Wulf fährt mich nach Leeste
die Vorgeschichte dieser Zeilen

Ich hatte die Medower besucht, am Tag vorher in Greifswald mich etwas angestrengt. Gerade fertig mit Ott nach Anklam zu fahren, überfiel mich dies "Unwohlsein", so dass wir nicht ins Museum, sondern zum Krankenhaus fuhren, wo nach den üblichen Untersuchungen, der Befund einen "angina pectoris" Anfall vermuten ließ. Nach Hause mit der Bahn! Auf keinen Fall, sagte die Ärztin, am Besten ist es, es fährt sie jemand mit dem Auto zurück!

Nun es half nichts, ich musste schon einwilligen und dann erschien Wulf mit Robert, seinem großen (17) Sohn als "Copilot" für die Rückfahrt.

Wir saßen bequem, auch Wulf, der sich immer nur im Trabi recht unbequem hinter das Lenkrad quetschen konnte. Es war mir nun sehr recht und ich war dankbar, dass Wulf sich bereit erklärt hatte. Recht war mir auch, dass ich die Gelegenheit wahrnehmen konnte, einmal mit meinem Enkelsohn zu plaudern, er saß schräg hinter mir. Seit einiger Zeit machte er den Eltern etwas Kummer. Die Schule wollte ihm nicht schmecken, auch sympathisierte er mit den "Skinheads" jedenfalls im äußeren Haarschnitt, Stiefel usw. Sicher nichts Besonderes für sein Alter, aber ... .

Nun, vielleicht nimmt er von seinem Großvater einen Rat an? Robert, Du bist jetzt auf dem Gymnasium in T. Wie läuft es den da so? Wenn ich an meine Gymnasialzeit zurückdenke, habe ich nicht gerade die besten Erinnerungen, ein groß' Teil unsrer Lehrer damals waren ganz schlechte Pädagogen, heute mag es ja besser sein, oder? Na, ich merke, Dir ist die Schule auch kein ungetrübtes Vergnügen. Aber Robert, dat helpt ja nich, man möt dörch! Man möchte ja etwas werden, etwas tun, damit die Welt besser wird. Wir Alten haben bei so manchem wissenschaftlichen und technischen Fortschritt doch auf entscheidenden Gebieten versagt. Aber, wenn man etwas nun besser machen will, dann muss man zunächst einmal gewisse Spielregeln anerkennen, d.h. die Schule annehmen, und ganz banal gesagt, den Schein anstreben der weiterhilft, also Abi u.a. Denk mal: Chrischi ist ja Ärztin, sie möchte ihren Facharzt bei dem Arzt machen, der neue Methoden anwendet, das hat sie im Praktikum bei ihm schon anwenden dürfen, aber sie wäre nicht einmal auf die Bewerberliste gekommen, wenn sie auf die Frage, ob sie ihren Dr. hätte, mit nein hätte antworten müssen. Gewiss vermittelt eine Doktorarbeit Spezialkenntnisse, aber ein besserer Arzt wird man kaum durch die Promotion. Und noch ein Gesichtspunkt! Und noch einer aus unsrer Familie hat einmal gesagt: als Facharbeiter verdiene ich später meist mehr und habe weniger Ärger, aber ich möchte mir doch nicht von einem dumm kommen lassen müssen, nur weil der sich "Ingenieur" nennen darf; deshalb will ich nun doch studieren, zumal ich mir den Studienplatz sauer genug verdient habe.

Also, überleg mal und sag es dir immer wieder einmal, ob es sich nicht lohnt, die Schule zu ertragen! Es gibt ja auch Lehrer und Fächer die man mag, Lehrer, die junge Menschen verstehen und die einem dann auch etwas bedeuten. So war es zu meiner Zeit auch schon, Gott sei Dank! Hier hielt ich erst einmal inne und versuchte, festzustellen, wo wir uns inzwischen befanden. Güstrow kann hier nicht weit sein, dachte und sagte ich. Den Umweg dahin zu machen, lohnte sich jedoch sicher nicht, denn wir würden ihn kaum antreffen; das ist ja die Kehrseite bei Leuten, die sich engagieren, so wie er. Er war immer begeistert von den Aufgaben, die sich stellten, hatte es auch verkraftet, dass er nicht studieren durfte, was er wollte. Das er überhaupt ohne große Widerstände studieren konnte, verdankte er - ich weiß nicht, ob du es weißt - der an sich traurigen Tatsache, dass sein Vater noch ohne einen Beruf zuhaben gefallen war, so dass der Sohn als "Arbeiterkind " angesehen wurde.

Übrigens waren Axel und Lutz mal wieder bei euch? Sie haben die Schule auch durchgestanden - Ja doch die waren mal da - Doch was nun, war es richtig, was ich gesagt habe, oder auch, dass ich überhaupt dies Gespräch versucht hatte? Schon oft hatte ich das Gefühl, die Jüngeren wollen uns Alte gar nicht hören, doch, siehe da, der Enkelsohn wollte noch hören, wollte fragen.
Ich hatte die Medower besucht, am Tag vorher in Greifswald mich etwas angestrengt. Gerade fertig mit Ott nach Anklam zu fahren, überfiel mich dies "Unwohlsein", so dass wir nicht ins Museum, sondern zum Krankenhaus fuhren, wo nach den üblichen Untersuchungen, der Befund einen "angina pectoris" Anfall vermuten ließ. Nach Hause mit der Bahn! Auf keinen Fall, sagte die Ärztin, am Besten ist es, es fährt sie jemand mit dem Auto zurück!

Nun es half nichts, ich musste schon einwilligen und dann erschien Wulf mit Robert, seinem großen (17) Sohn als "Copilot" für die Rückfahrt.

Wir saßen bequem, auch Wulf, der sich immer nur im Trabi recht unbequem hinter das Lenkrad quetschen konnte. Es war mir nun sehr recht und ich war dankbar, dass Wulf sich bereit erklärt hatte. Recht war mir auch, dass ich die Gelegenheit wahrnehmen konnte, einmal mit meinem Enkelsohn zu plaudern, er saß schräg hinter mir. Seit einiger Zeit machte er den Eltern etwas Kummer. Die Schule wollte ihm nicht schmecken, auch sympathisierte er mit den "Skinheads" jedenfalls im äußeren Haarschnitt, Stiefel usw. Sicher nichts Besonderes für sein Alter, aber ... .

Nun, vielleicht nimmt er von seinem Großvater einen Rat an? Robert, Du bist jetzt auf dem Gymnasium in T. Wie läuft es den da so? Wenn ich an meine Gymnasialzeit zurückdenke, habe ich nicht gerade die besten Erinnerungen, ein groß' Teil unsrer Lehrer damals waren ganz schlechte Pädagogen, heute mag es ja besser sein, oder? Na, ich merke, Dir ist die Schule auch kein ungetrübtes Vergnügen. Aber Robert, dat helpt ja nich, man möt dörch! Man möchte ja etwas werden, etwas tun, damit die Welt besser wird. Wir Alten haben bei so manchem wissenschaftlichen und technischen Fortschritt doch auf entscheidenden Gebieten versagt. Aber, wenn man etwas nun besser machen will, dann muss man zunächst einmal gewisse Spielregeln anerkennen, d.h. die Schule annehmen, und ganz banal gesagt, den Schein anstreben der weiterhilft, also Abi u.a. Denk mal: Chrischi ist ja Ärztin, sie möchte ihren Facharzt bei dem Arzt machen, der neue Methoden anwendet, das hat sie im Praktikum bei ihm schon anwenden dürfen, aber sie wäre nicht einmal auf die Bewerberliste gekommen, wenn sie auf die Frage, ob sie ihren Dr. hätte, mit nein hätte antworten müssen. Gewiss vermittelt eine Doktorarbeit Spezialkenntnisse, aber ein besserer Arzt wird man kaum durch die Promotion. Und noch ein Gesichtspunkt! Und noch einer aus unsrer Familie hat einmal gesagt: als Facharbeiter verdiene ich später meist mehr und habe weniger Ärger, aber ich möchte mir doch nicht von einem dumm kommen lassen müssen, nur weil der sich "Ingenieur" nennen darf; deshalb will ich nun doch studieren, zumal ich mir den Studienplatz sauer genug verdient habe.

Also, überleg mal und sag es dir immer wieder einmal, ob es sich nicht lohnt, die Schule zu ertragen! Es gibt ja auch Lehrer und Fächer die man mag, Lehrer, die junge Menschen verstehen und die einem dann auch etwas bedeuten. So war es zu meiner Zeit auch schon, Gott sei Dank! Hier hielt ich erst einmal inne und versuchte, festzustellen, wo wir uns inzwischen befanden. Güstrow kann hier nicht weit sein, dachte und sagte ich. Den Umweg dahin zu machen, lohnte sich jedoch sicher nicht, denn wir würden ihn kaum antreffen; das ist ja die Kehrseite bei Leuten, die sich engagieren, so wie er. Er war immer begeistert von den Aufgaben, die sich stellten, hatte es auch verkraftet, dass er nicht studieren durfte, was er wollte. Das er überhaupt ohne große Widerstände studieren konnte, verdankte er - ich weiß nicht, ob du es weißt - der an sich traurigen Tatsache, dass sein Vater noch ohne einen Beruf zuhaben gefallen war, so dass der Sohn als "Arbeiterkind " angesehen wurde.

Übrigens waren Axel und Lutz mal wieder bei euch? Sie haben die Schule auch durchgestanden - Ja doch die waren mal da - Doch was nun, war es richtig, was ich gesagt habe, oder auch, dass ich überhaupt dies Gespräch versucht hatte? Schon oft hatte ich das Gefühl, die Jüngeren wollen uns Alte gar nicht hören, doch, siehe da, der Enkelsohn wollte noch hören, wollte fragen.

Großvater, warst du eigentlich als Pastor im Krieg?

Ja doch, antwortete ich. Aber mir war gar nicht klar, ob diese Frage nicht ein bisschen provokatorisch war, so wie ich und andere meines Alters von, verständigen jungen Leuten schon gefragt worden waren, wie konnten sie denn Soldat, oder gar Offizier gewesen sein.

Also, wie muss nun die Antwort lauten? Oder besser noch, wie ist die Frage genau gemeint? Lautet sie: Bist du Militärpfarrer gewesen? Dann ist die Antwort: Nein. Aber so: Bist du Pastor gewesen auch als Soldat, dann: Ja.

Zu 1. Robert: ja, ich wollte für eine begrenzte zeit Militärpfarrer sein, für ein Gemeindepfarramt kam ich mir noch zu jung vor. Und, du weißt es vielleicht, ich kam aus der Jugendbewegung, hatte die Gruppe lange geführt in Anklam und glaubte, das bildete ich mir ein, gewisse Voraussetzungen zu erfüllen, um jungen Männern in ihrer Soldatenzeit die Tür zum christlichem Glauben etwas weiter zu öffnen.

So hatte ich mich auch beworben, hatte in Stettin in der Garnisonkirche gepredigt, war anschließend vom hauptamtlichen Militärpfarrer beglückwünscht, der mir versicherte, ich würde bald die Berufung bekommen. Aber das "bald" zog sich sehr hinaus, so dass ich bei einem Besuch in Berlin zum Feldbischof ging, um nachzufragen. Ich wurde freundlich empfangen: Bitte nehmen Sie Platz, Bruder Becker! Was führt Sie zu mir? Ich sagte es. Ach ja, da war doch etwas!

Er griff nach einer Akte, schaute hinein und sah mich an, bekümmert wie mir schien, und fragte: Haben sie etwas mit Ihrem Ortsgruppenleiter? Ja sagte ich, wir lieben uns nicht. Nun das ist es, schade. Der größte Bauer im Dorf, ein strammer Nazi, hatte etwas gegen mich. Er mag von unserem (mit Jochen Fuchs in Werder) Volksmissionseinsatz etwas wissen, aber ganz bestimmt war ihm nicht verborgen, dass die Jugendstunden im Pfarrhaus besser besucht waren als die der Hitler Jugend. Nun ich konnte also nicht Pfarrer bei den Soldaten werden, d.h. Militärpfarrer und später, als ich evtl. Divisionspfarrer gern geworden wäre, war ich nun wieder zu jung. Jahrgang 1908 war die Grenze.

Also Militärpfarrer war ich nicht. Wenn du mit deiner Frage aber von mir hören willst, ob ich als Soldat und Offizier auch Pastor war, so möchte ich "Ja" sagen. Wie ich mich erinnere waren fast alle jungen Pastoren Offiziere und haben dabei nicht vergessen, dass sie Pastoren sind oder sie waren Sanitäter.

Wie ich Soldat geworden war und fast 10 Jahre sein musste?

Im Juli 1938 wurde ich für 8 Wochen eingezogen. Das galt für die meisten des Jahrganges 1910; Anfang 1939 musste ich noch einmal meine Gemeinde verlassen und eine Übung absolvieren, nach der ich Gefreiter wurde und Offiziersanwärter, das hatte vermutlich mit einer Vorgeschichte zu tun. 1932 hatte ich durch Vermittlung von Professor Heimann in Greifswald, wo ich ja Theologie studierte, für 1 Semester nach Königsberg gehen können. Dort wurden still und geheim Studenten der Verbindungen (ich gehörte der Hochschulgilde an) zur so genannten "Schwarzen Reichswehr" eingezogen, um kurzfristig ausgebildet zu werden. So ging auch ich Verabredungsgemäß eines Tages mit einem Gildenbruder vor der Kaserne in Quednau spazieren und wurde mit ihm zusammen, als die Luft rein war, hinein gewinkt. Dort wurden wir - es waren schließlich an 20 bis 30 Mann - sofort eingekleidet und in den kommenden Tagen in "hinhaltender Verteidigung" ausgebildet.

Du fragst: warum das alles?

Nun, nach dem 1. Weltkrieg beanspruchte Polen nicht nur Westpreußen, wo in der Tat ein Teil der Bevölkerung polnisch war, sondern auch Oberschlesien und Teile von Ostpreußen. In einer Volksabstimmung, sollte die Bevölkerung sich entscheiden. Die Polen hofften, dass die Oberschlesier, von denen ein Teil das "Wasserpolnisch" als ihren Dialekt sprachen und die Einwohner von Masuren, die auch einen slawischen Dialekt hatten, sich für Polen entscheiden würden.

Aber sie wurden enttäuscht, in überwältigender Mehrheit entschieden Oberschlesier und Masuren sich für Deutschland. Weil nun der polnische Westmarkenverein schon lange, die Westgrenze Polens an der Elbe postulierte, auch schon eine Landkarte erstellt hatte, auf der alle Städte und Dörfer nur polnische Namen hatten, fürchtete man, dass die Reichswehr, die nur eine geringe Stärke laut Versailler Vertrag haben durfte, nicht in der Lage sein würde, eine Nacht- und Nebelaktion der Polen zu verhindern, mit der sie durch die Besetzung Südostpreußens eine vollendete Tatsache schaffen würden. Bei "hinhaltender Verteidigung" aber würde Zeit für eine Verstärkung aus dem "Reich" möglich sein. Soviel davon.

Anfang September wurde ich dann als Gefreiter und Offiziersanwärter in Lindenhof Kreis Demmin, der Besitzer war ein Patron meiner Gemeinde, für eine Munitionskolonne eingezogen, die schließlich zur 28. Division kam. 1940 wurde ich Offizier. Soweit ich mich erinnere, waren wir außer dem Div. Pfarrer 5 Pastoren, die als Offiziere nicht nur beweisen wollten, dass Pastoren auch gute Deutsche wären, sondern auch in ihrer Funktion manches zum Guten wendeten, soweit es möglich war. Auch haben wir immer wieder einmal in Vertretung des Divisionspfarrers Menschen, die zu und gehörten, beerdigen müssen. Einmal in Ostpreußen schon, habe ich ein Kind getauft, weil die Eltern es dringend wünschten, ehe sie den gefährlichen Weg über das Eis nach Pillau mit dem gepackten Flüchtlingswagen antraten. Getraut habe ich auch einmal ein junges Paar oben in Estland. Und dann natürlich im Gefangenlager im 'Wechsel mit anderen die sonntägliche Predigt gehalten.

Die vorgesetzten Offiziere in unsrer Division begegneten uns Pastoren mit Achtung, fragten wohl auch um Rat oder wollten unsre Meinung wissen, was sie im Blick auf unsre untergeordnete Dienststellung sonst nicht getan hätten. Da fallen mir gerade zwei Fälle ein.

Es war oben vor Leningrad. Da rief mich der Kriegsgerichtsrat der Division an: Herr Oberleutnant, bei mir ist eine Anzeige wegen Befehlsverweigerung und an angedrohter Körperverletzung gegen den Ogfr. N. eingegangen. Der Kfz-Inspektor hat die Anzeige erstattet. Ich muss der Sache nachgehen. Was ist das denn für ein Mann? Ich war nicht schlecht erschrocken, das konnte ja ganz übel für den Mann ausgehen! und so sagte ich; es ist ein sehr zuverlässiger und ordentlicher Mann, ich weiß daher nicht, wie ich diese Anzeige werten soll, was da wirklich geschehen ist, beide sind ja Oberschlesier, bei denen man ja Worte nicht auf die Briefwaage legen darf, auch rasten sie leicht aus und werden handgreiflich. Kann ich ihn nicht bestrafen? Er willigte schließlich ein und ich habe ihn mit 3 Tagen Arrest bestraft, Begründung? Vermutlich wegen ungebührlichen Benehmens einem Vorgesetzten gegenüber. Natürlich konnte die Strafe an der Front nicht vollzogen werden. Riskant war es für uns allerdings, wenn der Kfz-Inspektor nicht mitgespielt hätte. Dass in meiner Personalakte immer wieder stand: ist zu weich, muss härter werden, wusste ich als Adjutant, aber ich wertete es positiv.

Und der 2.Fall: Es war an der Weichselmündung am 8. Mai 45, da fragte mich der eine mir schon lange bekannte, Regimentskommandeur: Becker, was meinen sie, können wir uns noch nach Westen durchschlagen? Ja, durch Hinterpommern könnten wir wohl durchkommen, aber über Haff und Oder kaum, der Russe wird sicher schon in Vorpommern sein. Darauf seine Antwort: Dann müssen wir jetzt wohl Schluss machen, und das hieß ja :sich der Gefangenschaft durch Selbstmord entziehen. Nein sagte ich, das ist nicht recht. Nach unsrer Kapitulation ist die Situation auch eine andere. Es mag schlimm werden, aber wir sind doch nicht feige. Er hörte auf mich. Das klingt en bisschen nach "Heldentum", aber das sollte es aber gar nicht sein. Ich will mich, auch nicht "groß" machen, aber ich hatte gerade in den letzten Kriegsmonaten, so oft erlebt, dass ich gegen alle Erwartung und Befürchtung am Leben geblieben war! Auch war es nicht eigene Leistung, dass ich in schlimmen Situationen ruhig bleiben konnte, einfach weil mir der Vers gegenwärtig war: es kann mir nichts geschehen als was Er (Gott) hat ersehen und was mir dienlich ist. Es war mir immer mehr die Erkenntnis gekommen, dass so unbegreiflich es sein mag er mit jedem Menschen Seinen Weg geht.

So konnte ich nicht den "lieben Gott" spielen, als mich ein Kamerad bat, einen Soldaten, den wir beide gern hatten, gegen den Befehl nicht zur Infanterie abzustellen. Nachher kamen mir Zweifel und ich war erlöst, als ich ihn einige Tage später leicht verwundet in einer Truppe sah, die in die Heimat fahren sollte. Aber nun ist genug, wir sind auch bald da gleich müssen wir von der Autobahn runter. Ob euch das alles wirklich interessiert, weiß ich auch nicht. Es ist ja auch schon bald 50 Jahre her. Spontan darauf ihre Antwort: Ach nein, Du musst das mal aufschreiben, möglichst noch ausführlicher!

Kindheitserinnerungen

Aufschreiben! Ja, aber da muss man zuerst einmal zurückdrehen, zurücksinnen, zurückspulen und warten, ob sich wieder Bilder zeigen von damals; darum habe ich mich bisher jedoch kaum ernsthaft bemüht, weil jeder Tag mir noch Aufgaben gab, Gott sei Dank!

Und siehe, da entsteht vor meinem inneren Auge ein Bild aus früher Kindheit. Meine Mutter hat mir oft davon erzählt. Da stehe ich als Fünfjähriger auf einer "Rutsche" am Fenster unsrer Wohnung im 2. Stock Bohrauerstraße 139 in Breslau und schaue aufmerksam hinaus, ob nicht wieder ein Pferdegespann vorüber kommt, damit ich sehen kann, wie denn ein Pferdekopf aussieht, und ob meine Zeichnung stimmt; um schließlich ein voll ausgeschirrtes Pferd dann meiner Mutter zu zeigen.

Diese Liebe, zum alten Helfer des Menschen, ist mir treu geblieben. Immer wieder einmal drängte es mich, ein Pferd zu zeichnen oder zu modellieren: weidende Pferde auf der Koppel, spielerisch-übermütig, aber auch müde und alt.

Und dann eine zweites Bild: der Balkon unsrer Wohnung, es gibt noch Fotos, die unsere wachsende Familie, dort sitzend und stehend festgehalten haben, leider ist der Verschlag (Voliere) nicht zu sehen, wo unser weißes Huhn seine Wohnung hatte. Die Anklamer hatten es uns geschenkt, so machte es denn die Bahnfahrt nach Breslau mit, was ihm nicht so ganz behagte, so dass es sich ärgerlich meldete; zum Ergötzen der Mitreisenden, die es verständnisvoll belächelten im Blick auf die junge Mutter und die große Kinderschar; es war ja Krieg.

Eines Tages verhalf uns diese treue Henne, die uns viele Eier lieferte, zu einem Erlebnis, das uns in Erinnerung blieb, weil es für uns Kinder aufregend war. Dieses Huhn wollte offensichtlich etwas von der Welt sehen und schon saß es -trotz beschnittener Flügel - auf dem Geländer des Balkons. Ehe wir zugreifen konnten, schwebte es, torkelnd (beschnitte Flügel) auf die Straße hinab, auf der glücklicherweise gerade kein Verkehr war. Weil das Tier von seiner Hauchlandung etwas benommen war, blieb uns genügend Zeit, die Treppe hinunter zu sausen, um mit unsern Spielgefährten zusammen die Einfangaktion zu einem guten Ende zu bringen. Dem Tier hatte der Ausflug nicht geschadet.

Und noch etwas wird mir lebendige Erinnerung. Wann genau weiß ich nicht mehr, aber es war Sommer, vermutlich die Sommerferien im ersten Schuljahr. Ich durfte den Vater besuchen, der als Soldat in der Waffenmeisterei in Schweidnitz war. Seine Kameraden, alles auch wohl Familienväter mit Kindern in meinem Alter waren sehr freundlich zu mir, hatten schon eine Gewehrkiste bereitgestellt, die mein Bett werden sollte. Obwohl ich überall herumspazieren durfte, war es doch etwas langweilig für mich. Zum Mittagessen ging mein Vater mit mir in die Stadt, Im Esssaal ermahnte mich der Vater, nicht mit dem Besteck zu klappern, denn man müsse ganz leise essen. Und dann eines Tages beim Zurückgehen zur Kaserne, geschah etwas für mich sehr Aufregendes. Die Weißtritz, die durch die Stadt floss, musste durch ein enges gemauertes Bett, über das in relativ kurzen Abständen Stege führten, ihren Lauf nehmen, sie war dadurch, obschon nur flach, noch reißender geworden. Diese Stege waren der Lieblingsplatz der Kinder, die dort saßen, die Beine herunterbaumelnd, kleine Gegenstände, Blätter oder auch Schiffchen, hinunter warfen und beobachteten, wie das Flüsschen sie fort trug, auch wohl schnell aufsprangen, um diesen Gegenstand bei einem der nächsten Stege wieder aufzufangen; dabei war ein Kind hineingefallen, konnte nicht Fußfassen und wurde fort getragen. Mein Vater sah das und lief schnell zum nächsten Steg, um dort das Kind abzufangen, aber ein anderer, jüngerer (Soldat war noch vor diesem Steg ins flache Wasser gesprungen und hatte das Kind auf Trockene gesetzt, das sofort nach hause lief. Schade, ich hätte gern gesehen, dass mein Vater der Retter gewesen wäre.

Auch von der Heimfahrt nach diesem "Urlaub in der Kaserne" ist noch etwas in Erinnerung geblieben. Mein Vater hatte mich einem Kameraden mitgegeben, der Urlaub hatte und in Breslau umsteigen musste, dieser sollte mich zu Hause abliefern. Aber ich weiß den Grund nicht mehr, hatte der Zug Verspätung? Fürchtete er den Anschluss nicht zu bekommen? Jedenfalls fragte er mich, ob ich den Weg vom Bahnhof bis zur Bohreuerstraße kennte, als ich das bejahte, ließ er mich allein abmarschieren. Zunächst war mir das ganz recht, aber schon im Tunnel, in dem es furchtbar schallte war mir schon beklommen zumut. Die leeren Straßen, es war ja schon spät am Tage, waren auch nicht dazu angetan, mich froh zu stimmen; doch, du musst tapfer sein! Ein Glück, die Haustür war noch auf, aufs Klingeln öffnete die Mutter: Aber Junge, allein! Da kullerten die Tränen.

Das sind so Erinnerungen an die Zeit des 1. Krieges. von der Not, die viele Familien litten, besonders, wenn große Kinder da waren, haben wir nichts gespürt. Wir hatten das Huhn aus Anklam das fleißig Eier legte. Im Herbst kam eine große Kiepe mit Obst aus Brieg aus dem großelterlichen Garten, und dann war da Onkel Max, der noch unverheiratete Bruder der Mutter, Ingenieur-Offizier bei der Bahn, der in Polen war und uns sehr regelmäßig mit Eiern und Fett und anderem versorgte, so dass unsre Mutter an Familien im Haus Lebensmittelkarten weitergeben konnte. Ansonsten war der Krieg weit weg, nur ganz zuletzt waren wir Breslauer noch bangend Zuschauer eines Luftkampfes über der Stadt.

Für den Vater war der Krieg glimpflich zu Ende gegangen. An der Front erkrankt, war er zur Waffenmeisterei versetzt, im März 1919 in Schweidnitz entlassen worden. Die Folgen des Krieges aber waren auch für unsre Familie einschneidend. Es endete eine glückliche Kindheit, nur hin und wieder getrübt durch Klapse, die die temperamentvolle Mutter schnell austeilte, etwa dann, wenn wir wieder einmal das Sofa als Trampolin benutzt hatten und dabei gegen das darüber befindliche Bort gestoßen waren und dadurch die Nippesfiguren, auch die aus Schokolade hinuntergefallen waren. Natürlich wurden diese dabei oft mehr oder weniger beschädigt, was im Blick auf die Schokoladenfiguren nur recht war, konnten sie doch nun schön eingeteilt, verzehrt werden.

Jugend in Anklam I - Schule und Malerei

Anklam war nun die nächste Etappe. Brown-Boveri konnte keinen verheirateten Ingenieur beschäftigen, so zog die Familie nach Anklam, der Heimat des Vaters, wo er sich noch einmal selbstständig machte. Dieser Wechsel war nicht nur für die Eltern schwer, auch mir fiel die Veränderung schwer: Aus Schlesien nach Pommern, aus einer Schule, die ich in der Erinnerung heute noch in hellem Sonneschein sehe, in den dunklen Klassenraum der alten Schule am Steintor, wo der Lehrer sich mit dem Stock über die Bänke gehend und prügelnd einer lauten Schülerschar gegenüber Respekt zu verschaffen suchte. Doch belastender war dass die Auswirkungen von Inflation und Weltwirtschaftskrise auch unsre Familie hart trafen. Im harten Konkurrenzkampf konnte der Vater schlecht bestehen. Du bist zu gutmütig, sagte ihm nicht nur die Mutter, auch seine Brüder. So florierte das Geschäft ganz und gar nicht. Und wenn einmal ein großer Auftrag vorlag, so brachte er bei der rasenden Geldentwertung nur Verlust ein. Butter, so wurde erzählt, wäre schließlich der Lohn für Arbeit von Wochen gewesen, so dass schließlich nur gegen Naturalien gearbeitet wurde, an eine Sack Erbsen erinnere ich mich noch.

Nur die Ankerwickelei (Reparatur der Elektromotoren) war eine unangefochtene Domäne des väterlichen Betriebes. Doch weil die großen Motoren der Bauern und Müller nicht sehr oft - oder nicht so oft - repariert werden mussten, war bei und das Geld eigentlich immer knapp, das Konto bei der Sparkasse überzogen, Gläubiger nicht mehr willig und die Schuldner hartnäckig. Rechnungen blieben in der Regel lange unbeglichen; da erinnere ich mich an ein Geschehen, das fast ein echtes Unglück war: Ich sollte noch am Sonnabend das Geld von einem säumigen Zahler holen, bekam es auch und verlor - wie es geschehen, weiß ich heute noch nicht - einen 20-Markschein. Das war schlimm; der Monteur wartete schon auf seinen Wochenlohn, der Lehrling wollte sein Lehrlingsgeld und die Mutter brauchte dringend das Wirtschaftsgeld, das sowieso nur dazu reichte, den billigsten Reis (voller Mäusedreck, die billigsten Haferflocken (voller Spelze) zu kaufen. Gewiss hielten wir Hühner, hatten den Garten an der Friedländer-Chaussee, aber wir waren immer 7 oder gar 8 Menschen, die satt werden sollten (ich war eigentlich immer nicht recht satt), anscheinend vom Aussehen doch etwas unterernährt, so dass ich von der Schule aus, als Quintaner; während der Sommerferien auf dem Stadtgut in Gellendin sein durfte. Früh morgens wanderte ich dorthin und nach dem Abendbrot wider nach Hause. Es war eine schöne Zeit, alles Interessierte mich, und als ich eines Morgens die Kühe im feuchten Klee stehen sah, wusste ich wie gefährlich das für die Herde war und lief, so schnell ich konnte, dies zu melden, und war stolz als daraufhin schon aufgedunsene Tiere noch gerettet werden konnten. Gern saß ich bei einem alten Landarbeiter, der ein ebenfalls altes Pferd beaufsichtigte, das den Göpel in Bewegung hielt.

In den Ferien durften wir auch oft bei Onkel Ewald, dem Fleischermeister in der Burgstraße sein, Ruth als Kindermädchen und ich als "freier Mitarbeiter" im Stall, wo das Pferd stand, in der Werkstatt beim Wurstmachen und beim Einkauf des Schlachtviehs, das mit dem Pferdewagen oft von weither herangeschafft wurde. Dass er mich auch zum Schlachthaus mitnahm, war vielleicht nicht richtig; in Erinnerung ist mir allerdings, wie Männer böse wurden, als ein Kollege das Tier nicht schmerzlos betäuben und schlachten konnte. Sie warfen ihn buchstäblich beiseite. Diese Ferienerlebnisse: in Gelleindin, wo ich bemühte Plattdeutsch zu lernen, beim Onkel, der mir auch mal das Pferd anvertraute, wenn der Wagen in der Remise an der Peene abgestellt worden war; wobei ich einmal fast zu Schaden gekommen wäre, als das Pferd im Trab auch durch die enge niedrige Haustür zum Stall strebte und ich noch drauf saß, aber auch das Zeichnen, für das man mir Anerkennung zollte und nicht zuletzt die Pfadfinderei halfen mir die Schule ertragen, die ich lange als Quälerei empfand.

Die Umschulung hatte nicht geklappt, das Schulsystem in Schlesien und Pommern war nicht einheitlich. Während in Anklam schon die lateinische Schrift in der Schule eingeführt war, war es in Breslau noch die deutsche gewesen. So begann nach kurzer Schulzeit in der Stadtschule am Steintor meine Gymnasialzeit mit einer schweren Hypothek für den Lateinunterricht, dem ja am Humanistischen Gymnasium besondere Beachtung geschenkt wurde. Weil ich nun einerseits zu schüchtern, andrerseits auch zu stolz war, dies einzugestehen, kam ich Latein auf keinen grünen Zweig, was schließlich dazu führte, dass man mich in der U3 sitzen bleiben ließ. Zeitlich war das zwar kein Verlust, weil ich schon nach 3 Grundschuljahren aufs Gymnasium gekommen war, aber es war doch schlimm, weil dadurch u.a. auch die Schulgeldermäßigung gefährdet war. Auch kränkte und schockierte mich in Anklam die pädagogische Methode, mit der die Lehrer nicht nur in der Stadtschule, sondern auch auf dem Gymnasium zur Durchsetzung ihrer Autorität es mit dem "aliquid cum baculo" hielten, was ich von Breslau her nicht kannte. Noch unser Griechischlehrer glaubte dem antiken Leitwort folgen zu müssen: ,;O me dareis anthropos ou paideuetai", er gebrauchte fleißig ein Stöckchen, mit dem er auf die offene Hand schlug, wenn jemand störte oder vorsagte, und wehe, wenn jemand die Hand zurückzog, dann schlug er windmühlenartig auf den "Feigling", so nannte er der Übeltäter, ein, so dass seine Manschetten oft in den Klassenraum flogen. Übrigens hat er sich für die Stadtgeschichte verdient gemacht und Wesentliches zur Geschichte der Klöster (Stolpe und Augustinerkloster) veröffentlicht. Als ich meine Examenspredigt in der Marienkirche hielt, saß er unter der Kanzel.

Was mir die Schule erträglich machte, war das Zeichnen, das mir auch Lob und Anerkennung brachte, jedenfalls bis dahin, als ein neuer Zeichenlehrer kam, der mir kein "gut" mehr gab. So aber fing es an, von den Breslauer Studien habe ich schon erzählt. Es war wohl schon in der Sexta, als ich andern gleich - oder besser - etwas auf die große Wandtafel zeichnete.

Es war natürlich ein Pferd, das meine Klassengenossen bestaunten und mich hinderten, es schnell vor dem Eintreten des Lehrers abzuwischen. Der staunte auch und nach und nach musste die ganze Lehrerschaft, wohl auch die ganze Schule dies "Kunstwerk" betrachten. Nun kurzum ich glänzte als Zeichentalent, bis, ja es war wohl schon U II der neue Zeichenlehrer mir nur eine "Drei" gab, woraufhin ich es wagte ihn zu fragen: Warum? Darauf sagte er - in der Absicht mich zu blamieren: Gehen Sie in die Aula! Setzen sie zwei Stühle so aufeinander, wie man es macht beim Reinigen des Raumes. Stapelstühle waren noch nicht üblich. Wenn Sie es fertig bekommen, diese Stühle exakt abzuzeichnen, dann bekommen Sie sogar eine "Eins"! Ja, ich bekam sie und dazu seine Freundschaft und Förderung.

Ich durfte einen Kunstgewerbekursus am Abend besuchen und einen Lehrgang im Porträtzeichnen bei ihm absolvieren. Und ich bekam bald von ihm die Erlaubnis, den Zeichenunterricht am Sonnabend zu schwänzen: Sie zeichnen ja auch sonst und im Unterricht tun Sie es für die andern. Um mein Glück voll und ganz zu machen: Auch der Musiklehrer verzichtete am Sonnabend auf meine "Mitarbeit", weil ich in seinen Augen ein "Brummer" war. Ich hatte nun reichlich Zeit, mich auf die Wochenendunternehmung der, Deutschen Freischar (Pfadfinder) vorzubereiten. Nach und nach waren die Älteren zur Uni abgewandert, und ich zum Führer der Anklamer "Jomswikinger" avanciert, wie wir uns nannten. Die Gruppe der Jugendbewegung am Gymnasium war ein Zweites, was mir die Schule erträglich machte.

Jugend in Anklam II - Pfadfinder

Die "bündische Jugend" in Anklam, was war das? Die Älteren hatten wohl noch eine Wandervogelgruppe am Gymnasium gehabt, dann waren da die Corpspfadfinder gewesen (boy-scouts), dann - das galt wohl, als ich dazu kam - war es eine Gruppe der Ringpfadfinder und schließlich die Deutsche Freischar, Bund der Wandervögel und Pfadfinder. 1920 war, soweit ich es übersehe, die ganze Schule unter der Leitung von Dr. Eichhof eine Gruppe der Corps-Pfadfinder; es gab aber auch noch Angehörige der Wandervogel. Beide Gruppen standen lange in Konkurrenz zu einander, zumal die der Corpspfadfinder stark zusammengeschmolzen waren. Nach mancherlei Bemühungen kam es zeitweise zu einer lockeren Zusammenarbeit.

Als ich 1922 dazu kam, nannte sich die Gruppe der ehemaligen Wandervögel B. D. R. Siedlung Anklam. Es waren also Ringpfadfinder, die mich "keilten" Das heißt eines, Tages fragte einer der Söhne des Rektor Bollnow, ob ich am Nachmittag nicht mitkommen wollte, wenn sie nach Menzlin durch die Wiesen gingen. Es machte mir Spaß und ich ging wohl regelmäßig mit, wenn die Gruppe auf Fahrt ging, d.h. nach Relzow oder zum Hohen Stein oder zur "Grünen Wiese oder nach Johannishof u.a. Natürlich ging es nach Norden zu immer durch die Wiesen, was erlebnisreich in vieler Hinsicht war. Da waren die Gräben, die zu überwinden waren, da waren Torflöcher, da gab es nasse Füße und auch mancherlei zu entdecken.

Eines Tages musste ich die Wölflingsprüfung ablegen und bekam feierlich das Wölflingszeichen verliehen. Vielleicht ist es nicht uninteressant, was man in der Prüfung erbringen musste. Zuerst natürlich hatte man sich die Grundsätze des Pfadfindertums zu Eigen zu machen, die im Heftchen von Fritz Krüger wie folgt niedergeschrieben wurden:

  • Pfadfindertum ist uns tatfreudiger Wille zum Helfen und ernstes Streben, stets hilfsbereit zu sein, ohne Furcht vor Strafe, ohne Hoffnung auf Lohn.
  • Pfadfindertum ist uns Ringen nach Wahrhaftigkeit, Wissen und Können, Kampf gegen Falschheit und entnervenden Genuss.
  • Pfadfindertum ist uns Ringen nach einem gestählten Leib, in Schönheit, Kraft und Gesundheit und einem festen Willen, der diesen Leib beherrscht.
  • Pfadfindertum ist uns Gehorsam dem erwählten Führer, treue Liebe dem Freund und Achtung fremder Meinung.
  • Pfadfindertum ist unsere allumfassende Liebe, Liebe zu Volk und Land, Bekenntnis zum Deutschtum.

Sie fing an mit der Sage von Wieland, die ich erzählen musste, dann sollten Otto (Schalke) und ich Karten lesen und mehrere Fragen beantworten. [Und die Morsezeichen winken kam jetzt). Nun sollten wir springen, weit 1 1/2 Körperlänge und 1/2. hoch Körperlänge. (aus dem Stand).

Die Pfadfindergruppe war weitgehend ein "Nebenschule" Sie vermittelte uns Vieles, was das Gymnasium uns nicht oder nur unvollkommen gab auf den Fahrten am Wochenende: Pflanzen und Tiere beobachten und kennen lernen, den Himmel betrachten, Sternbilder bestimmen, nach der Karte zu wandern. Auf "Stadtfahrten" wurde uns die Geschichte der Stadt nahe gebracht, auch erwarben wir Grundkenntnisse der Baustilkunde an den damals noch reichlich vorhandenen Giebelhäusern, von der Gotik bis zur Gegenwart.

Unsre Überschüssigen Kräfte setzten wir nicht nur bei allerlei Spielen, Reiterkämpfen, Prellen, Stein (Große Brocken) zuwerfen u. a. ein, sondern auch, wenn es galt für alte Leute Brennholz und anderes Heizmaterial im Handwagen herbeizuschaffen. Man wagte sich auch an die Aufführung von Hebbels Nibelungen. In der Aula des Gymnasiums erntete es viel Applaus. In der Weihnachtszeit wurde in den Heimen gesungen, und im Krankenhaus so auch am Heiligen Abend und am Weihnachtstag in der Nikolaikirche. Selbstverständlich Weihnachtslieder, auch bei unseren Heimabenden. Die Älteren lernten und übten Verbände anlegen und Künstliche Beatmung.

Für mich persönlich wichtig war es, dass ich in Hermann Bollnow (Prof. f. Geschichte) einen älteren Freund, einen Mentor hatte, zu dem ich, mit allen Fragen kommen konnte, die junge Menschen umtreiben. Dabei wurde mir nun auch die Diziplin, der er sich verschrieben hatte, die Geschichte vertraut und wichtig. So hatte ich auch Freude am Geschichtsunterricht von Dr. Bruinier, leider konnte er sich wenig Respekt verschaffen, so dass sein Vortrag oft im Toben der Klasse unterging.

Interesse an der Vorgeschichte wurde in der Gruppe geweckt, auch bei den Wölflingen, nachdem Bruder Helmut die "Wikingerfibel" in Menzlin gefunden hatte, die in der Fachwelt Aufsehen erregte: zwischen Slawischer Keramik eine Wikingerfibel!

Studium

Das Zeichnen weiterhin meine Freude war, sei auch erwähnt, besonders Porträts entstanden laufend. Dann nahte das Abi. Was sollte, was wollte ich werden?

Ingenieur wie der Vater? Dafür brachten wir beide, Helmut und ich, wohl Voraussetzungen mit, aber das Schicksal unseres Vaters schreckte uns ab. Bei seinen großen Kenntnissen und Fähigkeiten als Ingenieur hatte er sich, durch die allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse gezwungen, als selbständiger Handwerksmeister durchschlagen müssen. Also nur das nicht, die Verhältnisse sahen nicht rosiger aus. Zeichenlehrer-Kunststudium, dazu riet der Zeichenlehrer, aber auch hier: Nein. Zeichnen macht ja Spaß, ist keine Arbeit und die Aussichten? Und das Studium, wovon sollte es bezahlt werden? Geschichte und Kunstgeschichte? : Gern, aber auch hier, woher die Mittel zum Studium? Und da war dann noch Theologie. Pastoren wurden gesucht, für ein kleines Stipendium wollte der Superintendent Jungmichel sorgen. Aber da waren nun nach dem guten Konfirmandenunterricht trotzdem noch allerlei Glaubensfragen offen geblieben. Kannst du trotzdem, so fragte ich mich. Aber ja, sagte ich mir, gerade deshalb sollst du Theologie studieren, hier geht es ja doch um die wichtigsten Dinge und Grundlagen für ein Leben. So entschied ich mich zu diesem Studium auf "Wagnis". Realisierbar erschien es auch, wenn ich mich für ein Studium nur in Greifswald und als Fahrstudent entschied. So ließ ich mich zum Sommersemester 1930 in Greifswald immatrikulieren und wurde Mitglied der Hochschulgilde St. Georg, der schon Freunde aus der "Freischar" angehörten. Wichtig war mir da das Zusammensein mit Menschen verschiedenen Glaubens, verschiedener Fakultäten, aber alle einig im Suchen nach neuen Lebensformen, nach neuen, Zielen im Geiste der Jugendbewegung.

Äußerlich lebten wir in den bündischen Formen, d.h. in Kleidung (kurze Hose, Hemd), im Verhalten zu Alkohol und Tabak und zum andern Geschlecht. Wandern, Singen, Austausch unserer Fachprobleme. In Teeabenden diskutierten wir oft mit Gästen bis in den Morgen hinein, der uns meist zu schön zum Schlafen war. Nach einem Bad in Wiek war dann noch diese oder jene Vorlesung dran, die ich unbedingt hören musste, weil ich ja die Fleißprüfung am Semesterende ablegen musste, um Gebührenerlass oder Freitisch zu bekommen.

Wenn keine Seminare waren, fuhr ich in der Regel nach Hause, um einige Privatstunden zu geben (für die Monatskarte der Bahn und etwas Taschengeld).

In den Semesterferien war ich zu Hause, arbeitete wohl auch mal als Hilfsmonteur beim Vater, kümmerte mich um die Freischargruppe, der ich Paddelboote baute, war Kindergottesdiensthelfer und machte auch einmal eine Radtour mit einem jungen Ingenieur (Giertz aus Pelsin) durch Mecklenburg, die Lüneburger-Heide, Schleswigholstein. 1931/32 organisierte die Gilde einen freiwilligen Arbeitsdienst in Klein Zastrow, wo wir mit arbeitslosen Jugendlichen aus dem Ruhrgebiet Äcker drainierten, ehe das Gut an Siedler vergeben wurde. Ich ließ mir damals nicht träumen, dass ich dort zwei Jahrzehnte später treue Gemeinde in SED-Zeiten haben würde.

Die Theologische Fakultät hatte damals namhafte Lehrer. Besonders angetan war ich von Joachim Jeremias NT, der mich einmal zum Mittagessen einlud und sich wunderte, dass ich als halber Schlesier das Gericht, das er bestellt hatte, nicht kannte. Es hatte den Namen "Schlesisches Himmelreich" und bestand - soweit ich mich zu erinnern glaube - aus Mehlklössen mit Pflaumen und Kassler. AT hörte ich bei Baumgärtel, bei dem ich eine Fleißprüfung an seinem Krankenbett machte. Er hatte sich beim Absteigen vom Fahrrad verletzt. Als Kirchengeschichtler verehrt wurde Wolfgang Beyer, der als Sanitätssoldat gefallen ist. Bei Rudolf Hermann hört ich Dogmatik, der mir ein Semester Studium in Königsberg ermöglichte. Das Studium dort ist mir in mehrfacher Hinsicht in sehr lebendiger Erinnerung. Im Nacht-D-Zug nach Königsberg stellte ich beim Blick ins Nebenabteil fest, wie man auch im Zug schlafen kann. Die Beine hoch in die Ecke gestellt schliefen da drei Japaner.

Dann die Fahrt durch den Korridor (eine für die Zugverbindung zwischen Pommern und Ostpreußen genehmigte Verbindung) Die Fenster mussten geschlossen bleiben, polnische Polizei patrouillierte im Gang. Und dann schließlich um 6 Uhr früh die Ankunft in Königsberg. Wohin so früh, die Anschrift vom Lutherheim und Iwandt hatte ich wohl, aber wohin? Es war kalt, ich übernächtigt, aber draußen, auf dem fast leeren Bahnhofsplatz, begegnete ich noch größerer "Not". Da standen blasse frierende Kinder und sprachen mich an: Herrche, gäbse mir a Pfannich! Und dann nach vielem Hin- und Herlaufen das Zimmer in der Richardstraße, eigentlich nur eine Abstellkammer mit einem Bett und einem Waschgestell, die die verbitterten abgehärmten Menschen zur Aufbesserung ihrer Arbeitslosenunterstützung vermieteten.

Meine "Wirtsleute" erhofften alles von Hitler; er und seine SA waren mir damals schon nicht geheuer. Mich stieß die gewalttätige Art ab.

Ein Stück Heimat war mir auch hier die Gilde, die im "Dohna", einem der alten Festungstürme, ihr Heim hatte. Zu den Freunden der Gilde gehörte u. a. Professor v. Arseniew, der Orthodoxe Theologe. Gern diskutierten wir mit ihm und ließen uns einführen in obstkirchliches Christentum. Wertvoll waren mir Vorlesungen und Seminare bei Schniewind und Uckeley. Um etwas von Problemen der Wirtschaft kennen zu lernen, belegte ich eine Vorlesung in dieser Disziplin. Zu den Aktivitäten der Gilde gehörte unter anderem die freiwillige geheime Ausbildung bei der Reichswehr, weil man fürchtete, dass Polen in einer Nacht- und Nebelaktion das Abstimmungsergebnis in Masuren, das haushoch für Deutschland ausgefallen war, korrigieren möchte.

Weihnachten verlebte ich auf einem Gut südlich von Königsberg (Perkuiken) wo die junge Pächterfamilie sich erboten hatte, einen Studenten, der der Kosten wegen nicht nach Hause fahren konnte, gastlich aufzunehmen. Es waren schöne Tage bei von der Ropps, die sich gerade über die Geburt ihres ersten Kindes freuten (eine Zeichnung von dem Kind habe ich noch). Hier hatte ich auch das seltene Glück, Elchen in freier Wildbahn zu begegnen: "In dem Wäldchen gibt es welche, aber sie werden kaum Glück haben!" Aber als ich nur wenige Schritte auf einem schmalen Weg vorsichtig hinein gegangen war da stand ein Riesentier vor mir, das sich langsam in den Wald zurückzog und seine Kühe mitnahm, die ich jetzt erst bemerkte.

Da sie nicht wie Rehe etwa flüchteten, konnte ich mich in vorsichtigem Nachfolgen noch eine Weile an ihnen freuen. Dass ich Königsberg an den Wochenenden bis in die letzten Winkel erkundete und dabei lieb gewann, sei erwähnt. Zwölf Jahre später wurde ich im großen Gefangenentrupp durch die Trümmer der einst so schönen Stadt zum Ponarter-Bahnhof getrieben, zur Registrierung, wie man uns sagte. Wir hatten ja erst nach der Kapitulation die Waffen niedergelegt. Das dauerte dann für mich drei Jahre.

Zurück nach Greifwald: Die letzten Semester, die letzten. Seminare und 1933 der Schock, dass man die Verbindungen - ohne sie zu fragen - in die SA überführte und damit auflöste. Zum 1. Examen 1934 hatte ich mich frühzeitig gemeldet, eine Studienverlängerung konnte ich mir nicht leisten. Die schriftlichen Arbeiten hatte ich fertig (Predigt, Katechese, wiss. Arbeit), da wurde ich krank, Nervenzusammenbruch nannte man es. Ich konnte nicht schlafen, Essen war eine Pflichtübung, was ich las, konnte ich nicht behalten. Mit andern Worten, eine Vorbereitung auf die mündliche Prüfung war nicht mehr möglich. Absagen aber wollte ich nicht und führ nach Stettin, das Ergebnis, Dogmatik bei Köpp, nicht bestanden, aber in Ethik (ja verwandte Disziplin) eine "1". Die kirchlichen Oberen hatten Verständnis für meine Lage. Es war einfach zuviel gewesen, was ich mir zugemutet hatte, Studium von Anklam aus, nur ein Semester hatte ich im Studienhaus wohnen können, in Anklam Privatunterricht, Aktivitäten mit der Pfadfindergruppe, denen ich Paddelboote gebaut hatte. Man nahm mich als Vikar an (bei Sup. Jungmichel) und schickte mich als Prädikant nach Leopoldshagen, wo ich mich erholen sollte. Allerdings jeden Sonntag musste eine neue Predigt sein!

Zwischen Studium und Kriegsbeginn

Meine erste Pfarre. Wie das anfing, das sehe ich noch sehr deutlich bildhaft vor mir. Ein strahlender Sommertag. Sup. Jungmichel hatte mich mit einem Mietsauto nach Leopoldshagen gebracht, das sich so verspätet hatte, dass er mir nur kurz sagen konnte, bei wem ich mich melden sollte, um dann so schnell wie möglich zurückzufahren, um einen Termin nicht zu versäumen. Aber da stand ich nun auf der breiten Dorfstraße, mutterseelenallein und niemand zu sehen, den ich nach dem Weg zum Kantor Krüger fragen könnte. Aber da im Schatten standen ein paar Kinder, frag die, sagte ich mir.

Und ich fragte sie: Sagt mal, wo wohnt Lehrer Krüger? Keine Antwort! Was ist mit den Kindern? So dumm sehen sie doch nicht aus? Da kam mir der Gedanke, versuch es mit Platt! "Kinnings, secht mie eis wo wohnt euer Köster? Da kam Leben in die Kinder und es sprudelte aus ihnen heraus: " Kam se ma fixing, wie willn se dat wiesen." So war das also noch 1934 in Leopoldshagen: Die Muttersprache war Platt, und Hochdeutsch die erste Fremdsprache Bei Küster Krüger erfuhr ich dann alles, was ich wissen musste, auch dass ich bei Frau Liermann wohnen könnte, das Pfarrhaus war ja abgebrannt. Im Laufe des Gesprächs, das ich dann mit ihr hatte, sagte sie mir: Herr Vikar, die Leute sagen: "De nie paster reädt platt." Nanu dachte ich, das Dorf schien leer, alle Leute im Heu und dennoch so schnell funktionierte die Weitergabe von Neuigkeiten - und das ohne Telefon! Und dann begann eine schöne Zeit. Das Platt, das ich in Gellendin gelernt hatte, hatte mir die Tür zu den sonst so verschlossenen Leopoldhagenern geöffnet. Weil ich aus Anklam war und ihr Platt sprach, war ich einer von ihnen und wenn dann von mir die Rede war, dann hieß es: Uns lütt paster. Nun, ich freute mich natürlich darüber, denn der Mensch hat es gern, wenn man ihm mit Zuneigung begegnet. Ich erholte mich auch nach und nach. wenn mir auch hin und wieder einmal schwarz vor den Augen wurde und ich mich einmal -sehr unliturgisch - bei der Liturgie an den Altar lehnen musste.

Ob aus Neugier - die Gottesdienste waren erstaunlich gut besucht. Mit den Honoratioren des Dorfes kam ich gut aus, das waren neben den Ältesten die drei Lehrer und der Förster. Meine 14 Konfirmanden waren so brav, wie eigentlich kaum zu übertreffen, was mir allerdings am Tage der Konfirmation fast schlecht bekommen wäre. Ich hatte leichtsinnigerweise versprochen, sie alle an diesem Tage noch zu besuchen, weil mich alle eingeladen hatten. Wie schwer das bestehen war, kann man sich denken. Um Mitternacht war ich fertig! Meine Gesundheit hatte sich so gefestigt, dass ich auch den 1. Mai gut überstand, an dem ich doch mich sehen lassen möchte bei der Nachfeier im Saal. Vom Tisch der Ältesten und Bauern, musste ich noch am Tisch einiger Büdner mich niederlassen. "Oder sind wir Ihnen nicht gut genug?"

Weil man da natürlich nicht Limonade oder Cola, die es noch nicht gab, trank, war das nun eine wirkliche Gefahr für mich. Würde ich noch aufrecht nach Hause gehen können. Ich hatte mich aber schon erstaunlich gut erholt und schaffte es, worüber sich einige nicht schlecht wunderten. Meine Leopoldshagener hatten allerdings unwissend noch eine weitere Gefahr für mich bereitgehabt. Wie ich schon erwähnte, waren alle Verbindungen an der Uni in die SA überführt worden, so war ich auch nach L. gemeldet worden. Vom meist sonntäglichen Dienst konnte ich mich freimachen unter Berufung auf meinen Pfarrdienst. Aber so sagten die jungen Leute des Dorfes, mit denen ich ein Vertrauensverhältnis behalten wollte: Dann könnten Sie doch in der Woche an einem Abend mit uns Sport treiben. Sport, das hieß damals aber Wehrsport. Das gefiel den jungen Leuten so gut, dass sie mich ohne zu fragen, sie wollten mir ja was Gutes tun, über den Scharführer in Bugewitz zum "Parteianwärter" vorschlugen. Das war nun eine dumme Geschichte! Aber wie Opa Berker wollte ich nicht PG werden, obwohl einige meiner Freunde meinten, sie könnten als PG, vertrauend auf entsprechende Äußerungen, Gutes stärken oder bewirken. Das ich nie PG werden würde, war mir auch klar, denn schon in L. hatte der Landjäger den Auftrag auf mich "Aufzupassen" wie er mir vertraulich mitteilte. Trotz allem, ich wäre gern in L. geblieben, wo man mir in so großem Maße Vertrauen entgegen brachte, wie es ich in einem Fall, den ich noch erzählen möchte (ich habe es auch aus einem andern Grund oft getan) erlebt hatte.

Wer Leopoldshagen kennt, weiß, dass es ein sehr langes Dorf ist mit breiter Dorfstraße, auf der einen Seite mehr als 30 Bauern, auf der andern Seite Büdner. So blieben Zwistigkeiten nicht aus, zwischen Bauern und Handwerkern, zwischen einem Dorfende und dem andern usw.

In einem solchem Streitfall erzählt mir nun der eine dies, der andre zog mich auch ins Vertrauen und ich hörte es anders. Wie sollte ich reagieren, immer nur "Ja, Ja" sagen ging doch auch nicht. So fragte ich die andere geistliche Autorität des Dorfes, den Hauptlehrer und Küster Krüger um Rat, der mir jedoch nur sagen konnte: Ich weiß davon gar nichts. Was nun? Da fragte ich den Ältesten Hagemeister und saqte: "Hagemeister, wo is dat, de einen sengn so, de ander secht so, Köster Kröger hew ich all fragt, man he seh: ich weiß nichts davon." Da lachte er und sagte: "Je, den vertelln wie dat nich, de is ja n utländer". Ausländer, aber wieso denn, er stammte aus dem Pyritzer Kreis und war schon 20 Jahre Hauptlehrer und Küster im Dorf.

Ich wäre gern in L. geblieben, doch abgesehen davon, dass L. nicht wieder besetzt werden sollte, ich musste zum Predigerseminar.

Die Kirchenpolitische Situation, wie sah sie aus, wie erlebte ich sie? Nach so langer Zeit darüber noch etwas sagen, kann leicht wie eine Rechtfertigung aussehen. Aber es ist wohl so: Unsre, der Kandidaten, Stellungnahme Für oder Wider, Bk oder DC hing sicher in vielen Fällen auch davon ab, welche Pastoren (Vikarsväter) uns zusagten. Mein Vikarsvater war Superintendent Jungmichel, er war mir das Vorbild eines guten Pastors, er war mir väterlich zugetan.

Im unerquicklichen Streit der Parteien, der bis in die Gemeinden hinein zu Spaltungen führte, hatten er, Sup v. Scheen und Andere zu brüderlicher Zusammenarbeit auf dem Boden des Lutherischen Bekenntnisses aufgerufen. Das entsprechende Papier hatte auch ich unterschrieben, so kam als Predigerseminar nur das des Konsistoriums in Kückenmühl-Stettin in Frage, das Lic. Nordmann leitete. Weil wir alle schon als Prädikanten gewirkt hatten, konnte in einem halben Jahr darauf aufbauend gearbeitet und ergänzt werden, was uns an Kenntnissen noch fehlte (Verwaltung, Kirchenrecht, Posaunenarbeit) Es wurde wissenschaftlich gearbeitet, Kindergottesdienst, Konfirmandenunterricht erteilt und in der Woche in der Nordkapelle der Jakobi-Kirche Gottesdienst gehalten (natürlich jeweils danach im Seminar kritisch beurteilt). Brüderhaus und Anstalt Kückenmühl. Am Sonntag gingen wir meist geschlossen zu Brendtorf (BK) in den Gottesdienst.

Jedenfalls wir Drei: Edgar Wolter, Walter Rellerhof und ich, die wir gute Freunde geworden waren. Am Gottesdienst bei Rendtorf nahm auch oft der greise Feldmarschall v. Mackemsen mit seiner Verwandten teil, der nördlich von Stettin wohnte. Er erschien in voller Uniform, um zu zeigen, dass ein "guter Deutscher" auch ein guter Christ sein kann. Es war zu dieser Zeit schon offenkundig, dass die Partei nicht dieser oder jener Kirche Kampf angesagt hatte, sondern ganz klar dem christlichen Glauben. Meine Wissenschaftliche Arbeit und meine Predigt in der Epiphaniaszeit haben die Plünderung meiner Wohnung in Usedom überstanden.

Als wir dann nach Beendigung der Seminarzeit auf Pfarrstellen verteilt wurden, wurde ich auf meinen Wunsch hin nach Jakobshagen als Prädikant geschickt, d. h. nach Hinterpommern, dessen Kirchlichkeit gerühmt wurde, und das ich auch kennen lernen wollte. Aber seltsam, man traute mir mehr zu als ich selbst. Ich sollte also zu Sup. Russe, dem nach kurzer Zeit jeweils die Vikare weggelaufen waren. Man sagte mir das auch im Konsistorium und fügte hinzu: "Sagen sie gegebenenfalls Herrn Sup. Russe, sie wären nicht sein Vikar, sondern als Prädikant zur Versorgung der 2. Pfarrstelle nach Jakobshagen beordert worden." Sup. Russe war PG, predigte aber soweit ich es feststellen konnte gut und keineswegs nach schlechter DC-Theologie. Der Statur nach Napoleon ähnlich regierte er auch dem Imperator gleich den Kirchenkreis. So kam es denn auch mit mir zu einer Auseinandersetzung. Er verbot mir, Besuche im Bezirk der 2. Pfarrstelle zu machen. Da nahm ich alle Kraft zusammen, bemühte mich ruhig zu bleiben und sagte ihm: "Dies Verbot nähme ich nicht hin, mir wäre vom Konsistorium die seelsorgerliche Betreuung der 2. Pfarrstelle übertragen." Was ich noch hinzugefügt habe weiß ich nun nicht mehr.

Von da an ging es gut. Und wenn einmal nicht alles so lief, sagte ich mir: Du brauchst ja nur ein halbes Jahr hier bleiben, ohne Sup. Russe wäre ich auch gern länger geblieben.

Wenn ich an Jakobshagen, Saatzig, Tornow und Kempendorf zurückdenke - das waren die Kirchen des Kirchspiels in denen am Sonntag von uns beiden gepredigt wurde (jeder in zwei Kirchen) - dann sehe ich nur Tage voller Sonne. Unterricht und Gottesdienste waren eine Freude. bei den Besuchen erlebte ich viel Entgegenkommen, weil der Sup. bei Vielen nicht beliebt war. Mir gegenüber wohnte der junge, auch noch unverheiratete Tierarzt, wir freundeten uns an und wenn ich Zeit hatte, in den Sommerferien ergab sich das oft, fuhr ich mit ihm zu einem Kalb, das nicht ohne ärztliche Hilfe kommen wollte oder einem kranken Pferd.

Und einmal, an meinem Geburtstag mussten wir die Kaffeetafel bei ihm stehen lassen, um zu einer Kranken Kuh zu fahren, deren Zustand so bedenklich war, dass wir einige Stunden bei ihr bleiben mussten. Jakobshagen war kirchlich Hinterpommern wie es im Buch steht oder stand: Jeden Sonntag volle Kirchen, in den Dörfern mindestens eine Person aus jedem Haus. Und das Schönste, die Menschen hatten Vertrauen zu mir. So geschah es denn auch einmal, es war schon später Abend, da kam die erwachsene Tochter der einen jüdischen Familie - es gab 2 jüdische Familien, die schon seit Generationen in der Stadt wohnten - zu mir und fragte im Namen ihrer Familien, was sie denn nun tun sollten, denn die Nachricht von Diskriminierungen und Verfolgungen an anderen Orten war auch im stillen Jakobshagen bekannt geworden. "in Jakobshagen hier würde ihnen doch niemand etwas tun?" "Ja" sagte ich, "aber es kommen andre!" Und ich riet dringend, wenn sie die Möglichkeit hätten, das Land zu verlassen, es auch zu tun. In den nächsten Tagen waren sie fort. Hoffentlich hatten sie meinen Rat befolgt. Das es sehr schlimm werden könnte, darauf hatte mich mein Freund Max Heinrich Flos aus Stettin nach dem was ihm zu Ohren gekommen war, hingewiesen. Er stand schon vor dem 2. Examen und hatte vor für eine gewisse Zeit als Pfarrer nach Brasilien zu gehen (ich wollte ihm eigentlich folgen).

Mein Ziel aber war jetzt zunächst ein Pfarramt im unkirchlichen Vorpommern. Meinem Wunsch wurde auch entsprochen, doch vorher feierte ich noch das Stadtjubiläum mit. Zum Andenken und als Dank schenkte mir der Rektor der Schule, der eine umfangreiche Festschrift hat drucken lassen ein Exemplar, weil ich eine Zeichnung der Kirche beigesteuert hatte, die sich der engen Straße wegen schlecht fotografieren ließ (jetzt ist es anders; der Kirchenälteste Lipke in Dersekow schenkte mir ein Foto, das er anlässlich einer Reise in die alte Heimat gemacht hatte - machen konnte, weil die Hauser gegenüber nicht mehr stehen).

Auf meinen Wunsch hin schickte mich also die Behörde zum 1. Oktober 36 nach Vorpommern und zwar zur seelsorgerlichen Betreuung der Pfarre Dargitz mit 8 Ortschaften mit insgesamt über 3000 Seelen (Patznik allein über 2000). Im Pfarrhaus wohnte noch der 70-jährige Emeritus mit seiner Familie, so dass mir nur ein kalter Raum zur Verfügung stand, den er sich allerdings verpflichtet hatte, in der kalten Zeit heizen zu lassen, was jedoch den Raum erst von der Mittagszeit an bewohnbar machte.

Ich machte aus der Not eine Tugend und verlegte die anstehenden Besuche im nahen Schönwalde und Sandkrug auf den Vormittag, wobei ich es so einrichtete, dass ich je nachdem welchen Weg ich nahm, einmal in Schönwalde, der Domäne gegen 10 Uhr Besuche machen konnte oder in Sandkrug, dem Büdnerdorf. Wiedereinmal überlegte ich: So oder so, dass wurde mir ganz deutlich - diesen und nicht den andern Weg musst du gehen, und erfuhr kurz darauf, dass mich jemand dringend erwartet hätte. Ich sah das nicht als einen Zufall an, sondern es war mir wichtig als ein Zeichen dafür, dass Gott mich brauchen wollte.

Es war sehr viel im Kirchspiel zu tun, viele Amtshandlungen, besonders Beerdigungen, die ich als "Casualia", als Gelegenheiten ansah, nicht um über mangelnde Beteiligung am Gottesdienst zu klagen, sondern, um den Betroffenen in ihre Situation hinein Evangelium zu verkündigen. Das hat mir die Türen zu vielen Familien geöffnet. Es war bei aller Reserve der Kirche gegenüber, besonders bei der Arbeiterschaft, doch noch kirchliche Sitte da, also musste Konfirmation noch sein, und selbstverständlich Konfirmandenunterricht. Hier aber hatte ich ganz zuerst eine harte Probe in Jatznick. zu bestehen. Der Vorgänger war mit der großen Gruppe, etwa 45 Kinder, nicht fertig geworden. So betrat ich nun auch die Küsterschule, in der ich schon im Flur begrüßt wurde von einer johlenden Konfirmandenklasse, die sich auch nach meinem Eintritt in den Klassenraum nicht beruhigte. Es wurde weiter gestritten, gelacht und bewusst meine Gegenwart ignoriert. Ich sah mir das ein Augenblick an und glaubte dann den "Häuptling" erkannt zu haben, auf den ich dann entschlossen zuging, ihn barsch fragte, wie heißt Du? Wenn du nicht sofort aufhörst, bekommst du ein paar ... " Das war bestimmt pädagogisch anfechtbar. Aber egal, auf einen körperlichen Kampf mit mir wollte er es doch nicht ankommen lassen, obwohl er ein kräftiger Kerl war.

Dieser Einstieg in Jatznick führte dann zu einer so schönen Zusammenarbeit mit der Gruppe, dass ich noch gern daran zurückdenke. Ich hatte so viel zu tun, war in so viele Häuser gekommen, dass mir "besondere Erlebnisse" nicht mehr gegenwärtig sind. Nur an sehr feine Zusammenarbeit mit dem Hauptlehrer und dem kriegsverletzten Gemeindesekretär erinnere ich mich. Letzterer war mit der Bitte an mich herangetreten für die gemeindeeigene Leichenhalle einen Altartisch zu entwerfen. In den andern Dörfern ist mir die freundliche, ja herzliche Art, mit der die Pächterfamlie in Schönwalde mir gewogen war, in guter Erinnerung. Auch die Gespräche, auf der Windmühle auf halben Weg nach Stolzenburg mit dem intelligenten und kritischen Meister. Die Pfarre Dargitz war ganz und gar keine normale Landpfarre. Bauerndörfer waren lediglich Stolzenburf und Dargitz. Sandförde und Sandkrug waren Büdnerdörfer; Schönwalde Domäne und das große Straßendorf Jatznick bewohnten sowohl Bauern, als auch Büdner und Arbeiter der Fabriken, beim Bahnhof Jatznick auch Forstleute und Eisenbahner. Mit all diesen Gruppen bekam ich Kontakt und musste mich der Herausforderung stellen, diese so verschiedenen Menschen in ihrer Herkunft und ihrer Situation zu verstehen. Abgesehen von den ersten Besuchen in allen Häusern zu Beginn meiner Tätigkeit, die ja nur kurz sein konnte, hatte ich durch die Amtshandlungen (Beerdigungen, Haustaufen, Krankenabendmahl) laut Amtskalender 35 Familien in diesem Halbjahr besucht. Nach Weihnachten zwang mich eine Angina zu einer Pause, die ich in Anklam auskurierte, denn in Dargitz war das nicht möglich (siehe Wohnverhältnisse). Auch in Dargitz wäre ich gern geblieben zumal große Teile der Gemeinde es wünschte, aber es war klar: Vorbereitung zum 2. Examen war dort nicht möglich. So bat ich, mich für diese Zeit auf eine kleine Gemeinde zu setzen.

Das war Plönzig, Kreis Pyritz. Hier waren nur drei Dörfer zu versorgen und in zwei Kirchen zu predigen. Wohnung im Pfarrhaus war schlecht möglich, weil der Emeritus schon ausgezogen war. Die Gemeinde mietete mir ein Zimmer beim Briefträger, es lag im Obergeschoss des kleinen Häuschens, nebenan wohnte der Junglehrer, mit dem ich mich gut verstand. Auch die Wirtsleute waren freundliche Leute. Beide sehr ordentlich, hatten sie als sparsame Leute auch eine kleine Viehwirtschaft, wie üblich hielten sie auch zwei Schweine, an denen er mir nun zeigte, wie intelligente Tiere es wären. So warteten sie auf ihrer sauberen Pritsche, während er das Futter in den Trog tat, bis er sie rief, das war mir damals sehr eindrucksvoll, später erfuhr ich, dass es ja auch Zirkusnummern mit Schweinen gibt.

Dieser ordentliche Mann gab mir eines Tages, weil ich dringend ins Nebendorf musste, mit sichtbarem Widerstreben sein Leichmotorrad, das ich ihm beinahe doch nur lädiert hätte zurückgeben können. Ich war nämlich dort im Dorf von der Kuhherde überrascht worden, die von der Weide kommend plötzlich die ganze Dorfstraße füllte. Plönzig war eine Idylle, ich hatte eine Gemeinde, die mich angenommen hatte; der Gottesdienstbesuch war gut und wenn ich Familien besuchte, hatte ich den Eindruck, dass man sich wirklich freute. Ungewollt machte ich einer jungen Bauersfrau eine Freude, als sie erfuhr, dass ich aus Vorpommern war und platt sprach.

Ich hatte mein Tun und dennoch Zeit genug für die Examensvorbereitung. Auch wenn der Patron v. Wedemeier seine Hauptwohnung nicht in P. hatte, so war er und besonders seine Tochter Marita fast regelmäßig im Gottesdienst. Am 15. September war ich dann zum Examen in Stettin, das ich mit "im Ganzen gut' bestand. Nach einer Woche Urlaub in Anklam, wurde ich dann in der Schlosskirche von Stettin ordiniert, und zwar am 28. September für den "Provinzial Verein für Innere Mission", d.h. für einen volksmissionarischen Einsatz im kommenden Winter. Jochen Fuchs und ich waren dafür als Männer der Jugendbewegung für geeignet erachtet worden. So wurden wir winterfest eingekleidet: Stiefel, Stiefelhose, regenfester Mantel und Ski-Mütze. Doch ehe der Einsatz am 13. Oktober in Stettin mit einer gründlichen Vorbereitung begann, war ich schon am 25. Sept. noch einmal nach Plönzig zurückgekehrt, habe noch an den Sonntagen in allen Kirchen gepredigt und Konfirmandenunterricht gegeben und seltsamerweise am l0. Okt. noch bei der Familie Becker in Rosenfelde ein Kind getauft.

Die kirchlichen Wochen, die wir in vakanten Pfarren in Vor- und Hinterpommern abhielten waren apologetisch ausgerichtet gegen die offen zutage tretende Propaganda der Partei. Die ersten Wochen konnten ohne Störung durchgeführt werden. Auf Rügen wurden wir gehindert und mussten den Pfarrbezirk Rappin verlassen, Die erste Woche war in Kronheide, südlich von Stettin, in der letzten Oktoberwoche (ab 25. Okt. 1937). Zum, Abschlussgottesdienst kam der Posaunenchor der Diakone und Pf. Besch der Leiter der ganzen Aktion. Für den Schriftentisch, den wir im Koffer mitführten, sorgte Dr. Rautenberg. Unsre letzte Woche war in Lühmannsdorf Kreis Greifswald und endete am 27. März. Zum 1. April 38 wurden Jochen Fuchs und ich als Hilfsprediger in die Pfarren Werder und Altenhagen Kirchenkreis Altentreptow eingewiesen.

Pfarrer und Soldat

Nach Beendigung der Hilfsdienstzeit sollten wir dann auch, wenn wir es wollten, eingeführt werden. Ich aber wollte, als sich die Bewerbung um ein Pfarrdienst in Brasilien, als für mich nicht geeignet erwiesen hatte, auf Zeit Militärpfarrer werden, hatte auch in Stettin in der Garnisonkirche schon gepredigt und die Zusage auf baldige Berufung bekommen, auf die ich im Sommer 38 wartete. Aber als ich persönlich in Berlin nachfragte, erfuhr ich, dass die Partei meine Berufung vereitelt hatte. Haben Sie etwas mit Ihrem Ortsgruppenleiter? So fragte mich Bischof Dohrmann. Und ich antwortete: Nun, wir lieben uns nicht. Ja, das ist es! Ob und wann ich mich nun um meine Einführung in Altenhagen, das mir inzwischen lieb geworden war, bemüht habe, weiß ich nicht. Kaum hatte ich meine neue Gemeinde Haus für Haus besucht, da wurde ich jäh aus der Arbeit durch eine Einberufung zum Militär herausgerissen. Der Jahrgang 1910 wurde kurzfristig ausgebildet. Das bedeutete für mich in der Zeit vom 11. Juli bis zum 14. August, eine Fahrt im Truppentransporter von Rostock nach Pillau und dann Truppenübungsplatz Stablack in Ostpreußen, diesmal nicht "hinhaltende Verteidigung", sondern "Angriff auf feste Stellung". Ein Feldgottesdienst war allerdings auch dabei.

Doch dann konnte die Pfarramtstätigkeit wieder aufgenommen werden, aber jetzt nicht nur die seelsorgerliche Seite, sondern auch allerlei Verwaltungskram: Pacht, Mieten, Etat und dazu Steuerlisten verschiedenster Art aufstellen, Grundsteuer, Einkommensteuer u.a. Angenehm war dagegen die Beschäftigung mit dem schönen Garten, wo ich ernten konnte, wo ich nicht gesät hatte. Spargel, Erdbeeren und Obst konnte ich sogar noch verkaufen, was meinem kargen Hilfspredigergehalt gut tat. Von vielen Seiten erfuhr ich Unterstützung; da war nebenan der Pfarrpächter, bei dem ich Milch und Butter kaufte, der zwar zu Dienstfahrten mit dem Kutschwagen, den ich vom Vorgänger geerbt hatte verpflichtet war, es aber auch mit seinem Auto tat (ich selber sparte erst auf einen Volkswagen); da war die Frau des Maurers, bei der ich einen Mittagstisch hatte, da war Frl. Schöttler, die mir die Wäsche besorgte; da war in Tützpatz der Lehrer Fuchs, christlicher Mann, der wirklich Religionsunterricht gab und nicht wie sein Kollege in Altenhagen, der das Organistenamt um des Geldes wegen behielt, auch Religionsunterricht erteilte, aber die Stunden benutzte um nationalsozialistische Glaubenslehre zu predigen. Es waren noch viele Andere, nur diese seien genannt. Zu vergessen sei allerdings auf keinen Fall das Ehepaar von Heyden-Linden in Tützpatz. Er war Patron der Pfarre und nahm dies Amt sehr ernst, was gerade damals sehr wichtig war. Hier wurde ich auch zu Tisch gebeten, wenn ich nach dem Gottesdienst in Tützpatz am Nachmittag noch in Pripsleben zu predigen hatte.

Selbstverständlich stellte er mir dann auch die Kutsche zur Fahrt dahin und von dort nach Hause zur Verfügung, wenn es nicht mein guter Ältester Malte. tat. Tützpatz war gewiss noch alte Zeit. Der Gutsbesitzer fühlte sich noch verantwortlich für seine Leute, er war der "gnädige Herr". Die Frau, die "gnädige Frau" kümmerte sich um das leibliche Wohl der Frauen im Dorf. Diese patriarchalischen Verhältnisse prägten das Bild des Dorfes, in dem die Tagelöhner - anders als anderswo - seit Generationen bodenständig geblieben waren, wie ich es in den Kirchenbüchern belegt fand. Persönlich anspruchslos und bescheiden unterhielten Heyden-Lindens das schöne Schloss, den nicht minder wertvollen Park, ja das ganze Dorf. Adel verpflichtet! Auf Etikette wurde geachtet und wie es zu sein pflegte - der Diener achtete am strengsten darauf. Ich muss jetzt noch schmunzeln, wenn ich daran denke, wie ich ihn ohne es zu wollen, einmal in Verlegenheit gebracht habe.

Ich hatte im Dorf Besuche gemachte und wollte dann noch eine Frau sprechen, die in der Schlossküche arbeitete und schließlich noch den Patron in einer wichtigen Sache sprechen. So hatte ich auch den Weg nun mir zurechtgelegt, ging vom Nebeneingang in die Küche im Untergeschoß und dann die Treppe hinauf in das Vestibül, wo ich hoffte, den Diener zu treffen, damit er mich anmelde. Ich traf ihn auch: "Aber Herr Pastor, Sie dürfen doch nicht den Nebeneingang benutzen!" Und noch ein Döntjes, also nichts Besonderes, aber es zeigt, wie man in diesen Kreisen noch dachte. Ich war 1940 Leutnant geworden, bald danach hatte ich Urlaub, den ich selbstverständlich in Altenhagen verbrachte, um anstehende Amtshandlungen zu vollziehen, die Nachbarn mussten ja vertreten. Da fragte mich eines Tages Frau von Heyden-Linden fast schüchtern, ob sie mich nicht jetzt "Herr Leutnant", nennen sollten. Ich hebe darauf gelacht und wohl gesagt ein Pastor wäre doch noch mehr als ein Leutnant. Wann ich zum letzten Mal Urlaub in Altenhagen machen konnte, weiß ich nicht mehr. Der Krieg endete nicht so schnell, wie wir hofften, so hatte das Konsistorium einen Diakon ins Pfarrhaus gesetzt, der nicht gut mit meiner persönlichen Habe umging. Dass sich niemand dagegen stark gemacht hatte, hat mich natürlich geärgert. Andererseits meinen Entschluss erleichtert, mich um eine Stadtpfarre zu bewerben, weil die Ärzte mir meiner erkrankten Leber wegen dringend dazu rieten. Mir wurde Usedom angeboten, wo mich nach der Probepredigt der Ältestenrat wählte.

Dass alle mir wohlgesinnten Leute mich verheiraten wollten war klar, denn nach damals noch ganz fester Über-zeugung war ein Pfarrhaus ohne Pfarrfrau unmöglich. Alle mir offerierten Kandidatinnen waren gewiss voll geeignet gute Pfarrfrauen zu werden, auch wohl treue Gefährtinnen, aber schon, dass man sie mir "aufschwatzen" wollte, gefiel mir nicht. Das war sicher dumm von mir, denn als ich dann selbst wählte, ging es nicht gut. Nach meinem Kururlaub 1943 - die Leber war immer noch krank - lernte ich im Zug Anneliese Wasow kennen, ein frisches, allerdings noch sehr junges Mädchen, die mir sofort gefiel. Sie war die Tochter eines Gutsverwalters. Gewiss kamen mir auch Bedenken: Zu jung, mitten im Krieg, du krank. Doch sagte ich mir: Der Krieg kann noch lange dauern, du bist alt genug, und wenn du nicht wieder kommst, lebt wenigstens ein Kind von dir. So heirateten wir am 6. August 44.

Weil ich in Usedom gewählt worden war, ist Anneliese dann auch bald dort ins Pfarrhaus gezogen. Nun muss kurz erklärt werden, was es mit der kranken Leber auf sich hatte. Schaden nach Alkoholmissbrauch kam ja - siehe Jugendbewegung - nicht in Frage. Der Grund war vielmehr, dass eine "Hepatitis epidemica" nicht erkannt und rechtzeitig behandelt wurde. im Sommer 1942 auf der Krimm fühlte ich mich ziemlich plötzlich schwach, auch das Koppel drückte auf der rechten Seite, Stiche nach unten ließen mich an eine Blinddarmreizung denken, was der Arzt jedoch ausschloss, aber meinte, es könnte vielleicht ein Zahn die Ursache sein, den dann jedoch der Zahnarzt im Krankenhaus in Simforopol nur mit großer Schwierigkeit entfernen konnte und schließlich als gesund erkannte. Was nun? Etwas gelb war ich allerdings, doch führte man dies auf das Atebrin zurück, was wir gegen Malaria einnahmen. Dies alles war im Juni, im August wurden wir nach Norden verlegt. Auch nach einem Urlaub im Oktober fühlte ich mich ständig matt, konnte kaum schlafen und das Essen schmeckte mir nicht, so dass eines Tages der Chef mit mir zum Divisionsarzt fuhr, der zum Glück Internist war und die richtige Diagnose stellte. So kam ich sofort am 26. Nov. ins Lazarett in Nikolskoje, wurde im Lazaretzug am 23. Dezember verladen nach Tapiau verlegt und kam von dort zur Behandlung nach Posen ins Diakonnissenkrankenhaus. Als GVH (Garnisonverwendungsfähig Heimat) wurde ich zum Ersatztruppenteil nach Guben entlassen. Dort gefiel es mir aber gar nicht, so dass ich bat, das GVH in GVF (Garnisonverwendungsfähig Feld) zu ändern, denn ich wäre ja beim Stab, einen Arzt in der Nähe und Diät wäre auch möglich. So wurde ich wieder zur Truppe entlassen, ahnte allerdings nicht, was mir nun künftig bevorstand.

Zunächst aber konnte ich auf der Fahrt dorthin, in Libau meinen Bruder Helmut für einige Stunden sprechen, der dort bei der Marine Flak war. Dies Zusammensein hat mir viel bedeutet, und ich sehe es noch immer als eine gütige Fügung an. Er fiel noch bei Triest am 2. Mai 1945.

Gott hat seine Hand über mir - Erlebnisse zum Kriegsende

Was kam auf mich zu?

Das Blatt im Kriegsgeschehen hatte sich gewendet, es ging kaum noch voraus, es galt die Front zu halten. Und das war oft bei der Zahlenmäßigen Überlegenheit des Gegners schwer. Die 28. Jägerdivision, bei der ich war, wurde oft zu Hilfe gerufen, was oft dazu führte, dass wir eingeschlossen waren, wenn bei den Nachbarn dem Feind ein Einbruch gelungen war.

So mussten wir uns u. a. am Ilmensee durch eine großes Sumpf- und Moorgebiet zurückkämpfen, dass so stark von Partisanen besetzt war, dass es diesen, als unsere Marschkolonne abriss, gelang eine Baumsperre von 100 m zu legen. Dass unter diesen Umständen für mich weder an Diät noch an eine einigermaßen geeignete, d.h. der kranken Leber entsprechende Unterkunft in den Pausen zu denken war, braucht nicht betont zu werden. Auch als wir im Mittelabschnitt bei einem solchen Einsatz eingekesselt worden waren, zwar durch den Einsatz unseres Generals der Gefangenschaft entgingen, weil er eine Panzerdivision veranlasst hatte, uns einen Korridor zu schaffen, durch den wir unter Zurücklassen aller Fahrzeuge usw. mehr als 30km ohne Pause zurückmarschieren konnten, war das für mich, zumal ich wieder Fieber hatte, eine Strapaze. Das galt natürlich für die letzten Kämpfe in Ostpreußen in besonderer Weise, wo wir ja aus einem Kessel in einen andern gerieten und hautnah den feindlichen Waffen, Panzern, Tieffliegern und Artillerie ausgesetzt waren. Was ich damals erlebt habe, wird mir immer in "guter" Erinnerung bleiben.

Zum Beispiel, wie gute Menschen mir helfen wollten, Gott aber einen besseren Plan für mich hatte. Bei Balga, in der Dunkelheit angekommen, hatte ich sofort befohlen, dass jeder Mann sich eine Schutzgrube ausheben sollte, so lang wie er, nicht breiter als 1 Meter und mindestens auch 1 Meter tief, weil ich wusste, dass wir sobald es hell werden würde, von sowjetischen Flugzeugen angegriffen werden würden. Auch für mich ließ ich ein solches ausheben. Wie richtig das war, sollte sich bald zeigen, als wir, der Hauptfeldwebel, der Schreiber und ich uns kurz hinausgewagt hatten, um Dringendes zu besprechen. Unbemerkt von uns hatte uns ein Flugzeug schon im Visier; ich sah ein Aufblitzen am Himmel, auf mein Wink hin reagierten die beiden andern um Bruchteile von Sekunden zu spät und wurden verletzt. Ein Freiwilliger, übrigens ein Russe, brachte sie in rasender Fahrt auf einem Panjewagen zum Feldlazarett in Balga, von wo sie wohl am folgenden Tag auf ein Lazarettschiff gebracht wurden. Wie ich später erfuhr, waren sie in ein Heimatlazarett gekommen und ihnen die Gefangenschaft erspart geblieben.

Doch nun zu mir. Bald nach diesem Zwischenfall kam von Loch zu Loch springend ein Melder von der Division, die im Steilufer ihren Gefechtsstand hatte mit dem Befehl, ich solle mich dort in Balga melden. Ich war alles anders als begeistert von diesem Befehl, doch Befehl ist Befehl. Kaum dort angekommen erlebte ich das, was Frauen und Kinder in den großen Städten oft Nacht für Nacht erlebten, das Rauschen der Bomben, das Bangen, trifft es uns? Wem hat es Leid oder gar Tod gebracht. Wir waren verschont geblieben, doch Bunker unter uns und über uns waren getroffen worden. Und dann erfuhr ich, dass nichts Besonderes vorlag. Der General hatte es gut mit mir gemeint, denn beim Div. Stab gefangen zu werden bot eine größere Chance als Kranker zu überleben. Beinahe wäre es nun doch mein Verderben gewesen, Menschenplanen ist nun einmal unvollkommen, doch dies "Gutes wollen" hat Gott - so war es mir ganz deutlich - benutzt, um mir das Leben zu erhalten. Denn kaum sei ich fort gewesen, so erfuhr ich am nächsten Tag sei mein "Schutzloch" von den Bordwaffen eines Flugzeuges voll getroffen worden.

Und dann Peise, auch das habe ich nicht vergessen. Wieder wollte man mir helfen, aber es wäre nicht gut ausgegangen, und ein andrer wollte mit Böses, das aber rettete mich. In Balga hatten nur die Mannschaften von Marinefähren fortgebracht werden können. Die Pferde sollten vorher erschossen werden, was jedoch nicht mehr getan werden musste. Weil wir sie nur unvollkommen schützen konnten, waren sie alle dem feindlichen Beschuss zum Opfer gefallen. Es gab also keine bespannten Mun-Kolonnen mehr, ich war zum Feldersatzbataillon gekommen, wo mir in der Nacht bei abgeblendeter Taschenlampe eine Inf. Kompanie übergeben wurde, von der ich keinen Menschen kannte, mit dem Befehl eine Stellung zu halten bis gegen Morgen die Nachbarkompanie durch meine Stellung hindurch abgezogen sein würde. Im Munitionsbunker, die Uhr zur Sprengung tickte schon, wartete ich mit Hauptfeldwebel und Melder auf diesen Augenblick. Als mir das Zurückgehen der Nachbarkompanie gemeldet worden war, überzeugte ich mich mit den Zugführern m. Komp. Davon und als niemand mehr kam, gab auch ich den Befehl zum Rückzug ans Ufer, wo sich alle im Morgengrauen eingruben. Weil die Löcher aber sofort sich mit Wasser füllten, setzten wir uns auf die Stahlhelme. Als ich dann, es wurde langsam hell, Ausschau nach Bekannten hielt, rief mich der Divisionskommandeur an: "Becker kommen sie, legen Sie sich zu uns, es laufen Kapitulationsverhandlungen." Doch fast im selben Augenblick schnauzte mich ein junger Hauptmann an: "Warum sind sie nicht bei ihrer Kompanie und warum haben sie zu früh die Stellung geräumt?" und fuchtelte dabei mit seiner Pistole herum. Ich dagegen: "Wo ist denn meine Kompanie? Sie wissen ja selbst, mir ist sie in der Nacht bei abgeblendeter Taschenlampe übergeben worden, ich kenne keinen einzigen Mann und was das Andre angeht, so ist das eine Unterstellung, fragen sie den Feldwebel!" Ich tastete auch nach meiner Pistole. Sollte ich mich von diesem "Endsieger" noch umbringen lassen? Da bestätigte wieder fast im selben Augenblick ein Hauptmann, dass ich korrekt gehandelt hatte. Darauf der junge Hauptmann: "Dort in der Nähe des Wassers liegt ihre Kompanie." Nun gut dachte ich - mit einem Blick mich vom General verabschiedend - es ist ja gleich, wo ich bei der Kapitulation liege. Und ich begab mich dort hin, grub mir auch ein Loch und wartete.

Da aber begann meine Rettung. Der gute Wille des Div. Kommandeurs hätte mich vermutlich das Leben gekostet. Wie ich später im Gefangenlager erfuhr, hatten die dort in Gefangenschaft geratenen Soldaten 40 km im Eilmarsch ohne Pause zurücklegen müssen und jeder, der nicht mithalten konnte, wäre erschossen worden. Das wäre auch mein Schicksal gewesen, denn ich war durch die Strapazen geschwächt und hatte wieder Fieber. Der dagegen, der mir übel wollte, hatte mich an die Stelle gebracht, von der aus ich bald danach der Gefangenschaft entrinnen konnte.

Dazu in Kürze: Auf der anscheinend menschenleeren Wiese tauchten plötzlich Köpfe auf, die auf die See blickten. Noch nur schwach zu erkennen näherten sich kleine flache Marinefähren, zwei wie sich herausstellte, auf die hin nun die Soldaten zuströmten. Auch ich war aus dem Loch gestiegen, traf auf die beiden Divisionspfarrer. Zu Dritt überlegten wir, was wir zu tun hätten. Weil auf dieser Fähre, die jetzt angelegt hatte, nur etwa 100 Mann, dicht an dicht stehend abtransportiert werden könnten, auf einer zweiten auch nicht mehr, kamen wir zu dem Schluss, dass die Pfarrer bei dem weitaus größeren Teil der Truppe bleiben müssten, ich mich aber, wenn möglich, der Gefangennahme entziehen müsste. Das aber schien zunächst auch nicht möglich, weil diese erste Fähre inzwischen abgelegt hatte, kurz bevor ich sie erreichen konnte.

Doch was geschah? Kaum war sie aus dem Landschatten heraus, wurde sie vom Packgeschütz des Feindes getroffen und ihr Heck war leer gefegt, dort aber hätte auch ich gestanden. Währenddessen hatte die zweite Fähre angelegt, auf der auch ich noch einen Platz gefunden hatte. Großartig reagierte nun der junge Kommandant unseres Schiffes, er nebelte sofort das havarierte ein, setzte uns auf einer kleinen Insel ab, holte die noch schwimmende Fähre und die noch darauf befindlichen Soldaten nach Pillau. Schließlich brachte er auch uns dorthin, wo ich nach einigem Suchen den 1B der Division fand. Dies Suchen war nicht ungefährlich, weniger des Artilleriebeschusses wegen, dem wir ja schon lange. Immer wieder einmal ausgesetzt waren, als der Gefahr wegen, die vom "Heldenklau" ausging. Das heißt, jeder, der seine Zugehörigkeit zu einer Truppe nicht beweisen konnte, wurde entweder sofort einer schnell zusammengestellten Kompanie zugewiesen oder im schlimmen Fall als Deserteur gerichtet. Ich hatte also den 1B, den Oberstleutnant v. Wangenheim, erreicht und wurde sogleich kommissarisch Kommandeur der Divisionsnachschubtruppen. Mir unterstanden einige pferdebespannte Munitionskolonnen, was dazu führte, dass ich am 9. Mai 1945 noch einmal - zum letzten mal - ein Pferd besteigen musste bzw. durfte. Ich war zum Divisionsstab befohlen worden. Um dort hinzugelangen, wurde mir ein Pferd gebracht, das Satteldruck hatte, ich musste also in den Sattel springen, was dem Tier sicher Schmerz bereitet hatte. Mir wurde mitgeteilt, dass der Krieg beendet sei und die Waffen zu ruhen hätten. "Endlich" so dachten wohl die meisten von uns. Was aber würde mit uns geschehen, wir waren ja keine Kriegsgefangenen! "Skoro damoi" sagten die Russen, "nur registrieren", das aber dauerte für mich drei Jahre; für meine Freunde noch ein Jahr länger.

Noch ein paar Tage vorher hatte mir der Oberstleutnant einen Platz auf einem Schiff Richtung Heimat angeboten, aber ich konnte es nicht annehmen, weil es nur für mich und nicht für die mir Untergebenen galt.

Und dann war es doch Gefangenschaft!

Nach und nach erfuhren wir, dass all unser Bemühen, die Sowjetarmee von der Heimat fernzuhalten, schon lange sinnlos war, weil man schon längst die neuen Grenzen festgesetzt hatte. Es war auch ohne Belang, dass wir erst nach der Kapitulation in die Hände der Gegner gefallen waren. Auch schon lange waren wir "zur Wiedergutmachung" als Arbeitssklaven den Sowjets zugesprochen worden. Allerdings bemühte man sich den Grundsätzen der Genfer Konvention entsprechend zu handeln.

Schon auf der fahrt zum Gefangenlager begann das dreijährige Seminar: "Sowjetpraxis" und "Vom Wesen des russischen Menschen". So möchte ich einmal das nennen, was ich in den Jahren der Gefangenschaft sehen, erleben und begreifen lernte. Wichtiger und größer aber war und blieb bis heute das Geschenk brüderlicher Freundschaft mit Männern, die gleich mir damals erfuhren, dass Gott die nicht fallen lässt, die sich an ihn halten.


Die Fahrt ins Gefangenenlager.
Bis ins Einzelne kann ich nicht mehr sagen, wie es sich damit verhielt. Aber einige Szenen stehen mit jetzt beim Nachdenken wieder rechts genau vor Augen. Schon von unsern Einheiten getrennt, ein Marschblock aus lauter Offizieren, geführt von einem sowjetischen Gefreiten, Richtung Osten. Da versuchte noch einmal in die Kolonne eindringend ein Soldat jemanden von seiner Uhr und seinen Stiefel evtl. zu "befreien' - zur Zeremonie des ersten lockeren sich Begegnen gehörte das ja (ich hatte daher schon meinen Trainingsanzug über die Uniform angezogen, so dass Uhr und Stiefel nicht mehr zu sehen waren). Dieser Soldat aber hatte den tödlichen Fehler, gemacht, zu diesem Zweck in die Kolonne einzudringen. Der Gefreite sah es, stellte ihn zur Rede und schoss ihn nieder.

Und bald darauf eine zweite Szene: Weil man uns schnell zum Verladebahnhof transportieren wollte hatte man uns auf LKW verladen, doch war es keine reine Gefangenenkolonne, sondern dazwischen fuhren auch sowjetische Truppen, und das noch wilder als sonst, weil "wöna kaput". Da fuhr unser Fahrzeug auf das vor uns auf, nur leicht, aber einem Soldaten, der dort halb außenbords saß, wurde ein Unterschenkel so schwer getroffen, dass es hin und her pendelte. Aber keiner kümmerte sich um den Verletzten. So hart gingen sie mit einander um! Da musste ich daran denken, dass uns bei Dnepropetrowsk Menschen erzählt hatten, dass man den Staudamm des großen Wasserkraftwerks gesprengt hätte ohne die Bevölkerung zu verständigen, geschweige denn zu evakuieren. Und das, was uns an gräulichen Taten sowjetischer Soldaten, an Bewohnern ostpreußischer Dörfer verübt, berichtet wurde, wenn wir das Dorf zurückeroberten, gehörte dann irgendwie auch dazu. Vielleicht erklärt die jahrhunderte lange Versklavung durch immer wieder noch grausamere menschenverachtende Herren dies Tun. So war gewiss für die Russen der Transport in Viehwagen, ohne eine Möglichkeit sich zu entleeren, nur einmal am Tag hielt der Zug auf freier Strecke, nichts Schlimmes. Und das wir nach der Ankunft in Morschansk nagelneue Leinenbezüge empfingen, um sie als Strohsäcke benutzen zu können, geradezu eine noble Geste. Das die Strohmiete weitgehend durchnässt war, nun "nitschewo".

Weil Kohlsuppe ganz und gar nichts für mich war, versuchte ich gegen eine Taschenuhr etwas Geeigneteres zu bekommen. Da bot mir ein Russe Zwieback an, worauf ich natürlich sofort zusagte und dann doch einigermaßen enttäuscht war, als sich russischer Zwieback als steinhartes Schwarzbrot entpuppte. Und dann der Marsch zum Lager außerhalb der Stadt "po piath" (zu fünft , es lässt sich leichter zählen), am Straßenrand, die Bewohner der anliegenden Häuser, meist Frauen, die uns mit sichtbarem Mitgefühl betrachteten und etwas Neid, wegen der schönen Bezüge. Auf sandiger Höhe das Lager mit doppeltem Zaun und Wachtürmen, niedrige Holzbaracken, auch die Dächer aus Brettern. Der Appellplatz fast leer, einige Elendsgestalten von alten Gefangenen, die mit uns Kontakt aufnehmen wollten, wurden fortgescheucht. Dann wieder umständliches abzählen und erneutes Durchsuchen von Gepäck und Person, und schließlich einweisen in die Baracken. Langer Mittelgang etwa 1,5 m breit, rechts und links in 2, auch drei Etagen Pritschen aus Rundholz. Gut, dass wir die Strohsäcke hatten. Mitbewohner, wie wir bald feststellten, waren außer Wanzen, Flöhen und Läusen auch kapitale Ratten. Zunächst brauchten wir nicht zu arbeiten, wir begannen auch bald mit Gottesdiensten, es waren etwa 30 ev. und 2 kath., auch wohl 2 Orthodoxe Theologen im Lager. Vorträge und Arbeitsgemeinschaften auf vielen nur denkbaren Fachgebieten bildeten sich. Viel Zeit kostete auch die Anschaffung des Allernötigsten, eines Essgeschirrs (Oskar-Meier-Büchse) und eines Brotmesser zum Beispiel. Um von den Wanzen möglichst unbehelligt zu bleiben, nähte ich mir meine Decke zusammen, so dass sie ein Schlafsack wurde. Auch musste ein leichter Beutel her für die Brotration, der dann an einem Bindfaden an der Decke befestigt werden musste, bzw. an der Unterseite der oberen Pritsche. So war das Brot einigermaßen vor den Ratten sicher, die, während wir schliefen, oft genug über uns hinweghuschten.

Soviel davon, dann aber wurde uns eines Tages eröffnet, dass wir mit Ausnahme der Stabsoffiziere (ab Major) arbeiten müssten zur "Wiedergutmachung" und von da an auch alle Rangabzeichen und Orden abzulegen hätten (hier bin ich mir nicht sicher, denn wir wurden weiterhin mit unserm Rang geführt, ja auch entlassen).

Das Hauptarbeitsobjekt für das Lager war wohl die Gasleitung von Saratow nach Moskau. Hier habe ich im Sommer 1945 auch einige Zeit mitgearbeitet. Abends musste oft noch das ganze Lager auf benachbarte Felder, um dort Tomaten und Kohlpflanzen zu begießen; es war ein heißer Sommer ohne wirkliche Regenperioden, nur gegen Abend gab es oft ein kurzes Gewitter. Im Lager selbst gab es allerlei Werkstätten (Schneider, Tischler), die weitgehend für die sowjetischen Offiziere arbeiteten; sogar eine Art Atelier, in dem Maler nach Postkarten Ölbilder für die Russen herstellten. Plätze in diesen Werkstätten waren natürlich sehr begehrt, wurden aber von dem Stamm eisern verteidigt, so dass es "Glücksfall" war, als ich zum Winter hin in die Schneiderei kam, vermutlich weil mein Gesundheitszustand bedenklich schien und ein Freund nachgeholfen hatte.

Da die russische Diagnose der Po-Beschau - wir mussten nackend uns den Ärztinnen stellen und je nachdem die Gesäßmuskeln noch vorhanden waren wurde die Arbeitsfähigkeit festgesetzt - nichts brachte, quälte ich mich mit ständiger Mattigkeit und begann Pfeife zu rauchen und sagte mir, es ist ja gleich, ob dir so oder so schlecht wird. Doch tat ich das nur sparsam, denn der größte Teil des Tabaks, den wir zugeteilt bekamen, vertauschte ich gegen Weißbrot, denn das Mischbrot bekam mir nicht gut. Auch konnte ich die tägliche Kohlsuppe nicht vertragen, so dass meine Ernährung sehr einseitig war. Ich versuchte daher, wenn wir auf den Weg zur Arbeit in die Nähe des Basar kamen, ein paar Tomaten zu kaufen.

An einen Zwischenfall bei diesem Vorhaben erinnere ich mich noch sehr genau. Unser Bewacher, ein alter nervöser Mann, verbot mir den Kauf, obwohl wir mitten durch den Markt gingen. Wäre es ein Soldat gewesen, der uns bewachte, hätte der es ohne weiteres gestattet. Ich war also irritiert, und als nun noch ein junger Kerl wie triumphierend einen weit größeren Rubelschein hochhob und auf mich deutete mit meinem kleinen Schein in der Hand, da sagte ich mir: "Siehe, da wirst du noch verspottet. Aber, was willst du, du bist nun einmal ein pleni (Gefangener)." und trottete in der Gruppe den Kopf gesenkt weiter. Da plötzlich war der junge Mensch wieder da, drängte sich zu mir durch und schüttete eine große Menge Tomaten mir in den Bausch des Russenhemdes, wollte auch mein Geld nicht und verschwand freundlich lachend. Solidarität unter den Armen oder besser Entrechteten wurde uns ständig zuteil. Uns gegen über waren sie offen und halfen uns oft in rührender Weise. Auch dort in Mitschurinsk im Eisenbahnausbesserungswerk arbeiteten neben uns junge Mädchen. Als wir sie fragten, wie sie denn hierher kämen, diese schwere und gefährliche Arbeit tun zu müssen, da erzählten sie uns: Nun da wäre ein LKW ins Dorf gekommnen und Uniformierte hätten alle jungen Mädchen, die gerade auf der Straße waren, gegriffen und hierher gebracht; sie wären auch in einem Lager. Eins dieser Mädchen hatte irgendwie ein paar Äpfel erwischt und ganz spontan gab sie mir auch einen. Auch die Posten waren meist kumpelhaft freundlich. Wenn das Zauberwort "kurit nada" gefallen war, d.h. einer nach etwa 45 Minuten die Rauchpause anforderte, dann geschah es nicht selten, dass der Soldat dem, der keinen Tabak bei sich hatte, von seinem Machorka abgab.

Oder noch viel eindrücklicher ist mir in Erinnerung die Begegnen mit den russischen Frauen, als wir auf einem Waldkommando waren. Wir waren weit gefahren, weit und breit nur Wald, an Flucht war nicht zu denken, obschon die Posten verschwunden waren, um Beeren zu suchen und in der Mittagshitze zu schlafen. Wir hatten unsre Arbeit geschafft; Holz fürs Lager zusammen getragen, waren auch müde und durstig! Aber wo war hier Wasser? Da entdeckten wir am Rande einer Lichtung ein paar Häuser und davor Frauen. Wir gingen zu der ärmlichen Ansiedlung und baten um etwas Wasser. Sie brachten es uns, auch sogar etwas Milch und Sonnenblumen zum Knappern, alles schweigend, und dann fragten sie uns, wie geht es euch, werdet ihr satt, habt ihr Nachricht von euren Angehörigen? Und als wir sie fragten, da sagten sie, sie hätten schon lange keine Nachricht mehr vom Mann und den Söhnen. Warum sie uns so gut wären? Vielleicht tut auch unsern Männern jemand Gutes, das bedrückte uns sehr, denn wir hatten schon erfahren, wie schlecht es russische Kriegsgefangene hatten, und eine sagte leise "um Christi willen". Und als sie erfuhren, dass ich Pastor sei erfuhren wir, was es heißt: Eins sein im Glauben an Ihn.

Das Lager Morschansk war ein Arbeitslager, wenn auch nicht ausschließlich. Wie ich schon erwähnte, brauchten die Stabsoffiziere nicht zu arbeiten, einige taten es feiwillig, sogar in der Latrinenbrigade, um eine höhere Lebensmittelzuteilung zu bekommen. Als Arbeitslager stand es in der jahrhundertealte Tradition der russischen Zwangsarbeitslager mit deren Grausamkeit und Menschenverachtung, gewiss zu unserer Zeit schon sehr gemildert, aber wir bekamen noch genug davon zu spüren; auch lernten wir die uralten Praktiken kennen, die in der Sklaverei dennoch zu beachtlichen Leistungen geführt hatten. Wir mussten nun auch in der Gefangenschaft mit Staunen und Bewunderung feststellen, dass auch mit den primitiven Mitteln aus uralter Zeit Probleme zu lösen seien - gewiss unter Missbrauch menschlicher Gesundheit -, wo wir meinen, hier muss Technik her. So hatten uns die Bauern, soweit sie nicht evakuiert worden waren, erzählt, wie die Sowjetische Armee sie gezwungen hatte zur Zeit der Schneeschmelze, als die Erdstraßen noch unbefahrbar waren, Tonnen mit Benzin und Öl bis zum nächsten Dorf zu rollen, von wo wieder die gesamte Bevölkerung es ebenso tun musste. So hatte also die Sowjetische Armee den Nachschub des Treibstoffs durchgeführt, während die deutschen Truppen im Schlamm versanken oder bis zum Abtrocknen der Straßen warten mussten. So bestand nun auch, als wir am Deich arbeiteten die ganze Technik in jeweils 2 Stangen auf die in der Mitte drei oder vier Bretter von ca. 60 -70 cm Länge genagelt wurden. So schleppten wir zu zweit die Erde vom Ort des Aushubs bis zum entstehenden Deich.

Sklavenarbeit aber geht nicht ohne Peitsche; die Peitsche damals waren die 50 Gramm Brot, die wir nur als Extraration bekamen, wenn uns bescheinigt wurde, dass wir das Soll erfüllt hätten. Das Soll aber wurde ständig heraufgesetzt (in der DDR war das dann ja nicht anders). Als das Soll am Deich nun nicht zu erfüllen war gingen wir zu dem Offizier, der die Aufsicht hatte. Er war uns wohl gesinnt: "Ach was, ich sehe ihr arbeitet. Soll wird nicht gearbeitet, Soll wird geschrieben. Ihr bekommt euer Brot."

So deutlich hatte das uns noch keiner gesagt, aber das zwischen gemeldeter Arbeit und geleistet eine Lücke klaffen musste wussten wir, seitdem uns einer erzählt hatte, wie es in der Gießerei zuging, wenn die Norm nach der Schicht abgerechnet wurde. Nach der Zählung verschwand dort oft ein Gussstück unter dem Formsand und kam der nächsten Schicht dann zugute.

Aber das, Soll galt ja nicht nur für uns und alle in irgendeiner Fabrik oder Kolchose. Es galt eines Tages auch für das Lager, das unbedingt zum 1. Mai eine Kulturbaracke haben sollte. Und in der Tat es wurde zügig dran gearbeitet und zum 1. Mai konnte der Rohbau als fertig gemeldet werden. Dabei aber blieb es nun; fertig gebaut wurde nicht und wenn irgendwo Material fehlte, so hieß es: "dawai Kulturbarak". Das heißt nun nicht, dass man nichts von Kultur wissen wollte. Die Chöre im Lager, der deutsche und der japanische, wurden von der Lagerleitung gefördert. Die Japaner, etwa auch 4000 Offiziere aus Garnisonen in Korea brachten viel mit, u. a. eine deutsche Augustinausgabe, die für uns Theologen von Interesse war. Aber auch ihre feste Haltung den Russen gegenüber imponierte uns, so weigerten sie sich von der Lagerleitung eingesetzte Vorgesetzte anzuerkennen, sondern gehorchten allein ihren militärischen, lächelnd setzten sie die viertelstündige Pause durch, obwohl sehr zurückhaltend schlossen einige feste Freundschaft mit Leuten von uns; so besteht eine solche noch mit Albrecht Röcker. Unter Kultur lief bei der Lagerleitung vermutlich auch alles, was an Vorträgen von Fachleuten gehalten wurde, möglicherweise auch unsere Gottesdienste. Die Predigten mussten vorher zur Genehmigung eingereicht werden, was in der Regel geschah. Fritz Garnbacher allerdings notierte in seinem Tagebuch, dass am 15. Sept. der Gottesdienst von Gerhard krause verboten wurde. Grund: Die Gliederung in "völkische Wiedergeburt" u. 2 . Lied: "Wach auf, Wach auf, du deutsches Land", an dem sich ja heute noch Leute stoßen, weil sie es falsch interpretieren. Wie sollten es die Russen damals richtig verstehen, nicht national, sondern religiös. Von diesem Kommando in Mitschurinsk, das lt. Fritz F. mit meinem "Rausfliegen aus der Schneiderei" am 29. Juli begann und am 25. Oktober endete, ist mir noch die Szene in Erinnerung, die mir in der Folge, etwa 9 Monate Aufenthalt im Lazarett einbrachte.

Wir hatten uns an einem Sonntag geweigert zu arbeiten, wir vier aus M. Die drei jüngeren, weil sie sich auf irgendwelche Offiziersrechte beriefen, die mir zwar nicht stichhaltig schienen, so dass ich betonte: als Pfarrer und Christ arbeite ich nicht am Sonntag. Die Reaktion der andern Seite war die, dass man uns unter Stößen mit dem Gewehrkolben in einen von der intensiven Sonnenbestrahlung überhitzten Raum sperrte. Der Schweiß lief uns in Strömen vom Körper, wir verlangten Wasser, das uns schließlich in einem weißem Emailleeimer brachte. Es war glasklar und schien einwandfrei zu sein, war es aber nicht, wie ich in der darauf folgenden Zeit bald merkte. Ob die Tatsache, dass ich den schönen Weizen, den wir bei einem Ernteeinsatz - er lag ungeschützt auf bloßer Erde - uns genommen hatten, unverdaut wieder von mir gab etwas damit zu tun hatte, weiß ich nicht. Aber dass ich Durchfall bekam und ein "Prolapsus ani" schließlich von der erschrockenen Ärztin dann nach der Rückkehr festgestellt wurde, hatte etwas mit der Ruhr zu tun, die mich nach einem Monat Lagerlazarett, dann für längere Zeit ins Waldlazarett brachte.

Für viele verband sich der Name "Waldlazarett" mit der Hoffnung auf baldige Heimkehr; das wünschten mir nun auch meine Freunde, aber es hat damit noch gute Weile gehabt. Auch für die beiden andern Pastoren im Waldlazarett ging ihre Rechnung nicht auf. Sie hatten versucht, sich arbeitsunfähig zu hungern, was dem einen die Ärzte übel nahmen. Er ist sehr viel später als wir erst nach Hause gekommen, aber vermutlich aus anderem Grund.

Der andre erkrankte an Lungentuberkulose. Wir andern (Pastoren und Mitglieder der Bibelkreise) versuchten ihm zu helfen, indem wir ihm täglich Milch zukommen ließen, für deren Erwerb wir alles verkauften, was sich zu Geld machen ließ oder als Tauschobjekt dienen konnte. Ich gab die schöne Pelzweste hin, die mir Albrecht Röcker geschenkt hatte, weil ich viel fror; er war auch eine Zeitlang im Waldlazarett wegen einer Knöchelverletzung.

Und dann geschah etwas, es war Adventszeit, was wir nicht erwartet hatten, in einem sowjetischen Militärlazarett. Obwohl mir schon bei der Arbeit am Deich, Kinder versichert hatten: "Wir nicht Kommunisten, wir Christen.", als wir auf der andern Seite des Flusses ein Brautpaar zur einzigen Kirche gehen sahen, war auch ich überrascht, dass auffallend oft Schwestern unser Zimmer betraten, manchmal still wieder hinausgingen, dann aber auch sich etwas zuflüsterten, wobei uns klar wurde, worum es ihnen ging: Sie wollten das Transparent sehen, das ich um die kleine Öllampe herum gemacht hatte. Mit Hilfe meiner Buntstifte und einiger Blatt transparenten Medizinpapier, hatte ich für uns die drei Szenen: Geburt, Hirten und Weise dargestellte.

Als ich das machte, hatte ich nicht geahnt, dass diese kleine Weihnachtspredigt auch die jungen russischen - Mädchen erreichen würde, eine nannten die anderen "schesch korowa" (sechs Kühe), sie war eine Bauerntochter, im riesigen Sowjetreich hatten sich offensichtlich, wohl hinter Moor und Wald noch Kulaken halten können. Übrigens Predigen! Sonntags hatte ich mir immer in meinem kleinen Neuen Testament, das ich durch alle Filzungen gerettet hatte, den Predigttext des Tages aufgesucht und gelesen. Das blieb den andern nicht verborgen, die mich schließlich baten, es doch laut zu tun, so habe ich dann Sonntag für Sonntag Gottesdienst gehalten, zu dem auch aus andern Stuben der eine oder andere kam. Die Ärzte sagten nichts dazu; auch vom Chefarzt hörten wir kein nein. Er war Jude, ließ uns aber nicht entgelten was an Juden übles getan wurde; sagte wohl auf die Frage warum: "Ich weiß zu unterscheiden, im Übrigen ich habe in Heidelberg studiert." Die russischen Ärzte waren sichtbar bemüht, nicht nur äußerlich korrekt, sondern sie setzten sich mit ganzer Person für die ihnen anvertrauten Kranken ein, auf die Gefahr persönlicher Nachteile hin. So besorgten sie Medikamente aus der Stadtapotheke, was verboten war, und bemühten sich um Diätverpflegung. Mit großer Dankbarkeit denken viele, nicht nur ich, an Fr. Olga Schulkowa, die Stationsärztin der Inneren, Ihr Assistenzarzt war, soweit ich mich mich erinnere, Dr. Wex, ein Chirurg aus Stettin. Kurzum, Ärzte und Schwestern taten was sie konnten, und das unter Verhältnissen, die man sich, wenn man nicht Ähnliches erlebt hat, kaum vorstellen kann. Ich lag auf der Inneren, in einem Raum mit 19 Anderen. Rechts und links von einem sehr schmalen Gang befand sich je eine Bretterpritsche, auf der 10 Kranke liegen sollten, doch war ein gleichzeitiges Liegen aller auf dem Rücken nicht möglich; nur in der Seitenlage war für alle Platz. Sehr bald hatten wir uns alle Hüftknochen und Steiß aufgelegen, so dass eine ungeschickte Bewegung des Nachbarn Schmerzen bereitete. Ich erinnere mich, dass wir deshalb baten, einen Sterbenskranken wieder aus unserm Zimmer zu nehmen, weil er sich ständig hin und her warf, und als ich am Sonntag unsre Andacht hielt, in großer Angst meinte, es sei seine Beerdigungsrede. Auch wir andern hatten Depressionen zu überwinden, versuchten dies aber, indem wir uns beschäftigten oder einander mitteilten, wie unser Leben vor dem Krieg gewesen sei und was wir nach der Heimkehr zu tun gedächten. Da war der Bauer, der uns Ratschläge für eine Kleintierhaltung gab (Gänse und Kaninchen); vom Rennreiter erfuhren wir, wie er eine gewisse Diät streng einhalten musste, um fit und nicht zu schwer zu werden; dem Prinz von Ahrenberg hörten wir gern zu, wenn er, ein wenig begüterter Spross eines fürstlichen Hauses, vom Leben und Treiben seiner Kaste berichtete. Er war der weitaus Älteste unter uns und gesundheitlich schlecht dran. Wir bedauerten ihn, denn schon etliche male hatte er am Tor gestanden (Abmarsch nach hause) und immer wieder in letzter Minute hören müssen: "nasad" (zurück). Warum wusste er nicht, wahrscheinlich war er für die Sowjets seines "Standes" wegen wertvoll. Und dann war da für kurze Zeit ein junger Leutnant auf unsrer Stube, der von seinem Vetter in Mailand erzählte, einem Bankkaufmann, da klingelte es bei mir und ich fragte: "Heißt er etwa Kurt Range? Ja, sagte er, woher wissen sie das?" Nun, dieser junge Offizier war also ein Vetter von Kurt Range, mit dem ich mich gut verstand, der ein Neffe von Tante Hedwig im Stift war. Gravierender war aber das Fehlen von guten Medikamenten. So bestand eine Behandlung meiner Ruhr lange Zeit nur in der Ernährung mit Reis, aber das führte zu keinem Erfolg. Erst als im Frühsommer 47 ungarische Ärzte ins Lager gekommen und Sulfonamide mitgebracht hatten, konnte einer Behandlung meiner Ruhr damit erwogen werden. Weil ich inzwischen auf der Schippe stand, wie man sich damals ausdrückte, d.h. nach 6 Monaten Durchfall nur noch, Haut und Knochen war, nahm ich das Risiko in Kauf, der Sulfonamitstoß könnte im Blick auf meine kranke Leber für mich tödlich sein. Es ging gut, der Durchfall hörte auf, ich begann mich zu erholen. An baldige Heimreise war allerdings nicht zu denken, es hatte sich doch zu sehr herumgesprochen, in welch elendem Zustand Männer aus sowjetischer Gefangenschaft heimkehrten. So sollte ich mich erst erholen, wurde "3" (krank bzw. halbarbeitsfähig) eingestuft ins Lager zurückgebracht. Noch einmal also war ein russischer Winter zu überstehen. An Einzelheiten erinnere ich mich kaum, nur dass ich einmal im Lager als Posten beim Verpflegungsbunker eingesetzt worden war. Es war ein harter Winter. Schon nach zwei Stunden, in denen man ja hin und her ging, waren wir bei der Ablösung nicht im Stande den Pelzmantel allein auszuziehen, den wir noch über der Wattekleidung trugen, so steif waren unsre Hände trotz dicker Handschuhe. Es waren oft unter 30 Grad. Im neuen Jahr aber war es dann doch so weit. Ein Heimkehrertransport aus Sibirien sollte ganz plötzlich durch 300-400 "Dreier" aus Morschansk aufgefüllt werden. Glücklicherweise war ich nicht zu einem Außenkommando abgestellt, als die Zusammenstellung mit den üblichen Prozeduren vor sich ging. Am 26. März - nach einer Tauwetterperiode hatte es noch einmal stark gefroren - schlitterten wir buchstäblich bei 28 Grad minus zum Bahnhof, auf dem Kopf den Strohsack, in der Hand die wenige Habe, die uns eine letzte "Filzung" gelassen hatte, und konnten nach der üblichen Verzögerung die Viehwaggons beziehen, die man mit je einem Kanonenofen ausgestattet hatte. Allerdings mussten wir uns Brennmaterial erst "besorgen". Relativ schnell waren wir dann in Frankfurt/Oder, wo wir aus dem sowjetischen Lager ins deutsche überstellt wurde. Bei Aushändigung des Entlassungsdokuments hatte man uns alles Gute gewünscht und erklärt, wir seien nun voll rehabilitiert, weil wir ja "wieder gut gemacht" hätten. Aber so ganz stimmte das mit der Rehabilitation deutscherseits doch nicht. Während die ehemaligen Mannschaftsdienstgrade sofort nach Hause fahren durften, musste ich erst nach Ludwigslust fahren, um mich da registrieren zu lassen und kam bei den damaligem Bahnverbindungen am nächsten Tag über Rostock-Stralsund nur bis Greifswald, wo ich auf dem Bahnhof in der "Rote Kreuz-Baracke" schlafen durfte, sodass ich wohl erst am 2. Ostertag in Anklam war.

Wenn ich an die Zeit der Gefangenschaft zurückdenke, so habe ich immer gesagt: Ich möchte es nicht noch mal erleben, aber missen möchte ich diese Zeit auch nicht.

Nach der Rückkehr - "Erfahrungen" mit der jungen DDR

Nun war ich also wieder zuhause und hatte doch kein Zuhause. In Usedom taten zwei ostpreußische Pfarrer Dienst; Anneliese wohnte zwar im Pfarrhaus, aber irgendetwas stimmte nicht. Bischof und Konsistorium hatten mich zur Heimkehr beglückwünscht, mir einen längeren Erholungsurlaub gewährt und dann nach einiger Zeit die Pfarrstelle Nadrense bei Penkun angeboten. Warum, fragte ich mich.

Auf ärztlichen Bat hin hatte ich mich für eine Stadtpfarre entschieden und jetzt - immer noch nicht gesund - sollte ich eine Landpfarre in ungünstiger Lage antreten. Warum? Nach und nach erfuhr ich den Grund. Meine junge Frau hatte sich, wie man so sagt, als Pfarrfrau unmöglich gemacht, indem sie sich zu öffentlich den Hof machen ließ, zunächst von deutschen Offizieren und später von russischen. Sie hat sich vermutlich nichts weiter dabei gedacht, und sich mit russischen Offizieren gut stellen, war unter bestimmten Umständen eine Überlebensfrage, zumal wie ich erfuhr, das Konsistorium ihr wenig finanziell beistand. Kurzum nach den damaligen Maßstäben lag ein Makel auf ihr und damit auch auf mir. Wir wollten aber einander nicht schaden und willigten in die Scheidung ein, zumal eine eheliche Gemeinschaft nicht bestanden hatte. Sogleich nach der Trauung war ich wieder zur Truppe gereist und jetzt erst wieder heimgekehrt. Dies geschah meinerseits nach Konsultation mit Superintendent und Bischof. Eine Schuldzuweisung wurde in der Begründung der Trennung vermieden.

Inzwischen hatte Superintendent Lic. Scheel in Anklam mich gebeten, doch nach Kagendorf zu gehen, das dringend einen jüngeren Pastor brauche. Und in der Tat Kagendorf war schlecht dran. Das Pfarrhaus war abgebrannt, Pf. Ruchholz war noch während des Krieges nach Filehne versetzt worden und dort umgekommen. Zur Pfarre gehörten 8 Dörfer mit drei Kirchen und drei Kapellen sowie 7 Friedhöfe. Die Seelenzahl war durch Flüchtlinge aus Hinterpommern und Ostpreußen auf über 3000 gewachsen. Zum 1. Juli wurde ich kommissarisch mit der Verwaltung beauftragt und zum 1. Oktober berufen. An Amtshandlungen war kein Mangel. Die Amtskleidung wurde nach und nach beschafft (meine Sachen aus Altenhagen waren samt Fahrrad nicht mehr vorhanden). Meine Mutter hatte vorsorglich eine Jacke schwarz gefärbt und ein Fahrrad wurde in der Werkstat von Bubi (Kurt Becker, der als erster wieder in Anklam war) zusammengebaut. Bald bekam ich von der Patengemeinde Petri-Hamburg ein schickes Fahrrad, um das um das die jungen Leute mich beneideten.

Ich tauschte es dann gegen ein älteres, stabileres ein, weil ich mir gern einen Hilfsmotor anbauen wollte, was bei dem westlichen Rennrad nicht möglich gewesen wäre. Das das auch noch nicht die letzte Lösung war, sei kurz erwähnt, schließlich hat mir Kurt ein Leichtmotorrad besorgt, das leider oft bis Neukosenow angeschoben werden musste, aber doch eine Hilfe war, waren doch die Entfernungen im Kirchspiel beträchtlich, zumal z. B. Rossin oft nur über Ducherow zu erreichen war.

Genauso dringend war die Besorgung einer Wohnung. "Zuzug bekommen sie nicht, einen Pastor brauchen wir nicht." hatte mir zwar zunächst der Bürgermeister erklärt, dann aber doch den Zuzug in ein möbliertes Zimmer beim Kirchenältesten in Brandenburg gestattet. Da war es ein "Glück", das sich sein Nachfolger Gerhard Lewerenz daran erinnerte, dass er einmal auf dem Gymnasium in Anklam zu meiner Pfadfindergruppe gehört hatte. Er hatte auch keine Wohnung, so beschlossen wir je zur Hälfte den Lehmstall auf dem Pfarrhof zu einer Wohnung für uns auszubauen. Diese Kooperation erleichterte den Baubeginn, von dem Lewerenz allerdings bald zurücktreten musste. Das war jedoch ein Vorteil für mich, bekam ich doch nun nach und nach nicht nur links Amtszimmer und Schlafzimmer usw., sondern auch rechts Gemeinderaum und Katechetenraum. Gleichzeitig fand ich Helfer, die dafür sorgten, dass die Kirchen und Kapellen wieder benutzbar wurden (Fenster und Dächer wurden geflickt und die gründliche Instandsetzung der Kirche in Rossin in Angriff genommen, die seit 1939 baupolizeilich geschlossen war. Im Zuge der dadurch unumgänglichen Behördengänge, konnte ich mich immer wieder einmal - wenn auch kurz - bei den Eltern in Anklam sehen lassen, wofür ich Heute noch dankbar bin, verloren wir doch ganz plötzlich am 3. Jan. 49 unsre Mutter durch einen Darmverschluss, der zunächst nicht erkannt und dann von dem Arzt im Krankenhaus nicht operiert wurde, weil er sich eine Operation vermutlich nicht zutraute. An Schwierigkeiten fehlte es nicht. Nicht nur in diesen äußeren Dingen, auch auf das Amt selbst und die christliche Botschaft hin, war bei vielen abwartende Skepsis spürbar, teils, weil einige doch sehr die nationalsozialistische "Heilslehre" sich zueigen gemacht hatten, andre, weil die Theodizee-Frage sie um trieb: Warum musste ich das erleben und erleiden, ich habe mich doch zu Gott gehalten? Doch, weil sie wussten, dass auch ich zu tragen hatte und jüngst wieder, öffneten sie sich bereitwillig im Gespräch und ich durfte erleben, wie stark Trost und Wegweisung aus Christi Worten kommt, weil sie nicht leere Worte sind (Mathäus 18, 20)

Dass ich 1948/49 60 Konfirmanden und 58 Vorkonfirmanden hatte zeigt, dass man durchaus noch von volkskirchlichen Verhältnissen sprechen konnte. Gut besucht waren nicht nur Advents- und Passionsandachten, die ich auch in den Außendörfern hielt, sondern auch Bibelstunden und Jugendstunden. Doch zeigte es sich leider schon 1949, dass meine Leber noch recht krank war. Pfarrkrankenkasse, Sup. Krause-Spantekow und Sup. Scheel bemühten sich um eine Kur für mich in Mergentheim, nachdem Arzt und Kreisarzt eine solche Heilbehandlung dringend empfohlen hatten.

1950 war dann ein ganz besonderes Jahr. Am 20. Januar heiratete ich eure Mutter, Gerda Lode, damals Leiterin des Kinderheims in der Hospitalstraße. Getraut hatte uns Lic. Scheel in der Marienkirche, gefeiert wurde bei Ladricks, denn die Wohnung in Kagendorf im Pfarrstall war erst im Werden. Für unsre Verwandten und Freunde war es wohl das erste Fest nach dem Krieg, das sie mit uns feierten. Alle hatten zum gelingen beigetragen und uns beschenkt, auch die Kagendorfer hatten uns wohl zu diesem Anlass die drei jungen Legehühner geschenkt, die Troll aus seinem Futternapf fressen ließ, während er alle andern Hühner wütend verjagte. Nun hatte ich wieder ein Zuhause und war glücklich, dass mich jemand begrüßte, wenn ich nach den vielen Amtsgeschäften heimkehrte.

Im Sommer durfte ich dann die schon lange vorbereitete Kur in Mergentheim durchführen, wo ich alte Freunde aus der Gefangenenzeit begrüßen konnte und neue Freunde gewann (Schwester Elisabeth Frenz). Die Behandlung im Haus Schwaben war die beste, die Ärzte forderten aber dringend eine Wiederholungskur im kommenden Jahr, die auch wahrnehmen durfte. Aauch 1953 fuhr ich noch einmal von Kagendorf aus nach Mergentheim wo mir wieder die Ärzte ganz dringend zu einer anderen Pfarrstelle rieten. Das dritte besondere Ereignis war die Wiedereinweihung der Kirche in Rossin am 8. Oktober. Endlich konnten Gottesdienste und Jugendstunden in der Kirche stattfinden und die Benutzung des Schulraumes, den uns der Nachfolger von Kantor Diedrich nur widerwillig jeweils überlassen hatte, entfiel.

Im Zuge der Restaurierung der Kirche besuchte uns mehrmals der Bildhauer Max Uecker aus Greifswald, der das kl. Relief von Elisabeth sah und mich aufforderte, doch mal etwas Größeres zu machen, so entstanden dann nach und nach jeweils als Meditationen meine Holzplastiken zumal seitdem ich bei Besuchen in Greifswald die aus mancherlei Anlässen (Bauten, Tagungen) gemacht werden mussten, mir von Max Uecker die Handhabung der Eisen (er hatte mir eine ganze Garnitur geschenkt) hatte zeigen lassen. Bis zur Abfahrt des Zuges war ich gern bei ihm in seinem Atelier.

Außer der Kirche in Rossin kam auch der Kirchturmbau in Kagendorf zur Vollendung, in Dargibell konnte in der Kapellenruine ein Teil abgetrennt und überdacht werden so dass eine kleine Kapelle entstand, für die der Architekt Buchholz neue bequeme Kirchenbänke hat bauen lassen und eine Aufhängung für die alte Glocke, die bis dahin in Kagendorf hatte benutzt werden können. In Rosenhagen hatte schließlich, diesmal auf der Orgelempore eine Winterkirche ausgebaut werden können. Doch nun musste schon ans Abschiednehmen gedacht werden. Die Ärzte hatten ja Recht, die kranke Leber vertrug die Strapazen der kalten Kirchen, der zugigen Friedhöfe, der weiten Radfahrten nicht. Es fiel uns nicht leicht, uns vom gemütlichen Haus, von den vielen Menschen, die uns zugetan waren, zu trennen. Eine leichtere Pfarre mit genügend Wohnraum - wir waren inzwischen schon eine große Familie - zu finden war nicht einfach. Erschwerend war auch die Tatsache, dass ich mein "Kranksein" bei den Bewerbungen nicht verschwieg. Auch sollte es sicher Dersekow sein, wo wir dann zweiundzwanzig Jahre waren. In Barth verhinderte der plötzliche Tod von Sup. Podzus, der in Kenz gewohnt hatte, meine Wahl an Marien-Barth. Die Superintendentur sollte wieder nach Barth. In Stralsund entschied das los gegen mich.

Dersekow war nun eine leichte Stelle. Mein Vorgänger Lic. Schott hatte ohne große Schwierigkeit neben dem Pfarramt auch sein Lehramt an der Universität verwalten können; die offiziellen Angaben sprachen von zwei Predigtstellen (es waren aber mehr, wenn man seinen Dienst ernst nahm). Weitere Pfarrdienste waren besetzt. Der Hauptlehrer war Kantor und leitete einen Kirchenchor, eine Katechetin war für die Christenlehre zuständig, ein Kirchendiener betreute fleißig und treu Kirche und Friedhof; das galt für einen zweiten Kirchendiener auch für Pansow. Der Gemeindekirchenrat bestand aus meist kirchlichen aktiven Bauern und Neubauern. Das Patronat der Universität ruhte allerdings weitgehend; also in der Tat eine leichte Stelle, zumindest für die ersten Jahre. Die Verwaltung der Vermögenswerte der Pfarre, Gebäude und Äcker aber, kosteten schon sehr bald viel Zeit und Mühe.

Alles, was zu einer Landpfarre gehörte, an Gebäuden und Land, war noch in kirchlichem Besitz; zwei Kirchengebäude, das Pfarrhaus, die Küsterei, das Kirchendienerhaus, das Pfarrwitwenhaus und die Pfarrpächterei. Bis auf die Kirchen, das Pfarrhaus und das Wohnhaus der Pfarrpächterei waren es Fachwerkgebäude unter einem Rohrdach; 200 bis 300 Jahre alt. Dass hier ständig Reparaturen anfielen, braucht nicht weiter ausgeführt zu werden. Wie schwierig aber solche Reparaturen durchzuführen waren, kann sich heute niemand mehr vorstellen; wie lange es dauerte Handwerker willig zu machen, oft mussten, Älteste und auch ich als Helfer uns zur Verfügung stellen. Und wie schwer es war Material zu beschaffen und heranzuschaffen! Dazu kam, dass auch die "Kirchenhäuser", wie alle anderen, voll gestopft waren mit Flüchtlingen, die nach und nach Ansprüche stellten. Solche Ansprüche waren oft berechtigt, oft auch ärgerlich. Zwei fälle im Pfarrwitwenhaus, in dem 6 Familien untergebracht waren, sind mir in Erinnerung. Ein kleiner Anbau nur 180 cm Deckenhöhe, war geräumt worden, da bat die Familie ihn mit benutzen zu dürfen, was ihr selbstverständlich genehmigt wurde. Sie ließen dort aber dann einen ihrer Söhne schlafen und verlangten den Raum mit einem Ofen zu versehen. Was wir unter Zwang tun mussten. Der zweite Fall, wieder im Pfarrwitwenhaus. Die Mieterin wollte moderne Fenster haben, die nach alter Art gegliederten gefielen ihr nicht mehr. Doch nachdem der Bauausschuss der Kirchgemeinde ablehnte, weil die Fenster im Holz noch gesund waren, öffnete sie bei stürmischem Wetter diese Fenster (die nach außen aufgingen) ohne sie festzuhaken, so dass sie der Sturm zerschlug. Weil es über 22 Mietsparteien waren, und das in uralten Gebäuden, war das für mich eine große Last, zumal ich als Pastor in vielen Fällen gern geholfen hätte, es als Verwalter des Pfarrvermögens aber nicht durfte. Auch der Landbesitz bereitete viel Kummer. Bis auf 60 Morgen, die zur Pfarrpächterei gehörten, war er auf ca. 20 Pächter verteilt. Doch kamen natürlich immer wieder Kündigungen von Seiten der Pächter vor, dann musste sofort ein Nachfolger gefunden werden, denn sonst fiel ein Minus im Etat ein. Auch die pastoralen Verhältnisse verschlechterten sich nach und nach. Der Hauptlehrer und Kantor gab dem Druck seiner Vorgesetzten nach und kündigte Juli 1958 sein Kirchenamt - er tat es sicher nicht gern. Die Katechetin ging zu ihrem Vater nach Schaprode, um bei der Pflege ihrer Mutter zu helfen. Schon vorher war uns der Zutritt zu den Schulen in Klein Zastrow und Hinrichshagen verwehrt worden, in denen laut Aufsiedlungsrezess der Kirchengemeinde ein Raum für Gottesdienste festgeschrieben worden war.

Schließlich legte auch der Kirchendiener sein Amt nieder. Für den Kirchenchorleiter fand sich kein Nachfolger, ich selber war ja ungeeignet dafür. Für den sonntäglichen Gottesdienst konnte ich Frau Hildegard Jantzen gewinnen, die Frau eines ehemaligen Gutsbeamten. Sie konnte Klavierspielen und weil auch Eure Mutter das konnte musste auch diese immer wieder einspringen, was bei all den andern Aufgaben, die ihr nun neben der Bewirtschaftung des großen Gartens zufielen, eine schwere Belastung war. Auch der Kirchendienst musste nun ja mitgemacht werden und, weil die Christenlehre von Seiten der Schule immer mehr behindert wurde, galt es auch die Kinder im Pfarrhaus zu beschäftigen, bis Katechetin oder ich sie übernehmen konnten. Trotz allem nahm eure Mutter willig die zusätzliche Belastung auf sich, die Helferrüsten und Konfirmandenrüsten, die jeweils einen ganzen Tag dauerten, bedeuteten. Die Frauen (eure Mutter, Frau Schwewe und oft noch eine weitere Helferin) meisterten die Verpflegung von oft über 30 Personen meisterhaft, auch einmal, als der Eintopf so gut schmeckte, dass es für einige fast nicht gereicht hätte.

Die Helferrüsten (analog der "leadership - arbeit" in den USA) von Sup. Wilm angeregt und im team mit ihm und anderen Pastoren aus Greifwald durchgeführt, bewährten sich in vielfacher Weise. GKR und Gemeinde Beirat, und darüber hinaus Männer und Frauen, denen Kirche und glaube an Christus etwas bedeutete, lernten sich in guter Gemeinschaf besser kennen und empfingen "Zurüstung" für ihr Christsein in ihrem "Lebensraum". Das wirkte sich positiv und segensreich aus, als es immer schwerer wurde, in den Dörfern ohne kirchlichen Raum (die uns im Rezess zugesagten Räume in den ehemaligen Schlössern in Kl. Zastrow und Hinrichshagen waren uns ja genommen worden) Christenlehre und Gottesdienst zu halten. In diesen Dörfern fanden sich insbesondere Frauen gegen alle Bedenken bereit - obwohl es der Polizei gemeldet werden musste - ihre Wohnung dafür zur Verfügung zu stellen (nach einiger Zeit durften "Anmietverträge " abgeschlossen werden, so dass das ständige Anmelden bei der Polizei entfiel). Meine Gesundheit ließ auch in Dersekow weiterhin zu Wünschen übrig, wenn sich auch im Blick auf die Leber eine wesentliche Besserung einstellte, zumal ich noch einmal vor der Mauer l956 nach Mergentheim zur Kur fahren durfte, wofür Prof. Müller und das Hilfswerk gesorgt hatten. Doch machte Herz und Kreislauf Schwierigkeiten, so dass man eine Mandeloperation für wichtig hielt. Ich war schon 50, hatte eine etwas vergrößerte Mandel, durfte dann auch noch 1960 nach Kransbach-Klais zu einer Herzkur in die schönen Alpen - ein Ausflug mit dem Bus ins Karwendelgebirge und nach Bozen über Innsbruck war auch dabei. Ich musste dabei an meinen Vater denken, der von seinem Aufenthalt in Tirol oft mit großer Freude gesprochen hatte. Übrigens Kranzbauch liegt ja in der unmittelbaren Nähe von Garmisch-Patenkirchen, der Heimatregion der "Much-Familie". Eine Wiederholungskur in Stützerbach/Thüringen war dann 1964 nur dank persönlicher Beziehungen von Adolf Zeuner, meinem Amtsbruder und Freund aus der Gefangenschaft, möglich, denn als "Privatpatient" und dazu als Pfarrer war ich nicht einzuplanen.

Doch noch einmal zur kirchlichen Lage im Kirchspiel Dersekow. Bis zur Zwangskollektivierung und der Mauer war weitgehend kirchliche Arbeit möglich, sogar die Christenlehre konnten wir, selbst nach Fortfall der Räume in den Schulen (ehemaligen Gutshäusern), wenn auch hin und wieder durch die Schule behindert durchführen; es waren ja noch nicht alle Lehrer auf die Linie der SED festgelegt. Selbst die Attacke auf die Konfirmation durch die mehr oder weniger zwangsweise eingeführte Jugendweihe konnte durch eine Neuordnung der Konfirmation in Dersekow abgewehrt werden. Ich war im Konfirmationsausschuss der Landessynode und hatte mich mit der Historie der Konfirmationspraxis nach der Reformation befasst und dabei aus den Pfarrakten von Kagendorf und Dersekow festgestellt, dass noch lange Zeit Konfirmation in unsrer Landeskirche zweierlei war. Einmal die Einsegnung, wenn die Kinder den Katechismus konnten und später, oft erst vor der Trauung, die Zulassung zu den Sakramenten, insbesondre dem Heiligen Abendmahl. Beides war an kein Alter gebunden, so wurden schon 10-jährige konfirmiert und erst 20-jährige bekamen die Zulassung zu den Sakramenten. Ich hielt mich also nicht mehr an das Alter von 14 Jahren, das ja nur des anschließenden Schulabschluss wegen eingeführt worden war, sondern konfirmierte ein Jahr früher. Damit kam es am Palmsonntag nicht zu einer Kollision mit der Jugendweihe, die ich wie die Eltern als eine reine Schulangelegenheit betrachtete. Und es war gut so, denn ein Entweder / Oder hat überall zum Sieg der Jugendweihe geführt, denn nur wenige Eltern wollten das Risiko eingehen, dass das Verweigern der Jugendweihe die Ausbildung ihrer Kinder gefährdete. Bald verlegten wir in Dersekow den Konfirmationstermin auf die Pfingstzeit, beließen die Prüfung um Ostern und ich benutzte die Zwischenzeit zur Sakramentsunterweisung (analog alter Ordnung) und hielt: einmal je Woche Sakramentsrüsten, zu denen ich die ganze Gemeinde einlud. Für die Konfirmanden aber war es obligatorisch, auch für ihre Eltern, womit ich es für die Väter leicht machte, die sonst fürchteten sich sagen lassen zu müssen "fromm" geworden zu sein. Sie hatten nun ein Alibi, dass galt übrigens auch für jede Teilnahme an Beerdigungen und zwar auch an der Nachfeier, bei der sich die Geister schieden.

Als dann aber Dersekow LPG wurde und "sozialistisches Musterdorf" werden sollte, wurden mehr und mehr auch einzelne Gemeindeglieder auf ihre Kirchenzugehörigkeit angesprochen. Bei Eltern, die ehrgeizige Ziele mit ihren Kindern hatten, blieb das nicht ohne Wirkung. Andre konterten. So ein junger Bauer, dem man sagte: "Na, deine Tochter geht zum Pastor (Konf. Unt. ), das solltest du nicht zulassen." Der aber antwortete: "Das geht euch gar nichts an, das ist meine Sache." Und als sie gar die Kirchenälteste in Friedrichsfelde, eine alte SPD-Genossin, vor die Wahl stellten: Partei (SED) oder Kirchenälteste, da sagte sie: "Dann nehmt das Parteibuch." Sie war Witwe und hatte es schwer mit drei Rindern die Siedlung zu halten und musste Schikanen fürchten.

Nicht überall hatte sich trotz massiven Drucks und Zwangs die LPG Typ III durchsetzen können, so hielt sich, besonders auch in Klein Zastrow eine LPG Typ I (eigene Viehhaltung) und die Mitglieder machten aus ihrer "Kirchlichkeit" keinen Hehl - die Hälfte der hessischen Altsiedler waren allerdings nach der Zwangskollektivierung in ihre Heimat zurückgekehrt. So stellte mir hin und wieder die LPG I ihr Büro am Sonntag für Gottesdienste zur Verfügung. Aber das musste ja nun unterbunden werden, so wurde dem Vorsitzenden deutlich gesagt: "Du musst als Vorsitzender nun auch bald in die Partei (SED) eintreten." Er darauf: "Ja, wenn das sein muss, dann muss ich mir das ja ernsthaft überlegen." Und ein paar Tage weiter erneut: "Na, trittst du nun ein?" Er darauf: "Sagt mal, kann man denn auch in zwei Parteien sein? Ich bin ja nun schon in die CDU eingetreten." Dazu ist zu sagen, bei allem, was jetzt von SED-Hörigkeit der Ost-CDU gesagt wird, an der Basis wurden christliche Belange vertreten, in Zeitung und Verlag und besonders da, wo nach bewusster Taktik auch in einem Dorf ein CDU-Bürgermeister sein sollte, war vieles möglich (etwa Druck eines Gemeindeblattes), wovon andre nur träumen konnten. So sagte mir einmal der Bischof: "Aber mein Schwiegersohn hat da keine Schwierigkeiten!" Ich denke Bischof Krummacher hat danach die 2. Taktik der SED durchschaut. Oben: Scheibchenweise Freundlichkeit; Unten: Vermehrter Druck auf die Masse der Gemeinden und zwar auf die einzelnen christlichen Gemeindeglieder. Die Entspannungspolitik des Westens - ich will mir kein Urteil erlauben, ob nötig oder nicht - hatte der DDR-Bevölkerung u.a. deutlich gemacht, dass sie noch Jahrzehnte mit und unter dem SED-System würde leben müssen. So sah man zu, wie man mit dem System auskam und vermied Kontakte mit der Kirche, weil diese ganz offensichtlich hinderlich für berufliches Fortkommen war.

Nun gab es in allen Dörfern des Kirchspiels bewusst kirchliche Familien, die diesem Trend etwas entgegensetzten, indem in ihren Häusern Gottesdienste gehalten und Nachbarn zu den Familiengottesdiensten mitgenommen wurden, die wir häufig hielten, auch wohl zu den Abenden der Volksmission, die fast jährlich Herr Bohl hielt, auch zu den Kirchenmusiken u.a. Auch Christenlehre war so in Dersekow noch möglich, weitgehend dadurch, dass unsre Kinder ihre Freundinnen mitbrachten, deren Eltern sich bedeckt hielten: "Ja, wenn die Kinder wollen".

Die Zahl der Taufen und Trauungen, auch der Konfirmanden waren jedoch auch bei uns rückläufig. Besonders wichtig waren mir nun die Geburtstagsgratulationen bei den 70-Jährigen und älteren, denen ich immer ein Verteilheft der EVA mit brachte, in der Hoffnung, dass auch die jüngere Generation mal drin lesen würde. Dass das geschah bestätigte mir eines Tages sogar der Parteisekretär der LPG unter vier Augen. Überhaupt ist zu sagen, dass nicht nur unsere Kinder oder die Kinder überhaupt- "zweigleisig" lebten (Schule / Zuhause), auch selbst von den Funktionären galt das. Viel Lehrer litten darunter, versuchten auch wohl es unsern Kindern leichter zu machen, wenn sie ihnen "Unrecht" tun mussten. Die Tatsache, dass bei all meinen Bemühungen - ich hielt schließlich an jedem Wochentag in einem Ort bzw. Ortsteil Christenlehre für mehrere Gruppen - der Rückgang nicht aufzuhalten war bedrückte mich zunehmend und wirkte sich auch negativ auf meinen noch immer labilen Gesundheitszustand aus. Ich litt unter starken Krampfzuständen im Darmbereich, so dass ich einige male während des Gottesdienst die Kirche verlassen, und wenn ich unterwegs war anhalten musste, um beim Lauf über einen gepflügten Acker mir Erleichterung zu verschaffen. Bei alledem konnte ich aber auch erfahren, dass ich immer wieder einmal für einen Menschen wichtig war. Soviel Arbeit und mühe es auch kostete Pfarrhaus und Garten einigermaßen in Ordnung zu halten, so hatten wir und oft unsre Gäste viel Freude an unserm Zuhause, zudem ja nicht nur gehörte was da wuchs an Gemüse, Blumen und Obst, sondern auch das Schaf mit seine Lämmern, die Flugenten und Egon der Zwerghahn.

Ruhestand in Anklam

Mit Gerhard Masphuhl und seiner Familie verband uns eine Gute Freundschaft. Ich hatte ihn zum Superintendent vorgeschlagen als Superintendent Wilm die Superintendentur Greifswald-Land abgegeben wollte und mich dafür vorgeschlagen hatte, was ich ausschlug, weil ich mir die seelisch-körperlichen Anstrengungen, mit den politischen Behörden verhandeln zu müssen, nicht zutraute und ich zuviel Angriffsmöglichkeiten (geschieden und ehem. Offizier) geboten hätte. Solange Gerhard Masphuhl amtierte, insbesondere zur Zeit seiner Erkrankung, hielt ich am Amt des stellvertretenden Sup. Fest, während ich das Amt des Kindergottesdienstbeauftragten der Landeskirche niederlegte, als in Dersekow Kindergottesdienst nicht mehr möglich war (etwa 1960). Bis dahin habe ich bei den Tagungen, die in Berlin stattfanden, bei Werner Schlenskas Familie gewohnt, der als Orthopäde zuerst in der Charité und später in Westberlin in eigener Praxis tätig war. Bei seinem Sohn Reinhard wurde ich Pate. Auch mein Mandat in der Landessynode (1958-69) hatte ich später aufgegeben "aus gesundheitlichen Gründen", so offiziell, aber auch, weil ich die immer mehr den staatlichen Methoden sich angleichenden Verfahrensformen nicht für richtig hielt und es deshalb zu einer "Auseinandersetzung" mit dem Bischof gekommen war.

Und da war da noch die Geschichte mit dem Mann aus Rostock, Gerda sagte er sähe wie ein Pastor aus, der sich erkundigte, ob wir noch Schwierigkeiten hätten. Und in der Tat, wir hatten Schwierigkeiten als er zum ersten Mal auftauchte und ich ihn am Kaffeetisch im Gespräch mit eurer Mutter antraf. Da war die Sache mit Lindemann, dem Altkommunisten, der mir gedroht und mich angezeigt hatte, da war möglicherweise auch die Absage der EOS für Ottfried und die Schwierigkeiten bei der Christenlehre. So traf ich ihn noch mehrmals am Kaffeetisch an. Ich brachte das Gespräch meist auf die grundsätzlichen Fragen, Christlicher Glaube & ¬Sozialismus, und sagte wohl einmal, gegen wahren Sozialismus wäre nichts einzuwenden, doch der real existierende habe ein falsches Menschenbild. Und dann machte es mich einmal stutzig, dass er von der Landessynode etwas hören wollte, worauf ich ihm sagte, nun das wissen sie doch, ihr Mann ist ja dabei: Obwohl es für mich feststand - aus den Erfahrungen in Sowjetischer Kriegsgefangenschaft - dass überall Spitzel waren (die kasaika im Waldlazarett) auch ich wusste, dass ich seit meiner Registrierung in Ludwigslust überwacht wurde, auch einmal Fr. Klassengenossin, deren Bruder bei der Stasi war, ihr gesagt hatte, ich weiß, dass dein Vater Hauptmann war. Kurzum, obwohl ich misstrauisch war, hatte ich den netten Mann aus Rostock nicht für einen Stasi-Mann gehalten. Als er aber nach meinen Ausscheiden aus der Landessynode nicht mehr erschien war es mir klar und ich frage mich heute noch: Was hat er aus unsern Gesprächen am Kaffeetisch gemacht und wer hat dich nun weiterhin bespitzelt. Gleich zu Beginn dieser Besuche hatte ich Masphuhl davon erzählt, aber als ich es beim Konsistorium tat, reagierte man gar nicht darauf, was mir komisch vorkam.

Doch als ich dann 65 geworden war, hielt ich es für geboten, meine Emeritierung einzuleiten, im Wissen, dass eine Emeritenwohnung schwer zu bekommen sein würde, weil sie auch für die Kinder in der Ausbildung passend sein musste. Eine Übersiedlung in den Westen aber kam nicht in Frage, weil wir unter damaligen Verhältnissen, uns von einem Teil unserer Kinder hätten trennen müssen. Da wurde in meinem Elternhaus die vermietete Wohnung frei. Auf Anraten meiner Geschwister beantragte ich für mich die Freigabe dieser Wohnung als Miteigentümer und kinderreich beim Wohnungsamt in Anklam. In einer mündlichen Verhandlung wurde der Antrag barsch zurückgewiesen. "Ob ich es denn verantworten könnte, dass eine Familie, die in einer schlechten Wohnung wohne, zu schaden käme", so hielt mir der Vertreter des Wohnungsamtes Anklam vor. Weil ich aber meinen Antrag in Abschrift, nicht nur dem Konsistorium, sondern auch dem Rat des Bezirks zur Kenntnis gegeben hatte, war auch eine Vertreterin dieser Behörde zugegen, die mir dann riet: "Bleiben Sie dran!" Was mir wie Hohn klang (aber wie sich heraus stellte, gut gemeint war) Ich mir damals nur dachte, oder gar erwiderte: "Wenn einer in eine Wohnung eingezogen ist, so geht er doch nicht sobald wieder raus, jedenfalls kann ich solange nicht warten." Es zog dann der Anführer der Kampfgruppen in die Wohnung. Ich meldete das dem Konsistorium und versuchte es noch einmal, die Vertreterin aus Neubrandenburg schien uns ja wohlgesinnt zu sein. Und das "Wunder" geschah, nach etwa einem Jahr wurde die Wohnung uns freigegeben; ob wir es Plath zu verdanken hatten?

Dann der Umzug! Das war nun nicht nur der eigentliche Umzug mit Spediteur usw., was einigermaßen laufen sollte. Aufwendig waren die Vorarbeiten. Es sollte eine Garage für den Trabi gebaut, die alten Kachelöfen durch Außenwandgasöfen ersetzt werden. Einen durften wir erwerben, für zwei weitere wurde uns die Zulassung zugesagt, wenn sie über Genex kämen, d.h. vom Westen mit DM bezahlt würden. Wieder halfen meine Freunde (Röcker, Fricke, Farenbacher, Letz, Häußler). Die Montage der Öfen aber schien in absehbarer Zeit nicht möglich, weil die erforderlichen Verbindungsstücke für die Rohrleitung bei der Firma in Anklam nicht zur Verfügung standen; auch der Leiter der Firma, ein kirchlicher Mann - ohne "Vitamin-B" ging sowieso nichts - durfte die vorhandenen Stücke für "Privat" nicht verarbeiten. So startete die Familie eine Suchaktion bei bekannten Klempnern zwischen Gützkow und Luckow.

Als ich dann am 16. September mit dem PKW Weckgläser und anderes schon nach Anklam schaffen wollte, geriet ich vor Greifswald in einen Platzregen, von einem entgegenkommenden LKW sah ich etwas auf mich zu fliegen. Automatisch nahm ich den Fuß vom Gas, so traf der Gegenstand das Auto nur in Motorhöhe und prallte weg. Im immer noch strömenden Regen konnte ich den Gegenstand nicht finden, auch die Polizei, die ich von einer Baracke in der Nähe aus angerufen hatte, fand ihn nicht. Es schien zunächst nur ein Blechschaden zu sein, aber ich kam nicht mehr nach Dersekow zurück. der Motor musste erneuert werden. Meister Grade half mir das "corpus delicti" zu finden. Es war der Sprengring des LKW-Hinterrades. Für lange Zeit war ich nun ohne Auto, doch Irmfried half aus. Am 5. Okt. war dann der Umzug, am 16. Okt. fuhr ich noch einmal nach Dersekow zur Pfarramtsübergabe. Doch Friedegard durfte noch geraume Zeit mit ihrer Familie im Pfarrhaus oben wohnen, so dass uns Dersekow noch nicht ganz "gewesen" war.

Dann war Anklam für 13 Jahre unser Zuhause und doch nur bedingt. Der Anklamer Konvent nahm mich überaus freundlich auf. Viele kannten mich noch, alle freuten sich, dass ich bereit war, zu helfen. So wurde ich wieder Kreisarchivpfleger des Kirchenkreises sicherte in dieser Funktion die Archive von Teterin und Blesewitz, den beiden Pfarren, die nicht mehr besetzt werden sollten, entdeckte die kostbare Lutherausgabe auf dem Dachboden in Spantekow; trug die Synodalbücherei wieder zusammen, die zerstreut auf dem Dachboden des Marienpfarrhauses lag und ordnete sie wieder; ordnete das Synodalarchiv, übernahm die Beantwortung der Kirchenbuchanfragen sowie die Regie der Kirchenöffnungen und Führungen, als Martin Afhelt, der Sohn des Pf. A. nach Beendigung seines Theologie-Studiums diese Arbeit, die er begonnen hatte, nicht mehr weiter tun konnte. Für diese wichtige Arbeit verfasste ich einen Kirchenführer, den ich mit Linolschnitten versah, und den Kantor Grosch bei Rauchmann drucken ließ. "Für innerkirchlichen Dienstgebrauch" entstanden weitere Heftchen-, über die Arkadenmalerei in Marien und Nikolai, über die Pfarrkirchen im Kirchenkreis über die Anklamer Kirchen u.a., die an Chor und Mitarbeiter verteilt wurden.

Die Kirchenöffnungen erfreuten sich großer Beliebtheit, viele Urlauber, die in Anklam eine Pause einlegten, kamen in die Marienkirche, darunter auch Ausländer und besonders Menschen aus der Tschechoslowakei, für die Jarda, Hartmuts Freund, ein ev. Pfarrer, den "Kirchenführer" ins Tschechische übersetzt hatte. Weil ich seit meiner Studienzeit mich für Kirchengeschichte interessiert hatte - auch später Mitglied der Arbeitsgemeinschaft war - fiel mir natürlich zu den jeweiligen Gedenktagen die Aufgabe zu, Referate zu halten und Ausstellungen zu organisieren (Adelung, Bugenhagen, Hugenotten, jüdische Gemeinde, Kirchenkampf, Stadtjubiläum). Das blieb nicht unbekannt, so dass auch die Gruppe der Baudenkmalpfleger mich zur Mitarbeit aufforderte; ich tat das gern, konnte ich doch an der richtigen Stelle Belange der Kirche vertreten.

Dass ich mich weiterhin für die Bodendenkmalspflege stark machte, sei erwähnt. Wenn man mir zunächst nur widerwillig Zugang zum Archiv des Heimatmuseums erlaubte, änderte sich das, als der neue Leiter Dr. Wassermann festgestellt hatte, dass ich schon als Schüler dabei war, als das Museum gegründet worden war. Hier wurde daraufhin, besonders wieder als Herr Morgenstern die Leitung übernommen hatte, um Mitarbeit gebeten, der ich mich nicht versagte. Kleine Arbeiten zur Stadt- und Kirchengeschichte kamen dann auch in den Heimatkalender. Kurzum, Anklam war eine Zeit, in der ich ohne Hetze Kenntnisse und Begabung einbringen konnte, so dass ich mit Dankbarkeit an diese Periode zurückdenke, zumal ich als Pastor weitgehend Dienst tat. So hab ich in Vakanzvertretung auf dem Land und in der Stadt bis 1984 mindestens 110 Gottesdienste halten können, was mir nur recht war, hatte ich mir im Stillen doch immer wieder einmal vorgeworfen, nicht bis zum 70. Lebensjahr durchgehalten zu haben.