Die Unkirchlichkeit Vorpommerns
Ein Versuch an 2 Pfarrgemeinden ihren Beginn und ihre Ursachen aufzuzeigen.

von Gerhard Becker (ca. 1954 / 55 entstanden)

Die relativ große Unkirchlichkeit der vorpommerschen Landgemeinden liegt zu Tage. Auch wenn in den letzten Jahren hier und da und vielleicht Tuch allgemein Manches besser geworden ist, so ist das Leben der christlichen Gemeinden doch dadurch gekennzeichnet, dass nur ein geringer Teil regelmäßig am Gottesdienst teilnimmt, nur wenige das heilige Abendmahl regelmäßig begehren, ein noch geringerer Teil eine christliche Hausordnung kennt und ganz erschreckend wenig Menschen da sind, die bereit sind als Christen Amt und Verantwortung zu tragen. Und das alles auch heute noch bei fast 100% Begehren von Taufe, Konfirmation, Trauung und Beerdigung.

Blättert man nun nur oberflächlich in den Pfarrakten des 17. und 18. Jahrhunderts, ja selbst noch in denen des beginnenden 19. Jahrhunderts bietet sich ein ganz anderes Bild. Immer wieder findet man Bemerkungen über Vermehrung der Kirchenplätze und Gestühle, die Abendmahlsziffern sind enorm groß. Nichtteilnahme am Gottesdienst oder anderweitige Beschäftigung während der Gottesdienstzeit werden als etwas Unerhörtes herausgestellt. Auch die Anlegung von neuen Kirchpfaden noch im Anfang des 19. Jahrhunderts für neue Dörfer spricht für eine große Kirchlichkeit. Die Kirche war eben nicht nur lokal der Mittelpunkt des Dorfes, sondern ganz entschieden waren Gottesdienst und alle Amtshandlungen der Kirche Höhepunkte des; Lebens. Die Verkündigung der Kirche war weitgehend narrativ für alle Gebiete des Lebens. Die Menschen lebten zur Kirche hin und von der Kirche her - so will ich es einmal pointiert ausdrücken.

Wann und wodurch aber ist nun die Wendung zur Unkirchlichkeit eingetreten. Haben die Wirkungen der Aufklärung sich im ausgehenden 19. Jahrhunderts zu zeigen begonnen und sind dann im 20. Jh. zur vollen Auswirkung gekommen? Warum aber ist das nicht auch in Hinterpommern geschehen. Haben eine erstarrte Orthodoxie und später eine aufgeklärte Geistlichkeit den tödlichen Keim gelegt oder hat das Fehlen einer Erweckungsbewegung die Entfremdung der Gemeinden vom kirchlichen Leben bewirkt? So hat man sich immer wieder gefragt und jeder dieser Faktoren ist zur Begründung herangezogen worden. Aber sind das alles hinreichende Gründe, muss die Ursache nicht vielleicht doch an anderer Stelle gesucht werden? Dies alles zu klären, erfordert ein eingehendes und weites Forschen, ich will nur versuchen an Hand der Pfarrakten zweier vorpommerscher Landpfarren nach dem „Wann" und „warum" zu fragen. Die beiden Archive, die mir eingehend zugängig waren, ich war in den Pfarren längere Zeit Pfarrer, sind das Pfarrarchiv von Kagendorf, Kreis Anklam, ehem. preußisch Vorpommern, zu dessen Ergänzung ich das Stadtarchiv von Anklam benutzen konnte, und das Pfarrarchiv von Dersekow, Kreis Greifswald, zu dessen Ergänzung ich das Landesarchiv und das Univ. Archiv benutzen konnte. Es ist ohne Frage eine recht zufällige Auswahl und doch scheint sie mir nicht ungünstig zu sein. Einmal ist schwedisch wie preußisch Vorpommern damit vertreten, zweitens ist die eine Pfarrgemeinde gemischt aus ehem. Guts- und Bauerndörfern wie es für preußisch Vorpommern typisch war und Dersekow scheint mir dagegen typisch schwedisch Vorpommern zu sein, als zur Pfarre nur ehem. Guts- und Pachthöfe neben kleinen Büdnerwirtschaften gehören.

Nach diesen einleitenden Worten nun zur wichtigen Frage, seit wann kann man in diesen Pfarrgemeinden von einer Unkirchlichkeit sprechen? Die Frage ließe sich relativ schnell anhand der Visitationsfragebögen beantworten, wenn diese bis etwa zum Jahre 1650 oder wenigstens bis 1750 vorlägen. Aber sie beginnen ja bekanntlich erst im 19. Jahrhundert.

Für die Zeit davor ist man auf die Pfarrchronik, soweit sie geführt wurden, auf meist recht kurze Visitationsprotokolle des neunzehnten Jahrhunderts, auf ausführlichere Visitationsabschiede bzw. Matrikeln des 18. und 17. Jh. und auf Kirchenbücher, Kirchenrechnungen u.a. Akten angewiesen.

Für Kagendorf sind Visitationsakten sowohl für das 17. u.18. Jh. und vom Ende des 19. Jahrhunderts an bis jetzt vorhanden, also fast die ganze Zeitspanne ist erfasst, doch lässt sich nicht einfach eine Statistik daraus erstellen. Die Protokolle erwähnen in Ausführlichkeit nur das, was wir kirchliches Leben nennen – also Gottesdienstbesuch, Abendmahl, Opfer, christliche Sitte usw. – aber umso ausführlicher geht es um den Pfarr- und Kirchenbesitz, Gehälter und Gebühren. In den Visitationsfragebögen der jüngeren Zeit dagegen geht es in der Hauptsache gerade um dies alles - Gottesdienstbesuch, Feiertagsheiligung, Jugend und christliche Sitte. Dennoch lässt sich, wenn man die alten Visitationsunterlagen durch Kirchenrechnungen u.a. Akten ergänzt, eine durchgehende Kurve der „Kirchlichkeit“ zeichnen, wobei festzustellen ist, dass es sich dabei nur um die rein äußerliche Kirchlichkeit handelt. Die Christlichkeit entzieht sich weitgehend äußerer Messbarkeit, wenn auch selbstverständlich wirkliches christliches Leben nicht ohne messbare Handlungen existiert. Auf Grund der vorliegenden Akten aber kann nur die äußerliche Kirchlichkeit festgestellt werden. Wieweit solche messbare Kirchlichkeit aber etwas vortäuscht, was nicht mehr da ist, wird sich nicht immer enthüllen.

Als entscheidender Faktor für die Kirchlichkeit einer Gemeinde gilt der Kirchenbesuch. Für die jüngeren Unterlagen lässt sich in beiden Pfarren eine eindeutige Kurve der Prozentzahlen aufstellen. Davor lässt sich diese Linie aber nicht festlegen, weil der regelmäßige Gottesdienstbesuch aller Gemeindemitglieder bis ins 19. Jh. hinein einfach selbstverständlich war. Jeder hatte seinen Platz in der Kirche, den er sich selber errichtet, mit seinen Standesgenossen zusammen gebaut oder an besonderen Stellen hat einrichten lassen. Dafür zahlte er seine Gebühr an die Kirchenkasse, Von all diesen Dingen, auch von Streit um Kirchenplätze und Gestühle geben die Pfarrakten Auskunft.

So sehr wir also gewöhnt sind den Kirchenbesuch als Gradmesser der Kirchlichkeit anzuwenden – hier müssen wir darauf verzichten. Anders verhält es sich indes mit dem Gang zum Heiligen Abendmahl. Auch hier gibt uns die ältere Zeit zwar kein statistisches Material, aber indirekt geben die Kirchenrechnungen darüber Auskunft. Der jährliche Verbrauch von Oblaten und Abendmahlswein zeigt an, bis zu welchen Zeiten die Sitte des zweimaligen jährlichen Abendmahlsganges von der Masse der Gemeindeglieder erfüllt wurde. Feststellbar ist ein Absinken der Kirchlichkeit zumindest seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, doch ist die geminderte Kirchlichkeit noch nicht zu vergleichen mit der des 20. Jahrhunderts.

Sucht man zunächst nach den Gründen für diese erste Welle der Entkirchlichung, begegnet man der Aussage Orthodoxie und Aufklärung sind schuld daran. Ohne Zweifel haben beide zur Säkularisation unseres geistigen und kulturellen Lebens geführt, aber gilt das auch schon im 19. Jh. und vor allem auch für die schlichte Landbevölkerung? Und wenn dies zu bejahen ist, warum vollzog es sich dann nicht auch in Hinterpommern?

Man sagt gewiss nicht ohne Recht, dass dieses Absinken der Kirchlichkeit als besondere Wirkung der Aufklärung, in Hinterpommern und anderen Teilen Deutschlands durch die Erweckungsbewegungen abgefangen wurden. Allerdings besaßen beide betrachteten Pfarren, die nach dem ersten Weltkrieg als besonders unkirchlich bezeichnet werden mussten, sowohl in der Zeit der Orthodoxie, wie auch der Aufklärung wirklich gläubige, ja sogar pietistisch-biblizistische Pfarrer.

Alle Kirchlichkeit gründet ohne Frage zu einem Teil in lebendiger Christlichkeit bzw. auch nur Religiosität, zu einem – wie ich meine – noch größerem Teil aber in Sitte und Gewöhnung. Kirchlichkeit ist weitgehend ein soziologisches Phänomen. Soweit also Kirchlichkeit religiös-christlich begründet ist, gelten geistliche und geistige Einwirkungen. Diese wirken sich jedoch nur langsam aus und zeigen sich zuerst bei den höheren Schichten und den weniger sesshaften Teilen der Bevölkerung, was sich auch in den Akten nachweisen lässt. Der Beginn der Unkirchlichkeit wird aber in Dersekow wie in Kagendorf bei den untersten Schichten, dem Gesinde und den Tagelöhnern festgestellt (wie ja Bauerndörfer in der Regel kirchlicher sind- und das bis in unsere Tage – als Guts- und Arbeiterdörfer). Deshalb scheint mir in erster Linie die Entkirchlichung der Gemeinden nicht in den Auswirkungen der Orthodoxie oder der Aufklärung begründet zu sein. Auch das Fehlen einer Erweckung ist nicht in erster Linie schuld, sondern die wesentliche Ursache ist bei äußeren Veränderungen der untersten Schicht zu suchen. In der Tat hat sich die Lage des Gesindes und der Landarbeiter in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entscheidend gewandelt. Es muss daran erinnert werden, dass die mittelalterliche Ständeordnung erst in den Reformen des beginnenden 19. Jh. zu Ende ging. Städte- und Gewerbeordnung in den Städten und Bauernbefreiung auf dem Lande waren fraglos Fortschritte und machten mit Dingen ein Ende, die wahrlich reif dazu waren, aber sie zerbrachen auch Ordnungen, in denen die Menschen geborgen waren. Um zu erklären, wie ich das meine, sei mir ein kurzer Rückblick gestattet.

Im Rahmen des mittelalterlichen Lehnswesens war der Bauer in unseren Dörfern hier einmal als persönlich freier Mann lehnspflichtig entweder dem Adel, der Kirche oder einer Stadt gewesen. Aus diesem Verhältnis aber war schon im ausgehenden Mittelalter und in letzter Konsequenz nach dem 30-jährigen Krieg ein Besitzverhältnis der Lehnsherren nicht nur an Grund und Boden, sondern auch an Fleisch und Blut geworden. Der Bauer und sein Gesinde waren leibeigen geworden. Auch die Hofwehr war Eigentum des Grundherren, was darüber war, war allerdings persönliches Eigentum des Bauern, das er mehren und vererben konnte. Auch Abgaben und Arbeitsleistungen waren geordnet, so dass trotzt dieser Abhängigkeit eigentlich bis in den 30-jährigen Krieg hinein der Bauer wirtschaftlich gut stand und selbst nach dem Kriege bald wieder einiger Wohlstand herrschte, zumal der Grundherr ja verpflichtet war, dem Bauern zu helfen wo er nur konnte. Es herrschte oft ein gutes persönliches Verhältnis nach dem 4. Katechumen Gebot. Das galt nun weiter nach unten auch vom Verhältnis der Bauern zu ihrem Gesinde. Das Gesinde gehörte zur Familie. Knecht oder Magd zu sein war ein ehrenvolles Amt, zu dem Kenntnisse gehörten. Ein Knecht stand nicht unter den unmündigen Kindern, zumal Knechte und Mägde ja Bauernkinder waren. Indem nun aber die Leibeigenschaft aufgelöst wurde, fielen auch die persönlichen Verpflichtungen. Die Grundherren gaben die Höfe frei, wie es in vielen Fällen gegen Zahlung oder Abgabe eines Teiles der Feldmark in preußisch Vorpommern geschehen ist, oder nahmen den Boden ganz in Eigentum und bewirtschafteten ihn mit Tagelöhnern oder verpachteten die Höfe an die bisherigen Bauern, wie es meist in schwedisch Vorpommern geschah. Aus dem Gesinde aber wurden „die Leute“, freie Leute gewiss, aber auch ohne Bindungen jetzt an den Hof und das Dorf. Oft noch gewiss von Bauern in der alten Ordnung gehalten und versorgt, meist aber dann in die Leutestube verwiesen. Seinen alten Platz in der Ordnung der Bauernhöfe nahmen bald nur noch die eigenen Söhne und Töchter ein und das nicht nur in der Stube, sondern auch in der Kirche. Das Bauernlegen vernichtete in schwedisch Vorpommern fast alle Bauerndörfer, es entstanden nicht nur in dersekow die vielen Pachtgüter der Universität. Es war fast überall so, dass von der Bevölkerung eigentlich nur die Büdner sesshaft blieben. Wo bisher der Bauer als Kirchenvorsteher mit Verantwortung die Verwaltung des Kirchvermögens mitgetragen hatte, da nahmen jetzt fremde Pächter alle Funktionen ein. Die Bauern waren nicht nur von ihren Höfen vertrieben, sondern auch aus ihrer Kirche. Soweit sie nicht selbst irgendwie als büdner wieder Eigentum erwerben konnten oder als Pächter wieder sesshaft wurden, gingen sie in der wachsenden Tagelöhnerschaft unter, die, ohne wieder sesshaft zu werden, den Landarbeiterstamm der Güter bildeten. Sie konnten kaum noch Beziehungen zu den Kirchen dieser Dörfer haben, die oft genug nur noch „Privatkapellen“ der Besitzer waren. Ihre Kinder wurden als Knecht oder Magd bei den übrig gebliebenen Bauern nun eine ganz andere Schicht, als die ihrer Vorgänger.

Diese tief greifenden sozialen Veränderungen, denen nicht nur weitgehend das Bauerntum zum Opfer fiel, sind auch der Grund für die Entkirchlichung unserer Dörfer geworden. Da wo eine gewisse bäuerliche Substanz blieb, blieb auch noch bis in die Gegenwart spürbar eine größere Kirchlichkeit erhalten. Die Visitationsfragebögen beider Pfarren bestätigen dies. Wenn als Grund der mangelnden Sonntagsheiligung hier immer wieder die Arbeit und nicht Trunk oder Vergnügen angegeben werden, so wird aber auch ein zweites deutlich: Die weitere Entkirchlichung der Gemeinden hatte dann auch in der Säkularisation des gesamten Lebens seine Ursache. Arbeit als Religionsersatz! Das gilt ja heute noch für unsere ordentlichen, ehrenwerten, bäuerlichen Menschen – und nicht nur für sie. Dass dann schließlich noch das Vorbild der gehoberen Schichten, die sich eindeutig geistig und oft auch äußerlich von der Kirche getrennt hatten, bei den nach neuer Geltung ringenden Menschen zur Verfestigung ihrer Entkirchlichung beitrug, ist nicht verwunderlich. Im Gegenteil – dass bei alledem noch soviel Kirchlichkeit, selbst in den Landarbeiter-Dörfern geblieben ist, ist erstaunlich. Es zeugt auch für einen größeren Fundus von Christlichkeit, als man ihn gewöhnlich diesen entkirchlichten Dörfern zutraut, wenn Abendgottesdienste in den Häusern (Advent, Passion) so gut besucht werden und wenn es relativ schnell gelingt wieder Kirchlichkeit erwachsen zu lassen, wenn man einen möglichst großen Teil der Gemeinde wieder zum Gottesdienst bekommt. Hierher gehört auch die Tatsache, dass gerade in Vorpommern Missionsfeste von Anfang an großen Anklang fanden, was sowohl für Kagendorf wie für Dersekow gilt. Man will Christ sein und hier kann man es zeigen, ohne sein Gesicht zu verlieren, denn so ist es doch: Wenn der Mensch des 17. u. 18. Jahrhunderts in der Kirche allein seine Geborgenheit und seinen Wert hatte und er außerhalb um sein Selbstbewusstsein ringen musste, so ist es besonders für den Mann in Vorpommern heute umgekehrt. Außerhalb ist er geborgen in der Masse und in der Arbeit und Leistung findet er sein Selbstbewusstsein. Die Kirche, die ihn einmal, zwar nicht mit Absicht, aber im Effekt seine Geborgenheit n der Gemeinschaft und sein „Wertsein“ genommen hatte, ist für ihn immer noch nur mit Hemmungen betretbar. So ist die Haltung des Mannes voller Komplexe, weitgehend gehemmt ist die Frau, die sich auch nie so weit hat aus der Kirche verdrängen lassen.

Wenn wir uns nach diesem nun die so genannte „kirchliche Schar“ unserer Gemeinden ansehen, so finden wir bestätigt, was wir oben feststellten: Der größte Teil dieser Menschen sucht Geborgenheit in der Kirche, will sein Selbstbewusstsein wahren, seine bürgerliche Anständigkeit. Ein weiterer Teil will Sicherheit gegen die letzten Mächte (Tod und Sünde). Der zweite Grund der Kirchlichkeit ist aber ein religiöser. Man weiß sich unter Gott gestellt und will dem nicht ausweichen oder kann ihm nicht ausweichen, weil man sich einfach gestellt weiß (Todesfall in der Familie oder anderes). Der dritte Grund ist schließlich, – und obwohl er uns der wichtigste dünkt, rangiert er doch an letzter Stelle – dass Menschen sich zur Kirche halten, weil sie ihres Herrn Gemeinde ist und der Ort, wo er in Wort und Sakrament gegenwärtig ist. Das ist nun selbstverständlich nicht säuberlich getrennt, sondern ineinander verwobene Wirklichkeit in jeder Gemeinde. So betrachtet basiert die Unkirchlichkeit heute auf den gleichen Gründen, wie die Kirchlichkeit früher.