrungsberichte gesammelt und den Kirchenleitungen zugestellt hat.

Weil in diesem Bericht relativ knapp weitere Erfahrungen weitergegeben wurden, auch an deutlicher Kritik nicht gespart wurde, will ich uns nun zu unserer eigenen Klärung davon kurz berichten: Zum Äusseren: von 7 Berichten sind nur 2 aus Landpfarren, allgemein wird betont, dass nur in größeren Abständen (6 -12 Wochen) solche Gottesdienste gehalten werden und dass ganz eindeutig ohne Zusammenarbeit von Pfarrger, Katechet, Kirchenmusiker usw. und ohne Kindergruppen, Chöre, Junge Gemeinde solche Gottesdienste nicht durchzuführen sind.

Zum Schluss aber steht ein sehr kritischer Bericht, den Ich uns nicht vorenthalten will, zumal er aus Mecklenburg, aus Rostock kommt. Ohne Zweifel ist uns vieles sympathisch an diesen Worten. Darüber hinaus aber werden wir an die Frage nach dem Wesen des Gottesdienstes herangebracht. Wir können hier nicht ausweichen. Es kann in der Tat nicht dies die Frage sein, ob wir diese oder jene Art von Gottesdiensten zu versuchen haben, sondern wir haben zu fragen, wie muss unser Gottesdienst sein, damit er Gott und Menschen gefällt, damit Gottes Wort gehört und von Menschen unserer Zeit angebetet und gepriesen werden kann. Dass irgendetwas in der Form unserer Gottesdienste nicht stimmt, wird immer wieder gesagt, die Besinnung auf auf den rechten Gottedienst ist auch ein sehr ernstes Anliegen.

Gewisse liturgische Erkenntnisse sind uns selbstverständlich geworden, die noch vor 2 - 3 Jahrzehnten belächelt wurden. Darauf kann und soll nicht weiter eingegangen werden. Nur ein kurzer Rückblick auf den christlichen Gottesdienst von seinen Anfängen her sei gestattet: Nach dem Zeugnis des NT war er Familiengottesdienst, war er Lob und Anbetung, war er allgemein verständliche Verkündigung der großen Taten Gottes. Selbst die mittelalterliche Kirche mit ihre lateinischen Kultsprache hatte das nicht ganz verloren, denken wir an die Werke der bildenden Kunst, an die biblia pauperum, an die Passionspiele, das Quempassingen usw.

Für die Gottesdienste der Reformation galt das alles in höchstem Maße, für alle war jeder Gottesdienst, alle sollten hören und lernen, alle sollten Loben und singen! Lebendiger Gottesdienst, der alle trug und hob auch durch Nöte und Anfeindungen, herrlich beehrt überall bis in die jüngste Zeit, in der Diaspora, in Siebenbürgen und Kroatien (Hellstern).

Doch bei uns weitgehend seit dem Ende das 18. Jahrhunderts im Schwinden. Da weiß man nur noch von Predigern und Kanzelrednern, von Gottesdienstbesuchern und Predigtpublikum, von feierlich und erbaulich. Die alten liturgischen Formen wurden da ärgerlich, die Chöre nur noch zu Attraktionen, die Kinder störten. Fromme Kreis sammeln sich in den Häusern, mißtrauisch gegen allen Formen des erkalteten Gottesdienstes. Wo neuen christliches Leben Form gewinnen sollte, da musste es in der Formen der Zeit, d.h. in Vereinen und Gruppen und Bünden geschehen. Nun das Ergebnis kennen wir: Die Kreise und ihre Feste und Tage und ihre Gottesdienste.

Ist nun etwa der Familiengottesdienst wie er hier und da und immer häufiger versucht und gefeiert wird, ein tastender Schritt wieder hin zum rechten Gottesdienst? Ich möchte dazu Ja sagen, zumindest es wünschen. Mit meinen Bedenken aber möchte ich auch nicht zurückhalten. Ich zitiere aus meinem Erfahrungsbericht an die Kirchenkanzlei: Unter Familiengottesdiensten ist nun eine Vielfalt von Formen zu verstehen, wie schon anfangs gesagt gibt es keine eindeutige Bestimmung. Ein Gottesdienst in der üblichen Form, nur in der Art der Verkündigung und seiner Dauer so gestaltet, das er von einem Kind mitgefeiert werden kann, hat diesen Namen wie auch der eingangs geschilderte Gottesdienst, bei dem nach gründlicher Vorbereitung Christenlehre, Konfirnanden, Chor, junge Gemeinde, Frauen und Älteste mitwirken. Dazwischen gibt es eine Fülle von Möglichkeiten. Ganz fremd sind uns viele Formen davon nicht. Die schlichteste halten wir oft in unsern Filialen, wenn wir besonders in den Stuben die Kinder mit dabeihaben und dann versuchen ihnen verständlich zu predigen oder wie sie auch etwa nach der Lesung ein Ließ singen lassen. Die große Form wird wohl bei vielen am Heiligen Abend und bei der Prüfung lange schon feste Ordnung sein.

Beide Gottesdienste haben besonderen Verkündigungscharakter durch die Mitwirkung der Kinder und der Jugend und von beiden geht eine evangelistische Wirkung aus. Zum Prüfungsgottesdienst noch dieses: Er ist der letzte von ursprünglich 4 Prüfungsgottesdiensten, die nach der pom. Kirchenordnung gehalten wurden. Diese Prüfungen waren als Hilfe für die Elternhäuser gedacht, als Hilfe für das Hauskatechumenat, denn die christliche Unterweisung war Sache der Eltern, in 2. Linie erst Sache der Schule, nur die Vorbereitung zur Beichte und damit zur Konfirmation war Sache des Pastors. Ich denke, in rechter Weise gefeieret könnten Famillengotteadienste diese Aufgabe wieder übernehmen. Das Hauskatechumenat, die Christenlehre, der Konfirmandenunterricht könnten im Blick auf diese Gottesdienste, die sie mit Eltern und Gemeinde nun wirklich tätig mitfeiern, gute Impulse bekommen. Auch würde eine solche Ordnung diesen Gottesdiensten das tendenziöse nehmen, sie sind dann legale Höhepunkte des gemeindlichen Lebens. Alle würden es auch bald merken, dass unsere Gottesdienste nicht Veranstaltungen des Pastors und seiner Funktionäre sind, sondern Feiern der christlichen Gemeinde. Deshalb schon wäre es gut,in gewissen Abständen Gottesdienste zu feiern, auf die hin die Kinder lernen und sich innerlich vorbereiten, für die junge Gemeinde und Chor und Frauen sich rüsten, zu denen Älteste und Lektoren eingeteilt werden zu mancherlei Diensten (Lesung, Gebet, Opfer).

Als Zeitpunkte bietet sich außer den schon erwähnten (Prüfung und Heiliger Abend) noch der Schulanfängergottesdienst an und der des Reformationsfestes. Außer diesen besonders vorbereiteten Familiengottesdiensten sollten wir wo und wie es immer möglich ist den sonntäglichechen Gottesdienst den Kindern öffnen. Es zeigt sich, dass auch kleine Kinder durchaus an der Liturgie bis zur Predigt hin teilnehmen können, besonders dann, wenn man ihnen die Möglichkeit gibt ein Lied mitzusingen oder allein zu singen. Die übliche Predigt wird ihnen nicht zuzumuten sein, aber ob man nicht hin und. wieder einmal den Weg von Pf. Eichenberg beschreiten sollte! Ich habe es noch nicht versucht. Doch vielerorts nimmt die Kinder nach der Eingangsliturgie besonders und lässt sie dann nach einer Kinderpredigt oder Katechese erst wieder zum Schlussgebet in den Gottesdienst. Mann schließt auch den Gottesdienst für die Kinder besonders, lässt sie auch kneten und ausmalen oder verkündet ihnen auch am Flanelltuch. Hier ergibt sich je nach Lage Raum, Begabung der Helfer eine Fülle von Möglichkeiten. Bei uns in Dersekow hat sich einfach deshalb, weil keine Katechetin mehr da ist, Helfer nicht mehr zur Verfügung stehen, die Pfarrfrau nach dem Hauptgottesdienst schlecht für den Kindergottesdienst frei ist, folgende Form ergeben: Die Kinder sind bei der Eingangsliturgie dabei. Diese aber kennt nur eine Lesung und zwar nehme ich den Evgl.text der Kindergottesdienstreihe. Nach der Lesung kommt Halleluja bzw. Amen. Dann gebe ich den Inhalt mit knappen schlichten Worten noch einmal wieder, wie es ein Kind von 8 Jahren begreifen kann.

Danach sprechen alle das Gl.bek. Die Kinder singen darauf ein Lied, das zum Skopus des Textes oder zur Kirchenjahreszeit in Beziehung steht und verlassen dann geschlossen den Gottesdienst während die Gemeinde mit dem Predigtlied beginnt. Die Kinder gehen dann ins Pfarrhaus, wo sie sich anhand des Kindergottesdienstbüchleins und des jeweiligen Sonntagsbildes den lnhalt des vorher gehörten Textes aneignen, wozu ihnen weitere Erklärungen des Helfers (meiner Frau) helfen. Für sie schließt dann der Gottesdienst im Pfarrhaus mit Gebet und Segen.

Der Familiengottesdienst ein neuer Weg?
Nun sagen Sie selbst. Welche Antwort sollen wir geben?