Tagebuch Juli 1927 - Juni 1928 (Auszüge)

1927

13. Juli
Freunde hat der Mensch nur wenige, für ein paar Tage oder Wochen wohl, doch für immer meist nur wenige. Nicht allen Menschen vertraut man alles an. Immer wieder mit andern Augen sieht man die Welt.

15. Juli
Die engste Freundschaft kann zur größten Feindschaft werden, wenn keine von beiden Parteien Nachgiebigkeit und Besonnenheit walten lässt. Freundschaft, die auf gegenseitiger Achtung und Anhänglichkeit gegründet ist, hält sehr lange.

18. August
Nie darf man mit seinen eigenen Leistungen zufrieden sein.

08. September
Was ist die Welt? Was der Mensch; die Tiere was ihr Leben? Was ist Gott? Wir wissen es nicht, und reden uns ein, dies sei Gott und halten es für Wahrheit. Doch was ist die Wahrheit? Gibt es überhaupt Wahrheit? Für uns. ist Wahrheit das, was wir dafür halten. Gott ist ein Wille, eine Kraft, die überall ist, wie weit er herrscht, das weiß man nicht.

16. September
Freundschaft und Freundschaft sind zweierlei. Einen Menschen, den man täglich sieht und mit dm man täglich verkehrt, nennt man Freund. Aber echte Freundschaft gegenseitige Offenheit und gegenseitiges Kennen kann man nur mit wenigen Pflegen.

22. September
17 lange Jahre bin ich alt. Bei manchen Wesen ist es ein Greisenalter, bei mir Lebensanfang. Schon wieder ein Jahr näher dem Tode, dem Ende, dem Ziel, für das man das ganze Leben lernt und wirkt; nicht eher hast du ausgelernt, ehe du tot bist. Drum lerne, Mensch, es ist sehr viel.

28. September
Es gibt etwas was man Ahnung nennt. Wenn manche das für Unsinn für Unsinn halten, so sind sie im Irrtum. Ahnungen gründen wohl auf Tatsachen, aber sie sind auch nicht ganz frei von jeder Überlegung.

04. Oktober
Können wir Menschen von Jetzt eigentlich noch an Jesus glauben? Wie lange ist es schon her, dass erlebte und wirkte. Was wir von ihm wissen ist in einem Buch überliefert, von seinen Schülern und Jüngern. Gelebt hat er, das ist wohl geschichtlich festgelegt, doch war er das, wofür wir ihn halten? War er nicht doch uns „Jetztmenschen“ näher als wir ahnen! aber lernen wir ihn nicht entstellt durch Anschauungen andrer kennen! Weg mit allen falsch zu verstehenden Frömmigkeiten und Erzählungen! Für junge tatkräftige lebensfrische Menschen mehr sein Wollen weniger seine Duldsamkeit, mehr seine Lebensanschauung, die sich frei machte von Form und Sitte, wenn es Not oder zweckdienlich ist, als eine Lebensverachtung.

19. Oktober
Jeder Mensch muss von sich auf andre schließen. nur sich selbst kennt er einigermaßen, so kann er die anderen auch nur von seinem Standpunkt aus beurteilen.

20. Oktober
Jeder Mensch hat seinen eigenen Gott, selbst Leute gleicher Konfession haben jeder einen andern Gott.

25. Oktober
Freundschaft ist mehr als Verträglichkeit. Freundschaft ist der Gegensatz von Feindschaft; Feindschaft ist Hass oder Neid, Freundschaft ist Zuneigung, Liebe, aber nicht reibungslose Verträglichkeit.

26. Oktober
Gehässigkeit ist Neid und Hass. Es ist schlimmer wie jedes von beiden. Hass kann gut oder wenigstens verständlich sein, Neid verzeihlich, aber Gehässigkeit ist eine Sünde, ist Charakterfehler, ein niedriger, ein verachtenswerter.

27. Oktober
Ein Ziel ist die beste Triebfeder. sie ergänzt und vergrößert Fleiß und Lust.

28. Oktober
Des Menschen Seele ist ein Rätsel. Schon sich selbst erkennt man nicht, wie sollen andre, fremde Menschen eines Menschen Seele kennen! Woher kommt Lust und Ermattung, Freude und Schmerz? Wie viele Parteien leben in uns, gegen die wir mit unserm guten Erbe kämpfen müssen.

31. Oktober
Wer ist gut, wer ist schlecht. An uns sehen wir nur oder hauptsächlich nur das Gute, an andern aber zuerst das Schlechte, den guten Kern finden wir schwer, einige versuchen ihn zu verstecken, bei andern ist er versteckt. Also sollen wir mehr bei uns das Schlechte, bei andern das Gute suchen. Unrecht und Recht? Was der eine für Recht hält, hält der andere für Unrecht. Um das eigentliche Recht zu erkennen, müssen wir unser vermeintliches Recht und des andern Unrecht viel genauer aussondern, nicht alles des andern für falsch oder unrecht halten, sondern genauer, uns zuerst prüfen.

02. November
Man spricht sich in gelehrten Ausdrücken seine Unwissenheit von der Seele und vergisst, dass wir doch nie ergründen, den Grund aller Dinge, dass Gott doch vor allem und bei Allem ist.

12. November
Der Mensch wird immer und überall von der Unwahrheit umklammert. Einmal fordert es die Höflichkeit, dass er entweder nicht die Wahrheit sagt oder schweigt, was auch eine Lüge ist. Dann wieder eines Vorteils oder auch einer Schwäche, Feigheit oder anderer Untugenden wegen.

25. November
Noch sind wir nicht vollkommen im Glauben an Gott, es wird eine Zeit geben, wo man auf Christus aufbauen wird zu anderem höheren Glauben. Zuerst glaubte der Mensch an Sonne, Mond und Sterne, dann an viele Götter, aus diesen vielen wurde einer der Herr. Doch auch dieser wandelte sich im Anblick der Menschen: vom Richter wurde er zum gütigen Vater. Sein Sohn ist die Liebe, doch noch immer herrscht Hass, immer noch gelten: Auge um Auge, Zahn um Zahn und Macht vor Recht.

1928

19. Mai
Sonnabend bekam ich einen Privatschüler, jeden Tag 1/2 Stunde. Fahrt beschlossen.

25.–31. Mai
Rügenfahrt vom 25. Mai 1928 bis zum 31. Mai Am Freitag, den 25. Mai begannen um 1 Uhr die Pfingstferien. Von der Schule fuhren wir, Helmut und ich, sofort nach Hause, aßen Mittag und fuhren dann mit der Bahn nach Stralsund, ließen uns dort mit dem Trajekt nach Altefähr übersetzen. Von hier fuhren wir dann die Landstraße lang nach Gingst, unserm 1.Ziel. Hier wurden wir in der Jugendherberge sehr gastlich von dem dortigen Lehrer aufgenommen, ließen uns auch die Kirche zeigen.

Am andern Tag fuhren wir ungefähr um 8 Uhr von Gingst wieder ab und kamen um 11 Uhr in Seehof an; von hier aus hatten wir eigentlich vor, nach Hiddensee zu fahren. Aber 1. kam der Fährmann zu spät und dann war uns die Überfahrt ( 1 M. ) pro, Person für 1 Fahrt zu teuer Die Jugendherberge in Seehof ist sehr fein und erst 1927 erbaut, dort übernachteten wir. (Wir kochten uns eine Erbswurst) Am Nachmittag fuhren wir nach Schaprode und kauften für die Feiertage ein (Gries, Reis u. Brot)

Bei dieser Gelegenheit sahen wir die Schaproder Kirche und einen alten Sühnestein an der Wegkreuzung. Abends spielten wir mit Stralsundern zusammen Handball. Am 1.Pfingsttag fuhren wir um 3/4 9 von Seehof ab nach Breege, ließen uns von der Wittower Fähre übersetzen und kamen um 3/4 11 Uhr in Breege an, aßen Mittag (Kuchen) und fuhren um 1/2 3 nach Arkona ab. Dort aßen wir unsern Kaffeekuchen auf und gingen dann an der Küste entlang nach Breege zurück. Hier in Breege trafen wir in der Jugendherberge Karlhorster Jungmänner, die auf einer Rügentour waren und am 3. Juni nach Stralsund wollten.

Am 2. Pfingsttag brachen wir um 3/4 8 auf, trotzdem das Wetter nicht gut zu werden versprach. Auf dem Weg nach Saßnitz trafen wir ungefähr vor Glowe Wagner und Grimmer, die ebenfalls auf Tour waren; mit ihnen zusammen fuhren wir über Sagard nach Saßnitz, wo wir um 1/4 11 ankamen. Unterwegs waren wir nass geworden. Um 1/2 1 gingen. wir dann an der Küste entlang nach Stubbenkammer. Dort aßen wir unsern Kuchen und gingen dann den Waldweg zurück. Um 6 Uhr waren wir zu Hause in Saßnitz. Dort sahen wir das Schulschiff „Größherzogin Elisabeth“ vom Schulschiffsverein an. Abends kochten wir uns Kakao.

Von Saßnitz fuhren wir dann ungefähr um 1/2 9 nach Binz ab. Mittags kochten wir in der schmalen Heide ab (Gries ) und badeten. Abends hörten wir uns in Binz die Kurmusik an.

Von Binz fuhren wir nun, immer beim besten Wetter nach Garz, kamen vormittags in Putbus an, sahen uns Schloss und Park an und fuhren dann nach Lauterbach, wo wir badeten und abkochten. (Reis mit Feigen). Um 5 kamen wir dann in Garz an, besahen uns die Kirche und übernachteten im Erziehungsheim. Von Garz fuhren wir dann über Greifswald, wo wir 2 Stunden Rast machten, nach Anklam und waren um 3 in Anklam.

11. Juni
Montag. Der Schatten ist etwas Reelles, denn er ist die Ursache etwas Reellen des Gegenstandes und des Lichts. Man kann ihn ja aber doch nicht anfassen, sehen kann man ihn zwar? Kannst du die Wolken, den Nebel, den Dampf, das Licht als Schein anfassen? So also kann der Schatten doch reell sein. Aber, Lieber, beim Nebel und beim Dampf merk ich etwas Feuchtigkeit, beim Licht Wärme oder Farbe. Wenn du also das Licht als etwas Reelles ansiehst, so ist auch der Schatten als Gegenteil vom Licht reell.